Aachen/Düren/Dortmund - Tausche Führerschein gegen Bahnticket

Tausche Führerschein gegen Bahnticket

Von: Thomas Eßer und Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Freiwillig abgeben? In einigen Städten Nordrhein-Westfalens will man besonders älteren Autofahrern die Entscheidung leichter machen und bietet den Tausch „Führerschein gegen Busticket“ an. Foto: Stock/People

Aachen/Düren/Dortmund. „Der alte Lappen lag sowieso nur noch herum, da konnte ich ihn auch eintauschen“, sagt Gerda Böseler. Die 82-jährige Dortmunderin hat sich freiwillig von ihrem Führerschein getrennt und die Fahrerlaubnis gegen Tickets für den Nahverkehr getauscht.

Unter dem Titel „Senioren tauschen Führerschein gegen Monatstickets“ unterstützen die Stadtwerke Dortmund ältere Menschen, die dem Führerschein freiwillig Lebewohl sagen. Die Senioren bekommen die Gelegenheit, den ÖPNV zwei Monate umsonst kennenzulernen.

Andere Städte in Nordrhein-Westfalen bieten ähnliche Aktionen an. So können auch Senioren in Essen, Münster und Rheine ihre Fahrerlaubnis gegen Tickets für Bus und Bahn tauschen. Die Dürener Kreisbahn (DKB) hält für alle, die eine Verzichtserklärung für ihren Führerschein abgeben, eine Geschenkbox bereit. Der Inhalt: eine Monatskarte für das Gesamtnetz des Aachener Verkehrsverbundes, ein Tagesticket für den Kreis Düren sowie Info-Material zum Bus- und Bahnverkehr. Nach Ablauf von zwei Jahren kann man die Erklärung wieder zurücknehmen, dann ist allerdings erneut eine theoretische Prüfung erforderlich.

Bei der Aseag in Aachen ist zurzeit nichts in dieser Richtung geplant. Nur zwischen März und August 2009 konnten hier Interessierte ihren Führerschein für einen Monat gegen eine kostenlose Monatskarte eintauschen. Die Monatskarte war im gesamten Gebiet des Aachener Verkehrsverbundes gültig und beinhaltete zusätzlich eine Mitnahmekomponente: Bis zu zwei Erwachsene und drei Kinder unter 15 Jahren konnten das Ticket von Montag bis Freitag ab 19 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen ganztägig nutzen.

Zudem konnte das Angebot zeitlich flexibel in Anspruch genommen werden – also beispielsweise auch zur Monatsmitte begonnen werden – und galt für alle Personengruppen aus Stadt und Kreis Aachen. „An der Aktion haben seinerzeit rund 2000 Menschen teilgenommen“, berichtet Aseag-Sprecherin Anne Linden.

Weniger erfolgreich war das „Autofasten“ des Bistums Aachen in diesem Jahr. Autofahrer hatten die Möglichkeit, nach Anmeldung zur Aktion ihren Wagen für die Dauer einer Woche im Apag-Parkhaus in der Innenstadt abzustellen. Sie erhielten während dieser Zeit kostenfrei ein entsprechendes Wochenticket der Aseag. Bedingung: Der Pkw musste eine Woche lang im Parkhaus verbleiben. Wäre die Ausfahrt vorher erfolgt, hätte man eine entsprechende Parkgebühr berechnet und das Wochenticket eingezogen. „An dieser Aktion haben sich weniger als zehn Menschen beteiligt“, erläutert Anne Linden.

„Ein Erfolg“ heißt es stattdessen aus Rheine. Seit der Einführung im Jahr 2012 tauschten dort mehr als 300 Menschen Führerschein gegen Ticket. Auch in Dortmund ist die Nachfrage konstant hoch: „Die Aktion gibt es seit 2002 und wird jedes Jahr von rund 100 Senioren genutzt“, erklärt Hans-Peter Frittgen von den Stadtwerken Dortmund. Es seien unterschiedliche Gründe, die die älteren Menschen dazu brächten, ihre Fahrerlaubnis abzugeben. „Bei fast allen ist jedoch die Einsicht da, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ein Auto zu führen“, sagt Frittgen.

Gerda Böseler hat sich nach einem Umzug in die Nähe der Innenstadt entschieden, nicht mehr selbst zu fahren. „Weite Strecken habe ich sowieso nicht mehr gerne zurückgelegt“, meint die Rentnerin, „und Ziele in der Nähe erreiche ich auch super mit Bus und Bahn.“ Früher sei sie viel Auto gefahren und habe auch häufig Freunde mitgenommen.

Zu ihrem alten Ford, den sie nun ihrem Neffen geschenkt hat, hatte die 82-Jährige ein ganz besonderes Verhältnis. So trug das Auto sogar einen Kosenamen. „Mein ‚Herbie‘ hat mich nie im Stich gelassen“, schwärmt sie von der Zuverlässigkeit ihres Lieblings auf vier Rädern.

Franz Kannenberg vom Dortmunder Seniorenbeirat hält die Tausch-Aktion für eine gute Idee. „Jeder Senior, der nicht mehr sicher am Verkehr teilnehmen kann, sollte freiwillig den Führerschein abgeben“, meint er. Die Möglichkeit, die Fahrerlaubnis gegen ein Ticket zu tauschen, sei da ein guter Anreiz. Für eine besondere Risikogruppe hält er ältere Autofahrer jedoch nicht.

Nina Vogt von der Dortmunder Polizei gibt ihm recht. Zwar sei es nicht von der Hand zu weisen, dass die körperlichen und geistigen Fähigkeiten einiger Senioren nachlassen, über einen Kamm scheren dürfe man die älteren Verkehrsteilnehmer jedoch nicht. „Es gibt die 65-Jährige, die nicht mehr so gut sieht oder hört, und es gibt den 80-Jährigen, der noch topfit ist und seit 60 Jahren sicher Auto fährt“, erklärt Vogt.

Zwar bieten verschiedene TÜV-Gesellschaften Fahrtauglichkeitstests an, diese sind jedoch freiwillig. Letztlich entscheiden ältere Autofahrer also selbst, ob sie sich noch hinter das Steuer setzen oder nicht. „Viele ältere Fahrer sind sehr selbstkritisch“, sagt Klaus-Peter Kalendruschat, der als Verkehrspsychologe für den TÜV Nord arbeitet. „Sie merken, wenn sie Defizite haben, und fahren dann beispielsweise nicht mehr bei Dunkelheit oder Regen.“

Die Möglichkeit, den Führerschein gegen ein ÖPNV-Ticket zu tauschen, könne für Senioren ein Anlass sein, über die eigene Fahrtauglichkeit nachzudenken, meint Peter Meintz, Sprecher des ADAC Westfalen. Wichtig sei, dass die Abgabe der Fahrerlaubnis immer freiwillig erfolge. „Es darf nicht sein, dass ältere Menschen genötigt werden, ihren Führerschein abzugeben“, stellt er klar.

Gerda Böseler hat ihre Tausch-Entscheidung ganz alleine getroffen. „Der Tausch hat sich für mich gelohnt“, zieht sie ein positives Fazit. Ihren entwerteten Führerschein hat sich die 82-Jährige als Andenken mit nach Hause genommen. Ab und an vermisse sie ihr Auto ein wenig, gibt sie zu. Ihren Freunden fehle der Wagen jedoch fast noch mehr. „Meine Freunde sagen zu mir: ,Mensch, war das schön, als du deinen ‚Herbie‘ noch hattest und uns mitgenommen hast. Jetzt müssen wir alles zu Fuß oder mit der Bahn machen.‘“

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