Region - Tag des offenen Denkmals: „Patina lässt sich nicht neubauen“

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Tag des offenen Denkmals: „Patina lässt sich nicht neubauen“

Von: Andrea Zuleger
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Den Lehm in die Fugen eines Fachwerkhauses streichen wie schon viele Generationen zuvor. Junge Leute engagieren sich in der Denkmalpflege, indem sie ein Freiwilliges Jahr in einer Jugendbauhütte absolvieren. Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz
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Hoch oben: Dachpfannen werden von Hand mit Mörtel verbunden.

Region. Alte Kinosäle in Aachen, Zechen in der Region, Wasserburgen im Heinsberger Land, der historische Stadtkern in Kornelimünster, eine barocke Gartenlandschaft um Schloss Burgau in Düren und zahlreiche Herrenhäuser, Kirchen, Mühlen. Es gibt viel zu sehen beim Tag des offenen Denkmals, zu dem am Sonntag zahlreiche, sonst unzugängliche Gebäude in der Region, für die Besucher geöffnet werden.

Unter dem Motto „Gemeinsam Denkmale erhalten“ wird diesmal ein besonderes Augenmerk auf jene gerichtet, die sich um die Erhaltung von Gebäuden kümmern: Denkmalpfleger, Handwerker, aber auch Jugendliche in den Jugendbauhütten oder Privatleute, die sich oftmals ehrenamtlich für historische Gemäuer engagieren. Ein Gespräch mit Dr. Ursula Schirmer (Foto rechts) von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Können Sie die Menschen mit Ihrer Begeisterung für alte Steine anstecken?

Schirmer: Es ist immer wieder faszinierend, wie begeisterungsfähig gerade junge Menschen sind. Wir bieten ein Freiwilliges Jahr in unseren Jugendbauhütten an. Da melden sich unheimlich viele Leute, die Interesse haben, mit alten Materialien zu arbeiten. Viele wollen nach der Schule erst einmal etwas richtig Konkretes tun, bevor sie studieren oder eine Ausbildung beginnen. In unserem Schulprogramm „denkmal aktiv“ beschäftigen sich Schüler mit Denkmalen und übernehmen etwa Patenschaften für Gebäude. Sie empfinden Denkmale so als Teil ihrer direkten Lebenswelt. Dann kümmern sich die Schüler auch darum, dass keiner mehr „ihr“ Denkmal besprayt!

Das Motto dieses Denkmaltages heißt „Gemeinsam Denkmale erhalten“. Wie können sich Bürger denn noch engagieren?

Schirmer: Denkmalpflege ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Das sind die Eigentümer, die Fachleute, die Städteplaner, die Politiker, die sich vielleicht auch mal zu einem schwierigen Denkmal bekennen müssen. Interessierte Laien können sich natürlich einem Förderverein anschließen und da mitarbeiten. Morgen gibt es sicherlich auch Gelegenheit, die Vereine und Initiativen in der eigenen Stadt oder Region kennenzulernen. Denn ihre Arbeit steht morgen im Vordergrund. Und jeder kann sich in Kommunen dafür engagieren, indem man klar macht, dass einem die Identität eines Dorfes oder einer Stadt mit ihren historischen Gebäuden wichtig ist.

Gibt es auch Gefahren, wenn sich Laien um Restaurierung von Denkmalen kümmern?

Schirmer: Nein. Die Denkmalpfleger sind ja am meisten daran interessiert, dass Gebäude genutzt werden und keine museale Käseglocke über ihnen hängt. Daher ist die Zusammenarbeit von Denkmalpflegern und Fördervereinen durch die Bank hervorragend. Und es stehen immer beratende Fachleute zur Verfügung.

Die Bauhütten gibt es ja für junge Leute. Gibt es so etwas auch für ältere Menschen, so eine Art Seniorenbauhütte?

Schirmer: Noch gibt es das nicht. Aber oft sind es Großeltern, die für ihre Enkel die Informationen über die Bauhütten abfragen. Und da gibt es viel Interesse von Seiten der Älteren, auch mal aktiv zu werden. Wir denken darüber nach, wie man das umsetzen könnte.

Wie steht es allgemein um den Denkmalschutz in Deutschland?

Ursula Schirmer: Kultur hat in Deutschland insgesamt keinen leichten Stand, und Denkmalschutz ist ein Teil der Kultur. Und da sind wir gerade mal wieder eher auf dem absteigenden Ast. Die Bürger sind grundsätzlich dafür zu erhalten. Aber es ist nur natürlich, dass sie fragen, wer ihnen dabei hilft. Die direkten Zuschüsse für Gebäudesanierungen werden weniger. In Nordrhein-Westfalen ist zudem das Vergabesystem auf Kredite umgestellt worden ist. Das mag einem Investor helfen, aber gerade Fördervereine und private Bürger engagieren sich auch für Bauten, die sich nicht unbedingt wirtschaftlich rechnen. Und die haben dann schlechte Karten, weil für den Kredit die Wirtschaftlichkeit nachgewiesen werden muss.

Sollte man denn den Sinn einer Baumaßnahme nicht nach seiner Wirtschaftlichkeit beurteilen?

Schirmer: Wenn sich ein Förderverein um eine verfallene Mühle kümmert und sie in ein Gemeindehaus umwandelt, dann ist das sinnvoll genutzt, rechnet sich aber nicht unbedingt. Diese Grundsatzfrage, die gestellt wird, heißt: Zahlt sich das denn aus? Und da lautet die Antwort: In Cent und Euro natürlich nicht, aber Denkmalschutz zahlt sich aus in Lebensqualität, in Verbundenheit, in Identität. Denkmalschutz gilt als weicher Standortfaktor. Letztendlich rechnet es sich dann doch, denn es profitieren regionale Handwerksbetriebe und der Tourismus. Hinzu kommt, dass eine kontinuierliche Denkmalpflege eine stille Arbeit ist. Restaurierungen sind nicht so spektakulär. Zu einem restaurierten Gebäude kommen seltener Politiker, um ein Band durchzuschneiden.

Braucht es deshalb einen Tag des Denkmals?

Schirmer: Ja, an so einem Tag können Bürger, Denkmalsbesitzer, Vereine, aber auch Denkmalämter zeigen, was sie so tun. Und dafür bekommen sie viel Anerkennung: Inzwischen sind an einem Tag des offenen Denkmals bundesweit bis zu vier Millionen Menschen unterwegs.

Das heißt, die Bürger stehen hinter ihnen, aber die Politik macht es Ihnen schwer?

Schirmer: Der Bürger ist da oft schon weiter als mancher Politiker. Eine Forsa-Umfrage aus 2015 hat gezeigt, dass die Denkmalpflege einen hohen Stellenwert hat und die Menschen gerne in Altbauten wohnen. Gut sanierte Gebäude tragen zur Lebensqualität bei, sagten 67 Prozent der Befragten. Erstaunlicherweise sagen das auch 54 Prozent der 18-25-Jährigen. In der Wertschätzung der Politiker ist das leider immer noch nicht angekommen.

Was sind denn Ihre Argumente für den Erhalt älterer Gebäude?

Schirmer: Auch in historischer Bausubstanz kann man gut wohnen, leben und arbeiten. Man muss nicht immer abreißen und 08/15-Neubauten hochziehen. Die historischen Altstadtkerne haben einerseits großes Potential, andererseits oft Leerstände. Mit klugen Städteplanern, erfahrenen Denkmalpflegern und guten Architekten kann man sich gute Alternativkonzepte und Umnutzungen überlegen. Bis auf ein paar einsame Burgen und Schlösser sind Denkmale zudem durchgehend in den Orten, also in der besten Lage, angesiedelt.

Aber die guten Alternativkonzepte kosten relativ viel Geld, vor allem, wenn es sich um ein Denkmal handelt.

Schirmer: Substanz zu erhalten, ist wesentlich nachhaltiger. Ein Neubau kostet auch Geld, ebenso der Abriss, der zudem viel Müll produziert. Und nicht zuletzt ist es der Respekt vor der Leistung früherer Generationen, wenn wir Gebäude von historischem Wert erhalten. Die Menschen früher haben klug gebaut, sie haben örtliche Materialien verwendet. Sie sind auf die örtlichen klimatischen Bedingungen eingegangen. Von historischen Bauten kann man heute noch eine Menge lernen. Was heute als modern daherkommt, wie ökologischer Lehmbau ist bei näherem Hinsehen eine historische Bauweise.

Die heutigen Herausforderungen an den Klimaschutz hinzubekommen, ist das möglich in historischer Substanz?

Schimer: Man kann vielleicht nicht unbedingt ein Nullenergiehaus aus einem historischen Gebäuden machen, aber die Bauten sind oft energetisch gar nicht so schlecht. Schwierig sind oft die Häuser der 50er und 60er Jahre, die teilweise schnell und billig gebaut worden sind – es gab halt auch damals schone eine Wohnungsnot und viele Flüchtlinge. Aber Gründerzeitgebäude sind so massiv, dass die Fassadendämmung gar nicht so das Problem ist. Da geht es eher um Fenster, Heizung und Isolierung zu den Dächern und Kellern. Für all diese Maßnahmen muss es aber Unterstützung und Zuschüsse geben, damit Denkmale eine Zukunft haben. Auch wir als Deutsche Stiftung Denkmalschutz helfen den Denkmaleigentümern und begleiten sie auf diesem Weg.

Wie bemessen Denkmalpfleger denn den Wert eines Gebäudes?

Schirmer: Ein Gebäude muss nicht schön sein, aber es muss ein typisches Zeugnis sein für eine Epoche, ihre Lebensumstände, die Industrie- oder Technikgeschichte. Oft merkt man merkt erst, was man verloren hat, wenn es weg ist. Da denkt man dann: ‚Da war doch was, das gehörte doch mit zum Straßenbild.‘ Beim Naturschutz können sie wieder Bäume pflanzen, wenn sie abgeholzt worden sind. Die sind dann in einigen Jahren wieder groß. Im Denkmalschutz geht das nicht. Die Patina eines alten Gebäudes können Sie nicht neubauen. Ein altes Haus können Sie anfassen, Sie können sich vorstellen, wie die Generation vor Ihnen es bewohnt haben, Sie können das Knacken im Gebälk hören. Hier wird Geschichte mit allen Sinnen erlebbar.

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