Tausende Burgen per Mausklick

Von: Jens Höhner
Letzte Aktualisierung:
7364825.jpg
Eine Festung wie aus dem Bilderbuch: Die Burg Hengebach ist das markante Wahrzeichen der Stadt Heimbach in der Rureifel. Foto: stock/Rech
7364484.jpg
Akribisch: Jens Friedhoff hat die Burgen im Rhein-Sieg-Kreis bearbeitet. Foto: J. Höhner

Köln/Braubach. Sie sind durch Wälder gewandert und über Wurzeln gestolpert, haben sich durch manche Dornenhecke gekämpft und sind steile Hänge heruntergeschlittert. Forschung kann eben ganz schön weh tun. Doch während die Kollegen blaue Flecken kühlen und blutige Wunden verbinden, steht Jens Friedhoff höchstens vor verschlossenen Pforten. „Nein, mir ist wirklich nichts passiert“, versichert der 46 Jahre alte Archivar der Stadt Hachenburg im Westerwald.

Sein Arbeitsgebiet war der Rhein-Sieg-Kreis, in der Region zwischen Köln und Bonn hat er 111 Burgen und Ruinen erfasst und dokumentiert. „Und die sind meistens sehr gut zugänglich, man muss allenfalls die großen Straßen verlassen“, sagt der Historiker. Er ist einer von 78 Autoren, die sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in Rheinland-Pfalz Festungen aus dem Mittelalter erkundet sowie in Zahlen und Fakten aufgearbeitet haben. Und nach einer Arbeitszeit von drei Jahren sind die Burgen jetzt ins Netz gegangen: Europas erste Datenbank für Festungsanlagen ist online. 105 Einträge gibt es übrigens für Düren und das Aachener Land.

Jüngst haben das Europäische Burgeninstitut der Deutschen Burgenvereinigung, selbst mit Sitz auf der Marksburg im rheinland-pfälzischen Braubach, und die NRW-Stiftung das gemeinsame Projekt vorgestellt. 4000 Gemäuer aus ganz Deutschland sind heute schon per Mausklick zu erreichen. Insgesamt zählt der Bestand 4500 Bauwerke, 500 davon stehen wiederum im europäischen Ausland. 19 neue Einträge stammen zum Beispiel aus Dänemark, sechs aus Finnland. Und dafür haben etliche hauptamtliche Forscher des Burgeninstituts und ehrenamtliche Helfer aus der Wissenschaft oftmals unwegsames Gelände betreten, denn es galt, Ruinen und versteckte Mauerreste ebenso zu erfassen wie eine Burg, die immer noch zugänglich ist.

Ein echtes Burgenland

Doch nicht nur für die historische Arbeit sind die gesammelten Daten von großem Wert: Das zitierfähige Online-Inventar weiß nicht nur auf die Frage, ob die gesuchte Anlage vielleicht eine Motte, eine Fliehburg oder eine Trutzfeste ist, sofort eine Antwort. Ebenso prompt erfährt der Nutzer, ob die Anlage Schaulustigen offensteht, ob es dort ein Museum und Führungen gibt oder sogar ein Café den Ausflügler hinter den dicken Mauern erwartet. „Eine Anfahrtsbeschreibung ist natürlich auch vorhanden“, betont Barbara Schock-Werner, heute Präsidentin der 114 Jahre alten Burgenvereinigung und frühere Kölner Dombaumeisterin. „Alle Versuche zuvor, ein solches Register anzulegen, sind leider immer gescheitert aufgrund der Masse und des Aufwands.“ Schließlich sei Deutschland ja ein echtes Burgenland: Rund 25.000 Bauten, so schätzen Experten wie Barbara Schock-Werner, sind in irgendeiner Form erhalten. Dabei haben die Macher mit 2207 Burgen allein in Nordrhein-Westfalen ordentlich vorgelegt, alle anderen Bundesländer sollen möglichst bald folgen.

Dafür suchen die Initiatoren eben nach Stiftungen oder anderen Einrichtungen, die helfen wollen, das Projekt bundesweit zu etablieren. Burgenfreunde seien aber ebenso gefragt, ergänzt Reinhard Friedrich, Leiter des Europäischen Burgeninstituts, und holt per Klick eine Karte nach der anderen auf den Bildschirm: Schon heute tummeln sich darauf die gelben Burgensymbole zuhauf, burgenleer scheint der Umkreis von Köln. „Im Ruhrgebiet gibt es dagegen mehr Burgenbauten als wir selbst zuvor gedacht haben.“

Besonders interessant seien die Besuche im Objekt immer dann, wenn die Burgen in Privat- oder Familienbesitz seien, erklärt unterdessen Jens Friedhoff und freut sich: „Dann erschließen sich oftmals völlig neue Quellen, und die Gebäude sind meistens sehr gut in Schuss – ein großes Glück.“ Sein Favorit ist ganz klar die Löwenburg, auch wenn diese nur noch eine Ruine auf einer grünen Kuppe ist: Friedhoff ist gern den Hausberg von Bad Honnef (bei Bonn) hinaufgeschnauft, um bei seiner Forschungsarbeit die spektakuläre Aussicht über das Rheintal zu erleben. Dagegen graust es ihn, wenn er von alten Mauern sprechen muss, in die moderne Wohnungen eingezogen sind. „Das ist ein elementarer Eingriff zu einem hohen Preis“, bedauert er.

Dass mit Schloss Merten bei Eitorf auch bereits ein vermeintliches Schloss in die Datenbank geraten ist, hat nach Angaben von Jens Friedhoff einen guten Grund: Vorgänger des heutigen Gebäudes war eine spätmittelalterliche Kastellburg. „Und wenn es an Ort und Stelle einmal eine Burg gegeben hat, haben wir die Anlage ebenfalls ins Inventar aufgenommen.“

Schlösserliebhabern steht die Sammelarbeit ebenso offen, erklärt dazu das Burgeninstitut. Denn den Prachtbauten werde ein künftiges Datenprojekt gewidmet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert