Aachen - Tausende an TH und FH psychisch krank

Tausende an TH und FH psychisch krank

Von: Axel Borrenkott
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„Empfindliche Lebensspanne”:
„Empfindliche Lebensspanne”: RWTH - hier ein Archivbild - und FH Aachen wollen ihren Studierenden und Doktoranden mit psychischen Problemen besser und schneller helfen. Heute eröffnet das gemeinsame „Zentrum für Psychische Gesundheit” im Uniklinikum. Foto: dpa/Ralf Roeger

Aachen. Die RWTH und die FH Aachen haben zusammen 46.000 Studierende. Bis zu 11.000 davon leiden unter psychischen Problemen, jedenfalls statistisch gesehen. Ihnen soll jetzt besser und schneller geholfen werden.

Am Dienstag wird im Aachener Uniklinikum ein „Zentrum für Psychische Gesundheit” (ZPG) eigens für Studierende sowie für Doktoranden eröffnet.

„Freitags um fünf brennt es in der Psychiatrie”, sagt Frank Schneider. Nicht weniger dramatisch als die Zahlen klingen manche Worte, die zur Begründung des Bedarfs für die neue Einrichtung gewählt werden. Doch die wochenendliche Flucht offenbar zahlloser psychisch desolater Studenten in die Notaufnahme der Psychiatrie ist nur eins der mehrschichtigen Motive für das spezielle Gesundheitszentrum.

Schneider, unter anderem Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, hat die Idee für das ZPG seit einigen Jahren vorangetrieben und schließlich die Rektorate von RWTH und FH überzeugt, dafür zusammen 150.000 Euro (für zunächst zwei Jahre) lockerzumachen. Selbstverständlich ist das nicht. Schließlich verfügt die RWTH über mehrere etablierte Hilfeeinrichtungen für Studierende.

Abbrecherquote senken

So bietet die Zentrale Studienberatung mit eigenen Psychologen Seminare und Einzelberatung an bei Prüfungsangst, Stress, Kontaktproblemen, anderen Ängsten und Störungen der Lernfähigkeit. Für medizinische Versorgung aller Art ist der Hochschularzt zuständig, das Gleichstellungsbüro kümmert sich (auch) um von Diskriminierung Betroffene, und nicht zuletzt der AStA ist Anlaufstelle für Studierende in vielerlei Notlagen. Und die FH hat gerade erst zwei Psychologinnen eingestellt.

Das alles aber scheint nicht zu reichen, muss jedenfalls ergänzt werden durch spezielle psychiatrische Expertise, sagt Schneider. „Was fehlt, ist die Hilfe, wenn jemand wirklich psychisch krank ist.” Man wolle aber helfen, „bevor das Kind in den Brunnen gefallen” sei. Denn: „Bis man bei niedergelassenen Psychotherapeuten einen Termin bekommt, können Monate vergehen.”

Der Bereitschaftsdienst der Klinik für Psychiatrie hingegen, an dem das Zentrum angesiedelt ist, steht jeden Tag rund um die Uhr zur Verfügung. Das ZPG versteht sich aber nicht nur als Notaufnahme, sondern auch als „präventives Angebot zur niedrigschwelligen Kontaktaufnahme”. Eine längerfristige Behandlung wird dort jedoch nicht geleistet. Aufgaben der Krankenversicherungen sollen „grundsätzlich nicht übernommen werden”.

Was die Rektorate vom Sinn einer solchen Einrichtung überzeugt haben dürfte, liegt aber auch auf einer anderen Ebene. „Gerade als Exzellenz-Universität sollten wir uns gerade um die Schwachen kümmern”, sagt Schneider. Anders gesagt: Wer möglichst gute Absolventen, möglichst wenige Studienabbrecher und Langzeitstudenten haben will, tut gut daran, sich beizeiten und professionell um die seelische Gesundheit seiner Studierenden zu sorgen.

Keine sicheren Zahlen

So heißt es auch im Konzept für das ZPG: „Der Mehrwert für die RWTH und die FH im Aufbau eines solchen Zentrums besteht in einer optimalen, zeitnahen Versorgung ihrer Studierenden und Doktoranden sowie in einer Profilierung nach außen als wissenschaftliche Einrichtung, die sich auch um eine besonders gefährdete Gruppe aktiv kümmern.”

Was aber weiß man tatsächlich über die psychischen Probleme von Studierenden und deren Größenordnung in Aachen? Mit konkreten Zahlen tut man sich offenkundig schwer. Im Konzept aus dem Jahr 2010 führt Schneider mit Bezug auf Studien der Uni Heidelberg pauschal an, dass „20 bis 25 Prozent der Studierenden unter psychischen Problemen leiden”. So kommt man auf die potenziell 9000 bis 11.000 Betroffenen an RWTH und FH Aachen.

Die psychologische Leiterin des ZPG, Birgit Derntl, sagt: „Wir haben noch keine sicheren Zahlen für die TH und die FH.” Die Juniorprofessorin verweist aber auf die jüngsten Erhebungen der Techniker Krankenkasse, nach denen 20,5 Prozent der Studierenden „psychisch belastet” seien. In der Tat zeigt die Auswertung ihrer Versicherten-Daten erhebliche Anstiege von psychotherapeutischen Behandlungen, Krankschreibungen sowie bei der Verordnung von Antidepressiva. Psychische Krankheiten sind auch teuer. Den Anteil der Studierenden mit depressiven Störungen an den beiden Hochschulen schätzt Derntl auf zehn Prozent. Das alleine wären fast 5000 junge Menschen.

„Studenten leben in einer extrem empfindlichen Lebensspanne”, sagt Dr. Michael Paulzen, der Ärztliche Leiter des ZPG. „Von zuhause entwurzelt, unreif, überfordert, ohne Zukunftsperspektive.” Viele Störungen tauchten ab dem 18. Lebensjahr auf, auch die Entstehung schizophrener Formen.

Doktoranden wiederum litten unter dem Druck der Gleichzeitigkeit von Prüfung, Familiengründung und Existenzsicherung. Die generell häufigste Störung ist übrigens, wie eine Untersuchung an der Mannheimer Uni zutage förderte, die Alkoholabhängigkeit, deutlich häufiger bei Männern.

Und wie viel hat es mit den Studienbedingungen zu tun, zumal mit dem Bachelor? Wie berichtet, entziehen sich an TH und FH zigtausende Studierende aus Angst vor einer schlechten Note den Prüfungen per Attest. „Von Prüfungsangst, Zeitdruck, dem Druck, unter den Besten sein zu müssen, um einen Job zu kriegen: Davon berichten durch die Bank alle Studenten, die zu uns kommen”, sagt Derntl.

„Gefühlt werden es immer mehr Studenten, und sicher hat es auch mit dem Bachelor zu tun”, meint auch Professor Schneider. Doch glaubt er nicht, dass heute mehr Studenten krank sind als früher, sondern dass es mehr Behandlungen gibt und eher Hilfe gesucht wird. „Ich kann nicht mehr”, höre er jetzt öfter von Studenten.
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