Talbötter wollen weiter um ihre Jobs kämpfen

Von: Heiner Hautermans
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Enttäuscht bis fassungslos: Betriebsratsvorsitzender Josef Kreutz, Oberbürgermeister Marcel Philipp und NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (von links) nach den erfolglosen Gesprächen am Runden Tisch zur Zukunft des Aachener Werks. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es war ein Schlag ins Gesicht für die Talbötter, die seit zwei Wochen um ihren Arbeitsplatz bangen. Zwar reiste die Bombardier-Geschäftsführung zu Gesprächen in Aachen an, hielt aber an ihrer Absicht fest, das Werk in Aachen zu schließen.

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp, der zum Runden Tisch eingeladen hatte, und NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider, zeigten sich ernüchtert. Zur Zeit sehe man keine Grundlage für weitere Gespräche, kommentierte Philipp.

Die Talbötter reagierten mit Wut und riesiger Enttäuschung auf das Ergebnis der dreistündigen Beratungen. Aufgeben aber wollen sie ihren Kampf nicht. Und getragen werden sie vom einer riesigen Welle der Sympathie.

Dazu passt, dass sich beim ersten Treffen eines Solidaritätskomitees der vorgesehene Raum in der Kirche St. Elisabeth ganz rasch als zu klein erwies und Stühle und Bänke aus der ganzen Kirche herbeigeschafft werden mussten, um alle Interessenten unterzubringen. Dazu passt auch, dass Oberbürgermeister Marcel Philipp gekommen war und verkündete: „Alle sind in Gedanken bei den Talböttern. Die ganze Stadt steht hinter ihnen.” Egal ob Kleingärtner, Karnevalisten oder Freund der Mundart. Dazu passt auch, dass die Gewerkschaft der Polizei noch einmal 900 Unterschriften vorbeibrachte. Die ersten 600 hatte Vorsitzender Wilhelm Jensch schon vor einigen Tagen abgeliefert. Die Gesamtzahl geht nun auf die 10.000 zu.

Und es sollen noch viel mehr werden. Solidaritätslisten sollen in der ganzen Stadt ausgelegt werden, in allen städtischen Gebäuden, Geschäften und Gaststätten, auch an Infoständen gesammelt werden, wurde aus der bunten Runde vorgeschlagen. Betriebsratsvorsitzender Josef Kreutz nahm sogar die Zahl 250.000 in den Mund, das entspräche der Einwohnerzahl Aachens.

Die Ideen sprudelten nur so: Den Martinszug über die Jülicher Straße führen, eine Mahnandacht in St. Elisabeth oder auf dem Betriebsgelände, eine Fahrt nach Genk oder Stolberg, wo knapp 100 Arbeitnehmer entlassen werden sollen, Kontaktaufnahme mit den Kollegen in Quebec, eine große Fahne am Aachener Dom, Aufbau einer Internetseite, Einrichten einer E-Mail-Adresse, Anfertigen eines Plakats, eine optische Hervorhebung des Firmengeländes, Auftritt einer Band, die sich beim 16-Wochen-Streik am Uniklinikum bewährt hat, eine Demonstration am 14. November, einem europaweiten Aktionstag, der zu einem Generalstreik in Krisenländern wie Spanien oder Griechenland führen soll, Beteiligung an der personalintensiven Mahnwache am Haupteingang, all diese Vorschläge kamen aus dem Kreis der 50 Komiteeler.

Sie stammen aus den Reihen der Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, aber auch aus Schulen oder Kindergärten, trugen Namen und Adressen ein und sind bereit, an der großen Sache mitzuwirken. Denn gefragt ist langer Atem und großer Einsatz, den IG Metall und Betriebsrat allein nicht aufbringen können - auch bei Arbeitstagen von 16 bis 18 Stunden. Betriebsrat Josef Kreutz: „Wir sind in einer Extremsituation und kommen an unsere Grenzen. Einvernehmen wurde deshalb darüber erzielt, sich einmal in der Woche zu treffen (dienstags um 18 Uhr in St. Elisabeth) und das Büro der Regionaldekane als zentrale Anlaufstelle für das Komitee zu nutzen.

„Kinder wären vernünftiger”

Selbst 250.000 Unterschriften und alle Aktionen führen aber nicht zwangsläufig dazu, dass Bombardier seine Schließungsabsichten aufgeben muss. Dafür gibt es andere gute Gründe, die IG Metall-Chef Franz-Josef Beckers und Betriebsratsvorsitzender Kreutz überzeugend darlegten und damit diejenigen besänftigten, die fragten, weshalb nicht sofort die Arbeit niedergelegt worden ist. Bombardier unterscheidet sich nämlich in mehrfacher Hinsicht von Firmen wie LG Philips, Nokia oder Opel.

Es würden keine Bildschirme produziert, die keiner mehr kaufen wolle, sondern Züge, die man nicht einfach auf einen Lkw setzen und woanders zusammenbauen könne. Und für die nicht rechtzeitige Fertigstellung würden hohe Konventionalstrafen im zweistelligen Millionenbereich fällig, falls diese nicht bis Juli 2013 ausgeliefert würden. Außerdem seien im Bahnfahrzeugmarkt fast immer öffentliche Gelder im Spiel, deshalb sei der Einfluss der Politik nicht zu unterschätzen. Der Konzernleitung stellten die Arbeitnehmervertreter ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „Wir haben manchmal das Gefühl, Kinder wären vernünftiger.” Beckers und Kreutz werfen der Geschäftsführung Borniertheit und Arroganz vor und wollen die Gangart ihrerseits ab Montag verschärfen.
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