Tanzfestival Schrittmacher: Magische Schau der Spitzenleistungen

Von: Sabine Rother
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Exotik, Sinnlichkeit, Modern Dance und Klassik: Impressionen von der deutschen Compagnie Henrietta Horn aus dem Jahr 2005, ...
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... der Compagnie Emanuele Soavi aus Italien im Jahr 2014,...
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... der spanischen Otra Danza Compagnie 2011...
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... und von Het Nationale Ballet (2012) mit einer Choreografie von Hans van Manen, Mitgründer des Nederlands Dans Theaters.
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Bleibt in stressigen Situationen entspannt: Veranstaltungsleiter Rick Takvorian entwickelte 1993 die Idee, den Tanz nach Aachen zu holen.
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Von moderner Kunst umringt: In der „Mulde“ des Ludwig Forums für internationale Kunst (unten) in Aachen hatte das Schrittmacher-Festival nach seinem Start im „Space“ wesentlich mehr Platz.
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Keine Angst vor nackter Haut: Die Compagnie Flake aus Kanada tanzte 2009 ihr Stück „Anatomies“ in der Mulde des Ludwig Forums Aachen.
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Der Neustart des Tanzfestivals im Backsteinbau der Aachener Fabrik Stahlbau Strang (unten) gelang 2011.
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In der Fabrik Stahlbau Strang hat das Festival 2011 einen besonderen Ort mit Atmosphäre gefunden.
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Widerstreitende Welten: Compagnie-Gründer Fabien Prioville setzte 2011 in einem fulminanten Solo tänzerisch die Gefühle eines Amokläufers um.
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Mystisch: Die finnische Choreographie-Ikone Tero Saarinen 2012 im eigenen Werk „Hunt“. Der Tänzer und seine Compagnie gehörten zu den Festival-Akteuren, die das Publikum im Theater Heerlen begeisterten.

Region. Sie haben auf die Spitze getrieben, wovon auch immer Tanz erzählen kann – vom uralten und stets neuen Ringen um Liebe, von Schmerz, Sehnsucht, Leben und Tod, Macht, Verzweiflung, Gewalt und Unterwerfung, Verstrickung und Freiheitsdurst: Das Aachener Tanzfestival Schrittmacher feiert in diesem Jahr seine 20. Ausgabe.

Wenn vom 27. Februar bis 29. März im Aachener Fabrikgebäude Stahlbau Strang die Scheinwerfer die Bühne wieder in magisches Licht tauchen und pro Abend über 400 Menschen darauf warten, in eine spannende Welt entführt zu werden, weiß Veranstaltungsleiter Rick Takvorian, dass sich Geduld und Ausdauer gelohnt haben.

Er erinnert sich noch sehr gut an jene Jahre, in denen er sich bereits über eine 40-köpfige Besucherschar im „Space“ des Ludwig Forums Aachens freute. „In London und Köln habe ich den Tanz erlebt und als Kritiker darüber geschrieben“, berichtet er. „In Aachen war ich überzeugt, dass wir ein euregionales Publikum erobern können.“

Vom blitzschnellen Ausverkauf der Eintrittskarten, wie er heute von Tanzbegeisterten beklagt wird, war damals noch nicht die Rede. „Ich hatte ein Gespür dafür, dass wir ein Publikum für den modernen Tanz haben, dass es eine Lücke gibt, die wir schließen müssen“, sagt Takvo-rian, der Begriffe wie „Provinz“ oder „Ignoranz“ mit einem Lächeln abgewehrt.

Längst ist das Tanzfestival weltweit ein Magnet für jene, die das Besondere suchen. Für die bekanntesten Compagnien gilt es als Auszeichnung, vor diesem experimentierfreudigen und begeisterungsfähigen Publikum aufzutreten. Selbst grenzwertigen Choreographien begegnet man mit Toleranz und Neugier.

Wo gibt es schon die Chance, bis an die Schmerzgrenze getrieben zu werden, die tänzerische Auseinandersetzung etwa mit Krücken, Stöcken, Rollatoren und anderen Gehhilfen zu erleben, sich in einem Dschungel aus zerrissenen Strumpfhosen wiederzufinden oder Akteure zu erleben, die schwere Holzpaletten oder gestapelte Bierkästen über die Bühne schleppen und tänzerische Glanzleistungen vollbringen.

1993 etablierte sich das Festival als kleine neue Sparte der zeitgenössischen Kunst. Im Ludwig Forum für internationale Kunst sollte damit das Gesamtbild der Moderne komplettiert werden – ohne künstlerische Grenzen, allerdings mit dem Einsatz modernster Gestaltungsmittel, zu denen gleichfalls in der Bildenden Kunst Videoinstallation, 3-D-Effekte, allerlei Alltagsmaterialien und technische Raffinessen gehörten.

Das Spektrum der Musik reichte von skurrilen Klangcollagen über Jazz, Rock oder Hip-Hop bis zu Bach, Beethoven, Mozart und Debussy. Die ersten künstlerischen Gäste kamen aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Deutschland und den USA.

Für den Veranstaltungsleiter war und ist dieses Festival eine Herzensangelegenheit. „Ja, das Herz“, meint Takvorian. Vom realen „Herzschrittmacher“ zum griffig-mehrdeutigen Namen „Schrittmacher“ war der Weg nicht weit. „Meine Frau Heike kam auf die Idee, und der Name hat sich bewährt.“

Ursprünglich sollte alle zwei Jahre moderner Tanz im Mittelpunkt stehen. Doch dann wurde es ein jährlicher Rhythmus. Dreimal wurde aus organisatorischen Gründen pausiert. Der Startetat von rund 20.000 Euro ist inzwischen auf 140.000 Euro gestiegen. Bald wanderten Tänzer, Technik und Publikum vom Untergeschoss des Ludwig Forums mit seinen 170 Plätzen zur „Mulde“, Herzstück inmitten moderner Bilder und Skulpturen, wo die tänzerische Auseinandersetzung mit Themen der Zeit zum ersten Mal den körperlichen Kontakt zur Sammlung des Hauses aufnahm und durch rund 260 Plätzen deutlich mehr Zuschauern Raum bot.

Experimente gehörten zum Konzept, das sich anfangs noch im Untertitel „Tanz und Tanz-artiges“ spiegelte. Da gab es durchaus riskante Aktionen, die bei Takvorian bis heute eine Gänsehaut verursachen. So etwa die Japanerin, die sich in einem Luftschlauch in ein Wasserbecken versenken ließ und dort eine nicht ungefährliche Aktion vollführte, oder Tänzer einer anderen Compagnie, die sich in Käfigen, in denen sie herumkletterten, über die Bühne rollen ließen.

Da waren der Tanz mit echten Eisbrocken und 1996 die Akteure des Taipei Dance Circles aus Taiwan, die sich komplett mit Babyöl eingerieben hatten, nahezu harmlos – übrigens Träger des Innovationspreises der Ludwig-Stiftung. Nackte Haut? Kein Problem beim Tanzfestival.

Im Laufe der Jahre hat sich eine Menge getan. Die Kooperation mit Parkstad Limburgs Theaters unter ihrem Direktor Bas Schoonderwoerd bietet seit 2009 den Compagnien im Theater Heerlen eine große Bühne, die mit allen Raffinessen ausgestattet ist – ein reizvoller Kontrast zur rustikalen Backsteinarchitektur der Fabrikhalle. „Dort können wir auch sehr große Produktionen und Stücke aus dem klassischen Repertoire aufführen“, erläutert Stefanie Gerhards (26), die seit 2007 an der Seite des Veranstaltungsleiters steht. Etwa 50 Prozent der Zuschauer in Heerlen reisen aus Deutschland an.

Das Spiel mit neuen Medien ist nach und nach einer Tanzkunst gewichen, in der sich klassisches Können, Modern Dance, sämtliche Tanzstile der Welt und Akrobatik auf höchstem Niveau zu sehr besonderen Inszenierungen verbinden.

Hier schwingen etwa muskulöse Akteure an dicken Tauen über die Bühne, setzen den Tanz kopfüber in schwindelnder Höhe fort und erhalten dafür den frenetischen Applaus eines immer wieder verblüfften Publikums – neue Möglichkeiten, die sich erst seit 2011 mit dem nicht ganz freiwilligen Ortswechsel des Festivals in das atmosphärische Fabrikgebäude der Firma Stahlbau Strang in Aachen umsetzen ließen. Damals feierte das Ludwig Forum sein 20-jähriges Bestehen mit der Ausstellung „Hyper Realismus“ und schluckte damit den gesamten Raum der Halle, inklusive „Mulde“.

Takvorian und das Team des Kulturbetriebs wagten den Sprung ins kalte Wasser. In Rekordzeit gelang es bis Februar 2011, die Produktionshalle an der Philipsstraße so auszubauen, dass der Festivalbetrieb – wenn auch mit Einschränkungen – möglich wurde. „Ein großes Wagnis“, wirft Takvorian einen Blick zurück. Nun war der Weg für bisher Unmögliches frei.

Wer schafft es ins Programm? Wer kommt auf diese Bühne? Ungezählte Videos werden gesichtet. Aber am liebsten reisen Takvorian und Stefanie Gerhards dorthin, wo Compagnien auftreten. „Ich schaue dann sehr genau auf das Publikum, fühle die Energie“, beschreibt der Veranstaltungsleiter seine Beobachtungen. „Das Publikum ist mein lebendes Thermometer, so weiß ich, wer unsere Favoriten sind.“ Namhafte Compagnien wie das Nederlands Dans Theater oder die Richard Alston Dance Company aus England waren schon sehr früh dabei.

Die Gäste aus aller Welt bringen ihre Eigenheiten mit. So gelten die Koreaner als eher distanziert, die Briten sind besonders höflich, die Franzosen eher sachlich und perfektionistisch, die Spanier und Italiener sehr emotional. „Manchmal kann es schwierig werden, wenn die Tanz-Leute auf die Technik-Mannschaft treffen, Improvisation funktioniert da gar nicht“, weiß Takvorian.

Längst hat Schrittmacher eine Breitenwirkung, die nicht zuletzt mit dem Kontakt zum Tanzbüro NRW einsetzte. Damals ging es um die Frage, ob man etwas für den Nachwuchs tun könnte. Inzwischen gehören die Workshops der Tanzprofis für junge Leute („Generation2“) und ein Filmprogramm („film meets dance“) in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule zum Standardangebot des Tanzfestivals.

„Jugendliche können nicht nur etwas über Körperwahrnehmung lernen, sie erfahren auch, dass zum Beispiel eine Minute auf der Bühne rund eine Stunde choreographische Arbeit bedeutet“, berichtet Stefanie Gerhards. Für die nächsten Festivals wünscht sich Takvorian, was er sich schon gewünscht hat, als er im „Space“ die ersten (Tanz-)Schritte wagte: „Ich möchte berühren, die Menschen bewegen.“

Die mächtige Stahlzange, die Georg Born, Sohn der Besitzerfamilie von Stahlbau Strang, Rick Takvorian beim Neustart im Februar 2011 als Glücksbringer überreichte, hat sich bewährt. Sie liegt griffbereit im Büro des Veranstaltungsleiters.

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