Düsseldorf - Tag und Nacht ein Ohr für die Probleme anderer

Tag und Nacht ein Ohr für die Probleme anderer

Von: Lisa Caspari, ddp
Letzte Aktualisierung:
Telefonseelsorge
Eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Düsseldorf Im Gespräch. Meist geht es um Einsamkeit oder körperliche und psychische Erkrankungen. Foto: ddp

Düsseldorf. Zweimal im Monat verbringt Gabriele Finke (Name von der Redaktion geändert) ihre ehrenamtlichen Schichten in dem gemütlich eingerichteten Zimmer der Düsseldorfer Telefonseelsorge. Am Fenster hängt ein dunkelroter Weihnachtsstern aus Pergamentpapier, ein roter Sessel lädt zum Verweilen ein.

Auf dem Schreibtisch steht ein weißes Telefon: Tag und Nacht nehmen Gabriele Finke und andere Ehrenamtliche hier Anrufe von Menschen entgegen, die mit jemandem über ihre Probleme sprechen wollen. Neun Jahre arbeitet Finke bereits bei der Telefonseelsorge.

„Die Arbeit gibt mir persönlich sehr viel. Ich freue mich, wenn ich anderen helfen kann”, sagt die 52-Jährige. Auch habe sie gelernt, besser zuzuhören und sich in andere hineinzufühlen. Ihren richtigen Namen will die Juristin nicht in den Medien lesen. „Anonymität ist ein wichtiges Prinzip unserer Arbeit”, erklärt sie.

Genauso wie den Gesprächspartnern absolute Vertraulichkeit zugesichert werde, sollen auch die Anrufer nicht erfahren, mit wem sie telefoniert haben. „Wenn meine Nachbarschaft weiß, dass ich bei der Telefonseelsorge arbeite, dann rufen sie im Ernstfall bestimmt nur ungerne hier an”, sagt Finke.

Zur Telefonseelsorge kam die Juristin nach dem Tod ihres Vaters. „Für die Totenmesse hatte er sich den biblischen Vers ”Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan„ ausgesucht. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt: Was tust Du eigentlich für andere?”, erzählt Finke.

Weil es schon oft passiert sei, dass wildfremde Menschen ihr in der Bahn oder im Bus ihr Leben erzählen, habe sie sich bei der Telefonseelsorge beworben.

Dort durchlief Finke zur Ausbildung zunächst ein Jahr lang Wochenendseminare. Ihre größte Angst vor Beginn der Tätigkeit sei es gewesen, einem suizidgefährdeten Anrufer nicht helfen zu können: „Aber bisher hatte ich immer das Gefühl, dass den Anrufern unser Gespräch gut getan hat”, erzählt sie.

Hauptgesprächsthemen seien Einsamkeit oder körperliche und psychische Erkrankungen. „Nicht allen Anrufern mangelt es übrigens an sozialen Kontakten”, sagt die 52-Jährige: „So gibt es Menschen, die nach der Diagnose einer schweren Krankheit erst einmal mit einer neutralen Person reden wollen, bevor sie es ihren Verwandten sagen.”

Ganz zu Beginn ihrer Tätigkeit habe sie einen Anrufer in der Leitung gehabt, der sich von ihr nicht verstanden fühlte, erinnert sich Finke. „Das war ein gefühltes Desaster.”

Aber inzwischen habe sie gelernt, dass auch dies dazugehöre: „Manchmal springt der Funke einfach nicht über.” Auch aus diesem Grund arbeiteten an den Telefonen der Seelsorge immer verschiedene Mitarbeiter.

Rund 110 Ehrenamtliche sind bei der Telefonseelsorge in Düsseldorf aktiv, sagt Leiter Ulf Steidel: „Wir reden mit rund 50 Anrufern pro Tag.” Immer seien ein bis zwei Mitarbeiter im Dienst. Die Seelsorge stoße oft an ihre Kapazitätsgrenzen, berichtet er: „Laut Telekom kommen auf einen Anruf, der durchgeht, zehn Versuche.”

Nach Angaben von Steidel hat die Zahl der Anrufe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. „Ich glaube, das hat auch mit dem zunehmenden Druck im Alltag zu tun”, sagt er, „vermehrt spielen in den Gesprächen wirtschaftliche Existenzängste eine Rolle. Ein neues Phänomen ist auch das Problem des zunehmenden Erfolgsdruckes in nahezu allen Lebensbereichen.”

In der Weihnachtszeit gebe es „leichte Ausschläge” bei der Zahl der Anrufe, aber auch zu anderen Jahreszeiten sei die kostenlose Hotline stets gefragt. Immer mal wieder gebe es auch nicht ganz ernst gemeinte Anrufe von Jugendlichen. „Aber auch daraus entwickeln sich oftmals gute Gespräche”, sagt Steidel.

Dass die Zahl der Anrufer zugenommen hat, bestätigen auch Mitarbeiter der Telefonseelsorge-Stellen in Dortmund, Köln und Bielefeld. Dies liege daran, dass nun per Handy ungestörter und unbemerkter die Stellen telefoniert werden könne. Aber auch die Einsamkeit der Menschen habe zugenommen, findet Michael Hillenkamp von der Telefonseelsorge Dortmund.

Trotz der oftmals schweren Probleme, die Gabriele Finke während ihrer Schicht mit ihren Anrufern wälzt, geht sie zumeist mit einem guten Gefühl nach Hause. „Telefonseelsorge ist nicht immer ernst und traurig”, sagt die 52-Jährige.

Es werde auch viel gemeinsam gelacht, Humor sei sehr wichtig für die Gespräche. „Einmal hat sogar jemand angerufen, der mir nur von einem positiven Erlebnis erzählen und seine tiefe Freude mitteilen wollte”, berichtet Finke.
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