„Team Wallraff“ und die Rurtalwerkstätten: TV-Beitrag, der Fragen offen lässt

Von: Carsten Rose
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RTL-Reporterin Caro Lobig undercover in den Rurtalwerkstätten. Foto: Screenshot
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RTL-Reporterin Caro Lobig arbeitete im Auftrag des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff als Praktikantin vier Tage in den Rurtalwerkstätten Düren. Foto: Screenshot
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Die Geschäftsführer Wolfgang Nettersheim und Klaus Segschneider aus dem Berufsbildungsbereich beklagen die einseitige Darstellung. Foto: C. Rose

Düren. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung und gerade auch mit psychisch eingeschränkten Personen findet immer auch in einem Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit statt – in einem sensiblen Bereich, der selten für pauschale Aussagen taugt.

Um die Wirklichkeit zu überprüfen, hat sich eine investigative RTL-Journalistin vom „Team Wallraff“ auf Undercover-Mission begeben – unter anderem bei den Rurtalwerkstätten in Düren. Sie behauptete, dort Missstände entdeckt zu haben.

Die Verantwortlichen der Rurtalwerkstätten, die eine Einrichtung zur Förderung von geistig behinderten und psychisch kranken Menschen sind, haben nun ihrerseits Stellung bezogen. Ihr Fazit: Der Betrieb werde ins schlechte Licht gerückt – auch weil Zusammenhänge nicht erklärt und Aspekte nicht erwähnt worden seien. Während die Teilnehmer im Betrieb ebenfalls von einer verzerrten Darstellung sprechen, bleibt die RTL-Reporterin bei ihrer Ansicht.

„Das ist ein Witz hier“

Der Beitrag: Die RTL-Reporterin Caro Lobig hatte sich als Praktikantin Stephanie Sott bei den Rurtalwerkstätten eingeschleust und mit versteckter Kamera vier Tage recherchiert. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Rurtalwerkstätten ihren Förder- und Bildungsauftrag nicht erfüllen würden. Diesen Vorwurf belegt sie mit dem Argument, dass die Teilnehmer in der Produktion häufig große Industrieaufträge in monotonen Arbeitsschritten erledigen müssten und keine Schulungen erhalten würden.

Außerdem würden die Gruppenleiter ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen. Sowohl einzelne Teilnehmer als auch Mitarbeiter bestätigten die Vorwürfe während des versteckten Drehs. „Das ist ein Witz hier. Ich bin langsam der Meinung, dass die Bundesagentur für Arbeit nicht weiß, was hier wirklich abgeht“, sagt zum Beispiel ein Teilnehmer des Berufsbildungsbereichs.

Rund 900 Menschen

Die Rurtalwerkstätten beschäftigen in Düren auf acht Häuser verteilt rund 900 Menschen. Einerseits sind die Rurtalwerkstätten eine Betreuungs- und Beschäftigungseinrichtung. Andererseits verfolgt das Unternehmen das Ziel, einige Menschen wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Und das sowohl mit einem geregelten Arbeitsalltag als auch mit Schulungen. Im Jahr 2016 (Stand Dezember) waren 144 Menschen im Berufsbildungsbereich (BBB) beschäftigt, davon 55 im Berufsbildungszentrum, dem BBB für psychisch Kranke. Nach Angaben des Unternehmens haben zwei Prozent der BBB-Teilnehmer im vergangenen Jahr wieder den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt gefunden.

Die Rurtalwerkstätten sind eine gemeinnützige GmbH. Der Landschaftsverband Rheinland ist Auftraggeber für den Bereich Arbeit. Die Bundesagentur für Arbeit ist für den BBB verantwortlich. Die Produktionserlöse, die mit Industrieaufträgen erwirtschaftet werden, müssen zu mindestens 70 Prozent an die betreuten Mitarbeiter ausgezahlt werden. Heutige Gesellschafter sind die Lebenshilfe Düren und das Heilpädagogische Eingliederungszentrum Lebenshilfe HPZ Bürvenich.

Wolfgang Nettersheim ist seit Oktober 2016 Geschäftsführer der Rurtalwerkstätten; insgesamt arbeitet er seit drei Jahren dort. Er erklärt, dass eine zeitliche Einordnung wichtig sei, um zu verstehen, warum die Situation in dem TV-Beitrag so dargestellt wurde. Die RTL-Reporterin habe sich für ein zweiwöchiges Praktikum gemeldet, war indes nur vier Tage, vom 17. bis zum 20. Mai 2016, vor Ort. Nettersheim erläutert, dass der Bereich, in dem die Reporterin verdeckt gefilmt hat, zu jenem Zeitpunkt erst einen Monat in dieser Form existiert habe.

„Und der Sozialdienstmitarbeiter, der für die Schulungen zuständig war, erst kurz vorher verstorben. Daher sei die Stelle nicht besetzt gewesen“, sagt Nettersheim. Weil man sich noch „in der Findungsphase“ befand und viel zu regeln gewesen sei, wie es Patrick Scheuer, der Pädagogische Leiter sagt, sei es mitunter vorgekommen, dass sich das Personal nicht vollständig kümmern konnte. Die Verantwortlichen beklagen außerdem, dass der Bericht „nicht ausgewogen“ gewesen sei. Es wurde nur gezeigt, wie die Mitarbeiter Bördelkappen (Deckel für Infusionsfläschchen) zusammengesteckt haben. Nicht zu sehen war die Schreinerei einen Raum weiter, in der die Mitarbeiter heute beispielsweise Vogelhäuser bauen.

Dass die Rurtalwerkstätten Industrieaufträge mit großer Stückzahl bearbeiten, bestreitet der Geschäftsführer nicht. Wolfgang Nettersheim sagt indes auch: „Mit dieser Arbeit lernen die Menschen Grundfertigkeiten wie Durchhaltevermögen. Außerdem gibt die Arbeit den Menschen eine Tagesstruktur, die sie vorher nicht hatten. Sie sind ja nicht ohne Grund bei uns.“ Wolfgang Nettersheim betont, dass ab Ende des Monats nun fünf anstatt drei Personen im Vertrieb arbeiten werden, um „passende Aufträge“ zu akquirieren, was „generell schwierig“ sei. Die Aufstockung sei „unabhängig“ vom RTL-Bericht. Dennoch nehme die Leitung die Vorwürfe ernst.

Abgesehen von der RTL-Reporterin hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) nach eigener Analyse Probleme bei den Rurtalwerkstätten ausgemacht. „Die Prüfer der Bundesagentur für Arbeit haben 2016 festgestellt, dass die Rurtalwerkstätten in der Praxis die Grundsätze des BBB nicht eingehalten haben. Dazu zählt u.a. die Einhaltung der Personalschlüssel, sowie die konsequente Umsetzung des vereinbarten Bildungsauftrages“, heißt es im BA-Antwortschreiben auf RTL-Anfrage, das BA-Sprecher Christoph Löhr auf Anfrage bestätigte.

Löhr bestätigt auch, dass den Rurtalwerkstätten die Anerkennung als Auftragsnehmer im BBB entzogen werden könne, wenn die Probleme nicht behoben werden. Indes sagt er auch: „Wir haben immer die Menschen im Sinn. Im März gibt es Gespräche über die Konzepte der Rurtalwerkstätten, und es wird auch noch mal mehr Zeit gewährleistet. Aber grundsätzlich hat RTL mit seinen Recherche-Ergebnissen recht.“ Im Kern geht es darum, dass nach BA-Untersuchungen eine Trennung zwischen Berufsbildung und Produktion nicht zu erkennen sei. Die bislang vorgelegten Konzepte, um die von den Rurtalwerkstätten betreuten Personen wieder auf den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, würden nicht ausreichen. Es geht sowohl um die geistig behinderten als auch die psychisch erkrankten Menschen, die in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt sind.

Nettersheim sagte auf Anfrage, dass das Unternehmen deswegen seit Oktober mit der Bundesagentur in Kontakt stünde. Zudem haben sich die Rurtalwerkstätten am Montag mit dem Team Wallraff zu einem vertraulichen Gespräch getroffen, um die Kritik durchzugehen. Karla Steuckmann, die Redaktionsleiterin des Teams Wallraff, sagte auf Nachfrage, dass es ein „nettes Gespräch“ gewesen sei und „man in Kontakt bleibt“.

Und was sagen die psychisch kranken Teilnehmer des Berufsbildungsbereichs, die heute gut neun Monate nach dem Dreh in Düren beschäftigt sind? Etwa 30 von ihnen haben sich am Dienstag in der Kantine versammelt und die Einrichtung durchweg gelobt – und den Bericht kritisiert. Klaus Segschneider, der BBB-Sprecher, sagte zum Beispiel: „Es kann mal vorkommen, dass wir monotone Arbeit machen müssen. Aber das ist nicht Alltag. Wir haben aber mindestens zwei oder drei Schulungen zur Sicherheit oder Allgemeinbildung in der Woche.“ Zwei weitere Personen äußerten, sie seien auch von der verdeckten Journalistin befragt worden – ihre positive Meinung hätte sie aber nicht interessiert und sind daher auch nicht im Beitrag zu sehen gewesen.

Caro Lobig, die RTL-Reporterin, widerspricht auf Anfrage diesen Schilderungen: „Ich kann guten Gewissens sagen, dass ich keine positiven Äußerungen gehört habe.“ Vor Ort hätten sich die Personen eigenständig bei ihr „ausgelassen“, sich aber anders verhalten, wenn Gruppenleiter in der Nähe gewesen seien. Etwa „20 bis 30 Zitate“ aus dem Skript habe sie sich noch einmal angeschaut – die Kommentare seien überwiegend negativ gewesen.

Die Teilnehmer hätten sich über fehlende Herausforderungen und „langweilige Schulungen“ beschwert. Lobig erklärt zudem, dass kein Informant, der sich im Vorfeld über die Rurtalwerkstätten beschwert habe, mit versteckter Kamera befragt wurde. Insgesamt hätten sich vier Personen an das Team Wallraff gewandt, damit sich die Journalisten bei den Rurtalwerkstätten umschauen.

Lobig will nicht in Abrede stellen, dass sich BBB-Teilnehmer auch wohlfühlen, aber nicht jeder wollte mit ihr sprechen. Außerdem fokussiere sich die Redaktion darauf, das zu zeigen, „was schiefgeht“. Es würde auf Zuschauer unglaubwürdig wirken, auch etwas Positives zu zeigen.

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