Aachen - Tanz der Stare: Tägliches Naturschauspiel im Aachener Osten

Tanz der Stare: Tägliches Naturschauspiel im Aachener Osten

Von: Bernd Müllender
Letzte Aktualisierung:
11812780.jpg
Ein besonders imposantes Naturschauspiel: Jeden Abend sammeln sich Tausende Stare in riesigen Schwärmen über dem Aachener Ostviertel. Ihr Gruppenverhalten gibt Wissenschaftlern noch immer viele Rätsel auf. Foto: Gudrun Petersen
11812904.jpg
Als schwarze Wolke flattern die Stare am Abend über die Stadt. Dabei hinterlassen sie zentimeterdick Kot auf Autos, in Gärten, an Häuserwänden oder auf Köpfen und Jacken von Passanten. Foto: Gudrun Petersen

Aachen. Die quirlige, schwarze Wolkenwand taucht jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang am Himmel auf. Seit November, immer gut eine halbe Stunde lang. Sie bewegt sich schnell, teilt sich, schwappt im Sturzflug herab und dreht weite Bögen. Menschen stehen mit offenen Mündern da, zeigen nach oben, Kinder jauchzen. An die 5000 Stare dürften es sein, die in Aachens Ostviertel Winterquartier bezogen haben.

Kurz vor völliger Dunkelheit schießen die Tiere binnen Minuten in eine kleine Gruppe von Thujabäumen in einem Hinterhof zwischen Elsass- und Alsenstraße. Tausende auf engstem Raum. Dort erzählen sie sich laut schnäbelnd bis spät am Abend von ihren Erlebnissen.

Stare sind Teilzieher, sagen Ornithologen, Zugvögel nur für Teilstrecken und nicht jedes Jahr. Einheimische Tiere bleiben hier oder ziehen im Winter nach Südfrankreich oder Spanien. Andere kommen hierher ins ausreichend milde Terrain. „Wahrscheinlich aus Skandinavien“ kämen die Aachener Stare dieses Winters, vermutet der Biologe Gotthard Kirch, Naturtourismus-Fachmann der Rureifel, „das sind also Finnen oder Dänen“.

Es könnten, so Heinz Kowalski, Ornithologe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), auch Tiere aus der Gegend sein: „Die vergesellschaften sich im Winter in größeren Gruppen ohne wegzufliegen.“ Das alte Kinderlied „Alle Vögel sind schon da“ verlöre so etwas Bedeutung, womöglich klimawandelbedingt. Von wegen „...Frühling will nun einmarschieren, kommt mit Sang und Schalle“ – der Stare-Frühling findet im Ostviertel schon den ganzen Winter über statt.

Der Zoologe Alfred Brehm nannte den Star „einen geselligen Burschen“. Brehm beobachtete schon in den 1920er Jahren, dass sich die Vögel zur Feindabwehr in Großgruppen zusammentun. Im Ostviertel würde er sich bestätigt sehen. Längst hat sich unter Raubvögeln herumgesprochen, welche Leckerchen da in großer Zahl angeflogen kommen.

Silvester in der Dämmerung

Und so taucht abends oft ein Falke oder Habicht auf, fliegt auf den Schwarm zu, der sich binnen Sekundenbruchteilen teilt, extra eng zusammenbleibt oder extrawilde Formationen vollführt. Plötzlich aufplatzende Knoten wie ein paar kurz nacheinander explodierende Feuerwerkskörper: Silvester in der Februar-Dämmerung.

Die erfolglosen Raubvögel fliegen davon – es wirkt, als flatterten die Stare verjagend hinterher. Womöglich hat ein Falke aber auch einen Ex-Star in den Krallen.

Das schwarz-braune Starengefieder ist nach der Herbstmauser weiß gepunktet und glänzt nicht so purpurfarben wie das Sommerkleid. Mit rund 20 Zentimetern Größe ist der Star etwas kleiner als eine Amsel und deutlich kurzschwänziger. Bei der Futtersuche am Boden sah Brehm den Star „immer guter Laune und zu mancherlei Schabernack aufgelegt“: Er sei der „Clown unter den Vögeln“. Am Schlafplatz „schwatzen die Tausende von Vögeln bis tief in die Nacht hinein.“ Das kann der Autor vor seinem Fenster schlafgestört bestätigen. „Oh“, gratuliert Nabu-Sprecher Kowalski im Spaß: „Na dann, herzlichen Glückwunsch!“

Auch morgens, immer eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, gibt es ein besonderes Phänomen: Nur ist es ganz anders als das majestätisch wirkende Sammeln und Einfliegen am Abend. Das laute morgendliche Gezwitscher, ein unerbittlicher Wecker, erstirbt plötzlich. Gibt da einer das Kommando, Herr Kowalski? „Das weiß man nicht genau. Möglicherweise haben die tatsächlich so was wie einen Chef, der mit bestimmten Lauten für Ruhe sorgt.“

Dann flattern alle hervor, hüpfen ein paar Äste höher und plappern wieder los. Nach etwa einer Minute schießen sie als große Wolke wieder in die Lüfte. Keine Ehrenrunden. Vollgas. Hungrig ab nach Süd-Südost. Stare können mehr als doppelt so schnell fliegen wie Usain Bolt läuft.

15 Zentimeter Kot im Hof

An einem Februarmorgen knickte beim Abflug einer der Bäume wie in Zeitlupe um und lag dann tagelang schräg gegen eine Hauswand gekippt. Die Ostviertel-Stare hatten ihr eigenes Bett ramponiert. Wahrscheinlich war es nach drei Monaten „Beschiss“ durchgefault. Unter den Bäumen im Garten der Alsenstraße 27 liegt der Kot mittlerweile 15 Zentimeter hoch; gegen diesen Gestank ist ein Hühnerstall die reinste Parfümerie.

Manche Anwohner machen Fotos, viele schimpfen: Markisen, Bürgersteig und Autos sind allabendlich erst mal verdreckt – zum Glück regenlöslich, anders als im olivenreichen Rom. Und zack, bekommt jemand wieder etwas auf die Jacke. „Man sollte jetzt Lotto spielen“, sinniert er. Wenn Vogelkot wirklich Glück bringt, lebten im Ostviertel nach diesem Winter nur Millionäre.

Komplette Wand versaut

Die Aachener Stare koten übrigens weißlich, wie die meisten Vögel. Allerdings nicht an dem Abend, als sie eine frisch geweißelte Wand in der Elsassstraße beim schrägen Sturzflug trafen: Die hat jetzt braune Streifen und Tupfer. Was das Essen angeht, sind die Vögel nicht gerade wählerisch: Sie picken Beeren, Samen, restliches Fallobst aus dem Herbst. „Stare sind Opportunisten“, sagt Heinz Kowalski, „gerade im Winter nehmen die alles, und wenn sie Gras fressen.“

Viel mehr als durch die Überreste ihres verdauten Essens fallen die Stare aber mit ihrem Gezwitscher auf. Nicht jeden freut das aber: Zoologe Alfred Brehm kommentierte den Staren-Gesang mäßig: „Geschwätz wäre eher das richtige Wort für den Starengesang.“

Der Nabu hingegen ist akustisch begeistert: „Neben einer Unmenge eigener Gesangsmotive besitzt der Star die Fähigkeit, andere Vögel perfekt nachzuahmen. Sein rhythmisches Singen unterstreicht er dabei gerne mit weit geöffneten Flügelbewegungen.“ Musik zur Paarsuche: „Starendamen finden diejenigen Männchen am attraktivsten, deren Gesang die meisten Motive enthält und die beim Singen die größte Ausdauer an den Tag legen.“

Eines der größten Schauspiele

Für die Partnerwahl eignet sich die Region übrigens hervorragend: Die Städteregion Aachen, gefolgt vom Großraum Bonn, ist die deutsche Stare-Hochburg in diesem Winter. Das ergab die Wintervogelzählung des Nabu in Januar. Gemeinhin gilt Belgien als nördlichstes Winterterrain der Vögel aus Nordeuropa. Womöglich hat es ihnen im warmen Spätherbst bis hierher gereicht, wo sie, so der Nabu, „eines der größten Schauspiele unserer Vogelwelt“ aufführen.

Alle paar Jahre sammelt sich eine Großgruppe in Aachen; in den vergangenen drei Jahren war nichts, sagen Anwohner der Elsassstraße. Warum nun plötzlich diese Menge auftrat – das weiß niemand. Auch nicht, wo sie sich satt essen im Umland. Bald, zur Brutzeit, werden sie sich wieder entgesellschaften oder zurückfliegen nach Skandinavien. Ob sie dann an einem Morgen gemeinschaftlich gleich nordwärts starten statt an die Futterplätze in Eifelrichtung?

Und ob sie Ende des Jahres wiederkommen? Auch das wissen bis jetzt wahrscheinlich nicht mal die Stare selbst.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert