Tagebau Hambach: 1978 die Bagger, 2011 der Protest

Von: Sarah Maria Berners
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Polizisten im Wald werden am Rande des Tagesbaus zum alltäglichen Bild – wie hier bei der ersten großen Räumung. Foto: Berners

Morschenich. Im Oktober 1978 begannen die Bagger, sich Stück für Stück in Richtung Kohle vorzuarbeiten. Das Genehmigungsverfahren für den Tagebau Hambach hatte nur vier Jahre gedauert, lautstarke Proteste hatte es nicht gegeben.

Die Geschichte des großen Widerstands beginnt erst Jahrzehnte später. Sie wird öffentlich im August 2011 mit einem „Klimacamp“ in Manheim, einem Ort, der der Kohle weichen muss. Einige Aktivisten legen die Hambachbahn lahm, die Kohle aus dem Tagebau in die Kraftwerke bringt. RWE war vorab informiert. Irgendwann vor Mitternacht räumen die Braunkohlegegner die Gleise freiwillig. Dann wird es erst einmal still um den Protest.

In einem Haus am Dürener Stadtrand wird er zunächst leise fortgesetzt. Die ersten Vollzeitaktivisten ziehen ein, gründen eine „Werkstatt für Aktionen und Alternativen“. Sie freuen sich über den Obstbaum im Garten, warmes Wasser erzeugen sie mit Sonnenenergie. Sie wollen das Ende der Kohleverstromung, sprechen davon, in Düren den Protest gegen den Tagebau zu verstetigen. Sie erzählen von Seminaren und Fortbildungen, von sozialpolitischen Debatten, von Aktionen.

Katz-und-Maus-Spiel

Heute wissen wir: Ihre Pläne haben sie umgesetzt. Aus der belächelten Gruppe von Alternativen sind hartnäckige Aktivisten geworden, die mit allen Mitteln – zunehmend vermummt – gegen den Kohleabbau kämpfen. Es ist eine Gruppe, die die Gemüter erhitzt. Es gibt Besetzungen, Gleisblockaden, Demos – oft am Rande von sogenannten Klimacamps samt Fortbildungsangeboten für Besetzer und Anleitungsseminaren zum Festketten. Wegen verschiedener Aktionen liegen Hunderte Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft vor. Es gibt Verletzte, Sachbeschädigungen, ein RWE-Auto brennt. Einzelnen Personen lassen sich die Straftaten meist nicht zuordnen, oft können die Personalien nicht festgestellt werden. Verurteilungen gibt es kaum.

Seit etwa einem halben Jahr nimmt der Protest immer heftigere Formen an. Einen Schlichtungsversuch haben die Aktivisten jüngst abgelehnt. Sie wollen erst reden, wenn der Kohleabbau zur Disposition steht. Das tut er nicht. Der Protest wird weitergehen. Friedlicher Widerstand ist nicht in Sicht.

Dabei hatte der Protest recht friedlich begonnen. Anfangs haben die Braunkohlegegner ein Waldstück besetzt, um es vor der Rodung zu schützen. Sie bauten eine Infrastruktur auf, ein alternatives Leben, von dem nur wenige Notiz nahmen. Dann kam die Rodungssaison und damit die erste große Räumungsaktion festgeketteter Besetzer. Der „Maulwurf“, ein Aktivist in einem selbst gegrabenen Tunnel, machte bundesweit Schlagzeilen.

Von den Braunkohlegegnern wurde er als Held gefeiert, von anderen verdammt, weil die gigantische Räumungsaktion vom Steuerzahler bezahlt werden musste. Seitdem sind Besetzungen, Räumungen, Blockaden, Entfernungen von Barrikaden auf RWE-Gelände an der Tagesordnung. Die Lange spitzt sich zu. Die Polizei ist ständig im Einsatz, die Aktivisten werfen ihr immer wieder vor, brutal vorzugehen. Die Beamten sprechen von Angriffen. Aktivisten werden in Gewahrsam genommen und wieder auf freien Fuß gesetzt. Das Spiel beginnt von vorne.

Legitime Gewalt?

Immer häufiger kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Braunkohlegegnern und Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes, der im Auftrag des Tagebaubetreibers arbeitet. Beide Seiten werfen sich gewalttätiges Vorgehen vor, die Fronten sind verhärtet. In Gesprächen mit der Redaktion bezeichnen Aktivisten Gewalt als legitimes Mittel angesichts dessen, was RWE den Menschen und der Erde antue. Aber die Aktivisten sind eine heterogene Masse, nicht jeder ist gewalttätig, nicht jeder ein friedlicher Ökoaktivist. Sie fordern für das Miteinander in den Camps Toleranz und Respekt, verlangen, Grenzen zu akzeptieren – und sie kündigen im gleichen Atemzug Straftaten an. Dass RWE demokratisch legitimiert ist, Kohle abzubauen, zählt für die Besetzer nicht.

Viele Außenstehende teilen die sachliche Kritik an der Verstromung der Kohle, sind mit den Mitteln der Besetzer aber nicht einverstanden.

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