Aachen - Tattoo-Expo in Aachen: Die neue Kunst der Selbstinszenierung

Tattoo-Expo in Aachen: Die neue Kunst der Selbstinszenierung

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Auf verschiedene Weise mit dem Tätowieren befasst: der Aachener Künstler Tim Berresheim (links) und der Aachener Tätowierer Andreas Coenen.
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Wurde mit Hilfe seiner Tätowierungen zur Stilikone: der britische Fußballer David Beckham.

Aachen. Ein paar Stunden, nachdem er 18 geworden war, hat Tim Berresheim sich „WASSENBERG“ über den Hintern tätowieren lassen, in Frakturschrift. Der Schriftzug ist geschwungen wie der Name auf dem Trikot eines Fußballspielers, nur halt nicht über den Schultern, sondern etwas tiefer.

 Mit zwei Freunden und 1000 Mark fuhr Berresheim damals in ein Tattoo-Studio nach Erkelenz, sieben Stunden und zwei Kästen Bier später hatten alle drei die gleiche Tätowierung an der gleichen Stelle ihres Körpers. „So fing es an“, sagt Berresheim, der in Wassenberg aufgewachsen ist, und es hat noch immer nicht aufgehört. Das Problem ist, dass es bis auf seine Stirn und sein Gesicht kaum mehr eine Stelle an seinem Körper gibt, an der er sich noch tätowieren lassen könnte.

Am Freitag beginnt in der Aachener Eissporthalle die erste „Kaiserstadt Tattoo Expo“, eine Art Tätowiermesse, ein internationaler Szenetreff. Für die weniger werdenden Menschen, die so gar nichts mit Tätowierungen anfangen können, mag die Tattoo-Expo eine Veranstaltung von Freaks für Freaks sein, aber für Menschen, die sich eingehender mit dem Tätowieren als Kunstform befassen, ist die Messe eine richtig große Sache, wie es sie in Europa nicht sehr oft gibt. Die Tattoo-Expo ist ein guter Anlass, der Frage nachzugehen, warum Tätowierungen früher die Versinnbildlichung gelebten Außenseitertums waren und heute Mainstream sind, womit man schnell wieder bei Tim Berresheim ist.

An einem Tag im September sitzt er in seinem Atelier in der Aachener Innenstadt und spricht über seine Tätowierungen. Er ist Künstler, aber obwohl er sich selbst von verschiedenen Tätowierern auch zu einem Kunstwerk hat machen lassen, spricht er über seinen fast vollständig tätowierten Körper mit einiger Distanz. Als junger Mann glaubte er, sein selbst gewähltes Außenseitertum mit weiteren Tätowierungen dokumentieren zu wollen. Ein paar Jahre später dann unterlag er dem Irrtum, wie er heute sagt, sich aus reiner Menschenverachtung hinter immer mehr Tätowierungen zu verstecken. „Aber auch das war irgendwie ein Irrglaube“, sagt er, „ich bin gar kein Misanthrop.“

Warum also dann die vielen Tätowierungen?

Die erste große Welle

Wahrscheinlich, glaubt Berresheim, hat er einfach nur die Menschen imitiert, die etwas in ihm ausgelöst haben: Freunde, Punker, Hobbymusiker, Rockstars. Manchmal schaut er auf seinen Körper und kann es selbst nicht glauben. „Berresheim, um Gottes Willen, warum hast Du Dir nur dieses Tattoo stechen lassen?“, sagt er dann zu sich, manchmal lacht er. Aber jede Tätowierung hat zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben einmal einen Sinn gehabt und deswegen auch heute noch eine Berechtigung, sagt er, „selbst wenn sie scheiße aussieht“.

Berresheim gehörte Anfang der 90er Jahre zur ersten großen Welle der Deutschen, die sich tätowieren ließen, die nicht im eigentlich Sinn zu einer Randgruppe gehörten, zu Strafgefangenen, Matrosen, Hafenarbeitern oder Rockern. Zwar waren Tätowierungen in verschiedenen Subkulturen verbreitet, im Punk etwa oder im Heavy Metal. Doch die Kommerzialisierung des Tätowierens begann erst Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, als diese Subkulturen durch Alben wie Nirvanas „Nevermind“ oder Metallicas schwarzes Album, transportiert von den Musiksendern MTV und Viva, ebenso wie die Tätowierungen zuerst nur der Musiker, später auch der Musikhörer, Teil der Popkultur wurden. Zum Heavy-Metal-Festival in Wacken kommen jedes Jahr fast 80.000 Menschen. Als das Festival 1990 das erste Mal stattfand, waren es 800.

Eine Studie des Allensbach-Instituts für Demoskopie kam im Sommer 2014 zum Ergebnis, dass 13 Prozent aller Deutschen tätowiert sind, fast 10,5 Millionen. Von den 16- bis 29-Jährigen waren es zu diesem Zeitpunkt 24 Prozent, von den 30- bis 44-Jährigen immerhin noch 20 Prozent.

Tätowieren, sagt Achim Eschbach, habe zu allen Zeiten mit Inklusion und Exklusion zu tun gehabt. Es war eine Art, die Zugehörigkeit zu einer kleinen Gruppe zu dokumentieren (Inklusion) und sich von einer größeren Gruppe oder gleich der ganzen Gesellschaft abzugrenzen (Exklusion). Eschbach stammt aus Eschweiler, ist Philosoph und als solcher emeritierter Professor der Uni Essen-Duisburg. Sein Forschungsgebiet ist die Semiotik, die Wissenschaft also, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst.

Dass aus dem Tätowieren mittlerweile Mainstream geworden ist, hat nach Eschbachs Ansicht vor allem damit zu tun, dass es „sehr schwer geworden ist, sich aus der Masse abzuheben“, in jeder Hinsicht. Fernseher, Autos, Urlaube, Häuser seien nicht mehr länger Ausweis einer materiellen Elite. Die Tatsache, dass in den 60er Jahren nur drei Prozent der Deutschen Abitur gemacht haben, es heute aber 55 Prozent sind, dient Eschbach als Beleg seiner These. Die Deutschen seien keineswegs um diesen gewaltigen Faktor gebildeter geworden, sagt Eschbach, „irgendetwas ist im Laufe der Jahrzehnte eingeebnet worden“. Der Drang, sich aus der eingeebneten Masse abzuheben, sei bei vielen offensichtlich ungebrochen.

Eschbach sagt aber noch etwas anderes: „Zeichen sollen etwas zeigen, das eigentlich nicht da ist.“

Der getötete Hamster

Drei Tage lang werden 120 der bekanntesten Tätowierer der Welt in Aachen sein, doch die größte Sache ist vielleicht die Ed-Hardy-Ausstellung, deren Eröffnung am Donnerstagabend gefeiert wird. „Ed Hardy“ ist nur in zweiter Linie ein Modelabel; in erster Linie ist Ed Hardy ein 71 Jahre alter Mann aus San Francisco, ohne den Tätowieren vielleicht niemals zum Trend geworden wäre. Ed Hardy ist so etwas wie der Elvis Presley des Tätowierens, eine Legende. Hardy hat in einem Interview mit der „Zeit“ vor einigen Jahren gesagt: „In einer Welt, in der alles digital wird und Religion und Herkunft ihre Bedeutung verlieren, zeigt eine Tätowierung, wer Du bist.“

Andreas Coenen hat es geschafft, die Ed-Hardy-Ausstellung nach Aachen zu holen, außerdem ist er Organisator der „Kaiserstadt Tattoo Expo“. Zu seinen ersten Tattoos kam er auf ähnliche Weise wie sein Freund Tim Berresheim, Coenen war Punker und hat die Tattoos anderer Punker gesehen. Irgendwann begann er, sich mit Tattoos auseinanderzusetzen und machte einen Beruf daraus. Seit 1997 betreibt er ein Studio in Aachen.

Er kennt 1000 Gründe, aus denen Menschen sich tätowieren lassen, und er findet es schön, wenn jemand zu ihm kommt, der eine Tätowierung haben will, die für denjenigen eine tiefe Bedeutung besitzt. Er hat Witwen erlebt, die sich unter Tränen die Namen ihrer gestorbenen Männer haben tätowieren lassen, da war das Tattoo ein Bewältigungsmittel innerer Anspannung. Er hatte aber auch mal einen Kunden, sagt Coenen, der einfach keinen Grund fand, sich tätowieren zu lassen. Er kaufte sich einen Hamster, gab ihm einen Namen und tötete ihn dann. Anschließend ließ er sich den Namen des Hamsters auf den Arm stechen. Was für Geschichten.

Die Menschenschlange

In einer wissenschaftlichen Arbeit, die Achim Eschbach kürzlich betreut hat, steht, dass auch die Schmerzerfahrung ein Grund sein könne, sich tätowieren zu lassen. In jedem Fall aber seien Tattoos eine mehr oder weniger „identitätsstiftende Selbstinszenierung“, was vielleicht die beste Beschreibung dessen ist, welche Bedeutung ein Tattoo 2016 hat.

An einem warmen Freitag Anfang September sitzen fünf junge Frauen vor Coenens Studio und wischen auf ihren Handys herum, Schülerinnen, Auszubildende, vielleicht Studentinnen. Das Studio öffnet erst in einer Stunde, was machen sie also dort? Coenen sagt, dass an diesem Tag eher wenig los sei. Normalerweise kämen an Freitagen die ersten Kunden gegen 7, wenn das Studio dann um 10 Uhr öffnet, stehe eine Menschenschlange davor. An Freitagen kann man auch ohne Termin zu Coenen kommen.

„Die Leute kommen morgens zu uns und lassen sich ein Tattoo stechen, das sie schon am selben Abend in der Disco zeigen können“, sagt Coenen, und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

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