Tandems bringen Schüler zum Sprechen

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Volle Klassen, gestresste Lehrer, überfrachtete Lehrpläne - wer im Schulalltag nicht mithalten kann, fällt als Schüler zurück.

Und das sind, das beweisen unzählige Studien, nicht selten Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. An drei Aachener Gesamtschulen läuft seit einem Jahr ein Modellprojekt, das genau an diesem Punkt ansetzt.

Eine Win-win-win-Situation

Dabei hat „Chancen der Vielfalt nutzen lernen” nicht nur die Schüler im Blick. Auch die (angehenden) Lehrer sollen lernen, und die, die Lehrer ausbilden am besten gleich mit. „Eine Win-win-win-Situation”, sagt Professor Thomas Niehr von der RWTH Aachen. Niehr ist für die Lehrerausbildung an der RWTH verantwortlich. Gemeinsam mit Professorin Marianne Genenger-Stricker von der Katholischen Hochschule (Katho) Aachen und weiteren Partnern hat er das Projekt in Aachen ins Rollen gebracht.

Seit einem Jahr bieten insgesamt 30 Lehramtsstudenten der RWTH und des Bachelorstudiengangs „Soziale Arbeit” der Katho Kurse an drei Aachener Gesamtschulen an. Dort arbeiten jeweils Tandems: ein angehender Lehrer und ein zukünftiger Sozialarbeiter stellen ein gemeinsames Projekt auf die Beine. Zweimal wöchentlich finden unter anderem Theater- und Filmkurse statt. Dabei lernen die Fünft- und Sechsklässler mit Mi­grationsgeschichte spielerisch und kreativ, mit der Sprache umzugehen. Sie schreiben eigene kurze Drehbücher, diskutieren miteinander, erkunden Stadtteile, die lokale Geschichte rund um Dom und Lousberg und vieles mehr. „Wir sorgen dafür, dass dauernd geredet wird”, erzählt Studentin Nicole Wolff.

So laufe die (Sprach-)Förderung beinahe unsichtbar ab. Langweiliger Frontalunterricht findet bei bei diesem Projekt nicht statt. In Kleingruppen sei Kommunikation Trumpf. Und es funktioniert, wie Studenten, Lehrer und Projektpartner einmütig bestätigen.

„Dieses Projekt ist wichtig und richtig”, sagt Sevim Dogan. Der Leiterin der RAA Aachen (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) ist es ein besonderes Anliegen, dass Kinder aus Migrationsfamilien schon früh in ihrer Schullaufbahn sprachliche und soziale Kompetenzen entwickeln. „Wir hoffen, dass sich unser Ansatz nachhaltig installieren lässt”, sagt Dogan. Denn auch für den Lehrer der Zukunft werde es immer wichtiger, im Klassenzimmer mit interkultureller Kompetenz punkten zu können. „Wir leben in einer Migrationsgesellschaft. Das ist die Realität”, betont Dogan.

Für das Projekt erhalten die künftigen Pädagogen und Sozialarbeiter an den Hochschulen in speziellen Seminaren das theoretische Rüstzeug. Wenn sie als Tandem in die Schulen gehen, spielen sie gemeinsam ihre Stärken aus. „Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, eine gute Erfahrung”, lobt Abdel Qader Borno, Katho-Student.

Die Verantwortlichen wissen, dass das Projekt Grenzen hat. Drei Gesamtschulen in Aachen profitieren vom Know-how, das Professoren und Studenten in die Schulen tragen. Eine Ausbreitung in die Fläche wäre zwar wünschenswert. Realistisch ist sie aber nicht. Das liegt nicht zuletzt an den finanziellen Rahmenbedingungen. Trotzdem: „Das, was Studenten hier lernen, nehmen sie mit in ihre spätere Arbeit als Lehrer”, sagt Wilhelm Homann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH und für das Projekt mitverantwortlich.

Die praxisnahe Ausbildung der Lehrer der Zukunft, die am Projekt teilnehmen, erhalte so einen Streueffekt, von dem auch andere Schulen profitieren. Es ist der erste Ansatz, in dem nicht nur die Migranten-Schüler in den Fokus rücken. Gefördert werden muss nämlich auch das Personal, das mit den Jugendlichen arbeitet. Darin sind sich die Experten einig.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert