Aachen/Region - Tagebau: Wenn die Bagger kommen, muss das Wasser weg

Tagebau: Wenn die Bagger kommen, muss das Wasser weg

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
15679400.jpg
Unvorstellbare Mengen Grundwasser müssen abgepumpt werden, um den Tagebau zu ermöglichen. Das hat gravierende Auswirkungen. Foto: Arno Burgi/dpa
15701346.jpg
Zahlreiche Häuser werden durch den abgesackten Boden beschädigt.
15666506.jpg
Das geologische Profil zeigt den Verlauf der Kohle im Erdreich.
15666504.jpg
Über Sümpfungsbrunnen wird das Wasser aus dem Erdreich geleitet.

Aachen/Region. Damit die Braunkohletagebaue nicht volllaufen, muss das Grundwasser verschwinden. Jeden Tag wird dem Boden im Rheinischen Revier genauso viel Wasser entzogen, wie alle Menschen und Unternehmen in Aachen in einem Monat verbrauchen. Eine unvorstellbare Menge: 1,52 Millionen Kubikmeter Grundwasser – täglich! 555 Millionen Kubikmeter im ganzen Jahr 2016. Die Folgen sind bis in die Niederlande hinein messbar, ganze Landstriche sind durch den Wasserentzug bereits um mehrere Meter abgesackt, Häuser wurden unbewohnbar.

„Wer Braunkohlentagebau haben will, erreicht das nur, indem er Grundwasser vernichtet“, sagt Dirk Jansen, Geschäftsleiter beim Umweltschutzverband BUND in NRW. „Das ist ein irreversibler Eingriff in den Grundwasserschatz der Niederrheinischen Bucht.“ Die Tonlage in dieser Debatte ist konfrontativ. Es gibt nur Schwarz oder Weiß. Die eine Seite bekämpft den Tagebau oder hat etwa als Hausbesitzer mit den Folgen zu kämpfen. Die andere Seite lebt vom Tagebau oder befürwortet ihn.

Die Experten beim Erftverband wissen alles übers Grundwasser in der Region. Sie haben die Aufgabe, trotz des massiven Eingriffs des Tagebaus in den Wasserhaushalt die Wasserversorgung der Menschen zu sichern und die Feuchtgebiete zu schützen. Doch die Tagebaugegner halten den Verband nicht für unabhängig. Denn jeder, der wasserrechtliche Interessen berührt, muss Mitglied im Verband werden und Beiträge zahlen. Das Unternehmen RWE, das die Tagebaue betreibt, gehört dazu.

Der Erftverband arbeitet also zwangsläufig eng mit RWE zusammen, greift auch auf dessen Daten zum Grundwasser zurück und wird für Leistungen bezahlt, die er für RWE erbringt. Seine Funktion ist nicht die einer Kontrollinstanz, der Verband begleitet den politisch gewollten Prozess. „Wir moderieren die verschiedenen Interessen mit unserer fachlichen Kompetenz“, sagt Bernd Bucher, Bereichsleiter Gewässer beim Erftverband.

RWE darf das Grundwasser abpumpen. Das Unternehmen hat eine sogenannte Sümpfungserlaubnis. Wie die Sümpfung funktioniert, zeigt sich in jedem nassen Sandkasten: Wer ein tiefes Loch buddelt, sieht, wie das Wasser aus der näheren Umgebung sich dort sammelt wie in einem Pumpensumpf. Im Tagebau geschieht das in Stufen, die umso tiefer reichen, je näher sie dem Tagebauloch sind, damit die Bagger dort unten arbeiten können. 2000 Pumpen im Rheinischen Revier senken derzeit den Grundwasserspiegel bis unter den Kohleflöz ab.

Im tiefsten Tagebau Hambach wird so das Wasser in einer Tiefe bis zu 550 Meter abgepumpt. Die Folgen beschränken sich nicht nur auf das direkte Umfeld, sondern beeinflussen auch weit entfernte Grundwasserleiter – bis Bonn, Köln und an den Niederrhein. Sie laufen nicht leer, aber ihnen wird Wasser entzogen.

Der Weg des Wassers

Ein Drittel des abgepumpten Wassers wird genutzt – zum Beispiel zur Kühlung der Kraftwerke. Der kleinste Teil wird aufbereitet und in Feuchtgebiete versickert, um sie zu stützen und zu erhalten. Die größte Menge, 50 Prozent, wird ungenutzt in Erft, Rur und Inde geleitet. Die Einläufe sind rostrot. Grund ist das im Sümpfungswasser enthaltene Eisen und Mangan. „In den auftretenden Konzentrationen ist es für die Umwelt unbedenklich“, sagt Stefan Simon, Abteilungsleiter Grundwasser beim Erftverband. „Die Grenzwerte werden eingehalten.“ Der BUND sieht das anders: Unter Berufung auf eine Ausnahmeregelung für Tagebaugebiete werde die EU-Wasserrahmenrichtlinie ausgehebelt: „Da werden Stoffe in Fließgewässer eingetragen, die da nichts zu suchen haben“, sagt Jansen.

Die Schäden an Häusern

Die Sümpfung kann sichtbare Schäden an Häusern verursachen. Denn durch den Wasserentzug setzt sich die Erde. Die Gegend um Elsdorf ist nach Angaben des Erftverbandes aktuell bereits um rund 4,50 Meter abgesackt. Wie viele es noch werden, darüber streiten sich die Experten. Der Erftverband hält sieben Meter, wie sie eine Studie im Auftrag der Grünen prognostiziert, für zu hoch.

Probleme entstehen dadurch, dass die Erde sich nicht gleichmäßig setzt, weil es vereinzelte Tonvorkommen im Boden gibt und viele tektonische Störungen, die quer durch unsere Region verlaufen. Jeder Tagebau liegt auf einer anderen Scholle. Da sich die Sümpfungsmengen der Tagebaue unterscheiden, unterscheiden sich auch die Setzungshöhen. An Störungslinien findet der Ausgleich statt. Das Ergebnis sind abgesackte Felder, gerissene Straßenbeläge, schiefe Mauern.

Das Haus von Johannes Kohnen (80) steht in Niederzier-Ellen direkt am Rurrandgraben, der die Rur- und die Erftscholle trennt. Seine Hauseinfahrt musste schon dreimal neu gepflastert werden. RWE übernimmt jedes Mal anstandslos die Kosten. Fünf Häuser in seiner Straße wurden abgerissen, weil sie unbewohnbar waren. „Bei Schäden direkt an großen tektonischen Störungen gibt es eigentlich keinen Streit“, sagt Wolfgang Schaefer vom Netzwerk Bergbaugeschädigter. „Aber kaum ist das Haus ein paar Meter entfernt, gibt es Probleme.“ Kohnens Elternhaus zum Beispiel steht zwei Straßen weiter. Auch da gibt es Risse. „Die Schäden an der benachbarten Doppelhaushälfte hat RWE übernommen, bei mir behaupten sie, das Haus wäre falsch gebaut“, sagt Kohnen. Er ist verzweifelt, fühlt sich machtlos.

Es ist ein David-gegen-Goliath-Kampf, weil die Hausbesitzer dem RWE-Konzern nachweisen müssen, dass es sich um einen Bergschaden handelt. Dagegen ist im Steinkohlebergbau die grundsätzliche Annahme, dass jeder Schaden ein Bergschaden ist, bis das Gegenteil bewiesen ist. Für Geschädigte eine komfortable Ausganslage. Diese sogenannte Beweislastumkehr für die Braunkohle ist im Bundesrat beschlossen, dann aber vor zwei Jahren von der Bundesregierung abgelehnt worden. Seitdem passiert nichts mehr.

Keine 20 Meter von Kohnen entfernt wohnt Sascha Wienen mit seinen drei kleinen Kindern. In seinem Wohnzimmer sprang Anfang Oktober von einem Moment auf den anderen das Parkett hoch. Zum zweiten Mal. Beim ersten Mal vor einigen Jahren sagte ihm die RWE-Schadensstelle, das Parkett sei falsch verlegt. „Dieses Mal hieß es, die Wohnung sei zu warm. Da sei es mehrfach begutachtet worden. Das Ergebnis sei eindeutig: „Kein Bergschaden.“

Wienen will sich nun an die Schlichtungsstelle wenden, die eingerichtet wurde, um – kostenlos für Betroffene – nach einem Interessenausgleich zu suchen. „Unser Ziel ist nicht, die Wahrheit ans Licht zu bringen“, sagt Robert Deller, früher Staatsanwalt, heute Leiter der Schlichtungsstelle. Doch viele Betroffene gehen mit genau dieser Hoffnung in die Schlichtung – wenn sie überhaupt diesen Schritt machen. Die Beobachtung des Netzwerks Bergbaugeschädigter ist: „Die meisten Betroffenen resignieren“, sagt Schaefer, „geben auf und begleichen den Schaden selbst.“

Die Feuchtgebiete

Die ökologischen Folgen der Sümpfung zeigen sich im Naturpark Schwalm-Nette. Die ursprünglichen Quellorte der Flüsse, die das geschützte Feuchtgebiet eigentlich stützen, haben sich vom Tagebaugebiet weg verlagert. Deswegen werden jedes Jahr etwa 76 Millionen Kubikmeter abgepumptes Wasser aufbereitet und im Naturpark in den oberen Grundwasserstock geleitet.

„Ohne die Zuleitung von Sümpfungswasser wäre der Naturpark massiv geschädigt“, sagt Stefan Simon, Diplom-Geoökologe und beim Erftverband Leiter der Abteilung Grundwasser. Der BUND-Sprecher formuliert es schärfer: „Das ist kein selbst gesteuertes Ökosystem mehr. Es ist ein Biotop am Tropf.“ Ende der 2030er Jahre wird das Sümpfungswasser nicht mehr reichen, um die Feuchtgebiete zu stützen. Dann soll Rheinwasser genutzt werden. Die Prüfung, ob dessen Güte dafür ausreicht, ist „in Arbeit“. So steht es im Monitoringbericht zu Garzweiler. Was geschieht, wenn die Wassergüte des Rheinwassers nicht ausreicht, steht nicht im Bericht.

Dieser Monitoringbericht soll die Folgen der Eingriffe ins Grundwasser und die Wirkung der Gegenmaßnahmen dokumentieren. Ein solches Monitoring gibt es auch für den Tagebau Inden. Für den tiefsten Tagebau, den in Hambach, gibt es das bislang nicht. Der Braunkohleplan für diesen Tagebau von 1976 umfasst nur zehn DIN-A4-Seiten. Auf ihnen wird alles Wesentliche geregelt – eine Umweltverträglichkeitsprüfung gehörte nicht dazu. Zum Vergleich: Fast 20 Jahre später füllt der Braunkohleplan für Garzweiler II über 450 Seiten.

Am Ende des Jahres 2020 läuft die Sümpfungserlaubnis für Hambach aus. Das Umweltministerium NRW geht davon aus, dass ein Monitoring Teil der neuen Genehmigung sein wird. Dem BUND geht das nicht weit genug. Der Umweltverband prüft derzeit sogar, ob es einen juristischen Hebel für eine Klage gegen die bestandskräftigen Genehmigungen für Inden und Garzweiler gibt. Jansen: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich durch EU-Recht geändert.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert