„Tag der Architektur“: Wohnen von nüchtern bis heimelig

Von: Anna Petra Thomas und Peter Stollenwerk
Letzte Aktualisierung:
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Im Schlafzimmer des Hauses in Wassenberg gibt es einen Innenhof mit einer Außendusche, die im Sommer genutzt werden kann. Stauraum verbirgt sich hinter einer elf Meter langen Schrankwand. Foto: Anna Petra Thomas (2), Max Wasserkampf (2), Architektenkammer NRW (1)
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Ein Blick ins Innere des Einfamilienhauses in Roetgen-Rott: Ein großer Esstisch (im Vordergrund zu erkennen) bildet das Zentrum.
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Klassisch anmutende Fassade: Ein wenig an die Atmosphäre alter Bauernhäuser erinnert der Neubau in Roetgen-Rott.
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Klare, gerade Linien auch von außen: Dieses Wohnhaus in Wassenberg wartet mit einer durchgängigen Formgebung auf.

Region. Der „Tag der Architektur“ an diesem Wochenende will wieder Anregungen geben und zeigen, was möglich ist. „Architektur schafft Lebensqualität“ lautet das Motto diesmal. Eine banal anmutende Feststellung, die aber vor allem auch dann im wahrsten Sinne des Wortes spürbar wird, wenn Menschen mit ihr unmittelbar in Berührung kommen – also im Wohnbereich.

 Wir stellen in diesem Zusammenhang zwei Projekte in Roetgen-Rott und Wassenberg vor, die sich ganz unterschiedlich dem Thema nähern.

Traum auf großem Grund

Klare, gerade Linien, ausschließlich horizontal oder vertikal, die bei der fast durchgängigen zurückhaltenden Schwarz-Weiß-Struktur präsent bleiben, prägen das Wohnhaus von Annika und Uwe Krings in Wassenberg. Dieser Minimalismus empfängt den Besucher schon vor der Haustür mit den nahezu unsichtbaren drei Garagen, die hinter der Front niemand vermuten würde. Durch die darin ebenfalls unauffällig eingebettete Eingangstür führt der Weg zu 200 Quadratmetern Wohnfläche, in drei unterschiedlich hohe Baukörper auf einer Ebene unterteilt, mit einer Ausnahme: Der ohne Türen zugängliche Wohnbereich strebt nicht nur auf den höchsten Punkt zu, sondern liegt auch drei Stufen tiefer als der Rest des Hauses.

„Wir hatten Glück, das war der Garten meiner Oma“, erklärt Uwe Krings den Umstand, dass das Paar mitten in Wassenberg für seinen Traum 1200 Quadratmeter Grundstücksfläche zur Verfügung hatte. Diese war auch seit dem Bau eines Altenheimes quasi schräg gegenüber auch schon erschlossen. „Ich hatte immer schon ein Skizzenbuch, in dem ich meine Ideen festgehalten hatte“, erzählt Annika Krings, die nach ihrer Ausbildung als Bauzeichnerin noch ihr Abitur machte und inzwischen seit zwei Jahren selbstständig in Wegberg als Architektin arbeitet, in einem gemeinsamen Büro mit ihrem Kollegen Jürgen Esser. Während Annika Krings die Planung verantwortete, trug Uwe Krings als Meister im Sanitär-, Heizungs- und Lüftungsbau zum Gelingen des Projekts bei.

„Wichtig waren mir vor allem fließende Übergänge von innen nach außen“, betont Annika Krings. Und die gibt es in diesem Haus nicht nur am Boden der großzügigen Glasflächen, sondern auch an der Decke. Dazu wurden die nach außen überstehenden Betonflächen thermisch separiert.

Innen geborgen

Selbst im privaten Schlaf- und Sanitärbereich wurde dieser Übergang realisiert mittels eines kleinen, nach oben offenen Innenhofs, der im Sommer zugleich als Außendusche genutzt werden kann. „Das ist auch im Winter schön, wenn man sich durch die Verbindung nach draußen innen geborgen fühlt“, sagt Annika Krings. Das gilt natürlich auch für den Ess- und Wohnbereich, wo der Blick nach draußen auf eine große Pergola fällt, deren Betonsäulen von unten beleuchtet werden können.

Interessant gelöst ist auch der zweigeteilte Küchenbereich, dessen offener Teil auf den ersten Blick kaum als solcher erkennbar ist. Der Küchenblock, offen im Übergang von der Diele ins tiefer liegende Wohnzimmer, ähnelt eher einer Esszimmereinrichtung. Der Trick: Alle großen Geräte wie der Kühlschrank oder die Spülmaschine verbergen sich in einem fensterlosen Wirtschaftsraum hinter der Küche. „Dank der Lüftungsanlage konnten wir hier zudem auf einen Dunstabzug verzichten“, erklärt Uwe Krings. Ein Hingucker sind die beiden Leuchten über dem Tisch, echte Industrieleuchten, die aus Leipzig stammen.

Unterstützt wird der Minimalismus durch den Verzicht auf frei stehende Schränke jeglicher Art. Viel Stauraum bieten zwei große Wandschränke, einer in der Diele und ein zweiter, elf Meter lang, entlang von Schlafzimmer, Hof und Bad. Jenseits der Diele finden sich schließlich noch drei weitere Räume: ein kleines Büro und ein kleines Gästezimmer, die dank einer nicht tragenden Wand auch zu einem größeren Zimmer vereint werden könnten, sowie ein komplettes Gästebad.

Passend zur Schwarz-Weiß-Architektur wurde der Boden im gesamten Gebäude im „Estrich-Zustand“ belassen. Er wurde lediglich versiegelt. Nur im Wohnbereich bricht ein natürlich wirkender Holzboden diese Struktur auf, ebenso wie im Bad der Teppich aus geometrisch strikt angeordneten, farbigen Lederelementen. Zu Hinguckern werden da die wenigen dekorativen Elemente, etwa das Hirschgeweih auf dem Kamin. Bilder an den Wänden, mit Ausnahme einer Wand im Schlafzimmer, sucht man in dieser minimalistischen Wohnwelt ebenso vergebens wie Bücher in offenen Regalen oder Steckdosen an den Wänden. Sie verbergen sich hier ebenfalls quasi unsichtbar im Boden.

„Wie wollen wir wohnen?“ Diese Frage stellt sich auch Max Wasserkampf, und sie ist für ihn von elementarer Bedeutung. Eine konkrete Antwort hat der in Weimar tätige Architekt jetzt mit dem Entwurf eines Wohnhauses in Roetgen-Rott gegeben.

„Wenn wir an das Leben auf dem Land denken, sehen wir ein in reizender Natur eingefasstes Idyll – stimmig, ruhig und handwerklich geprägt“, sagt der Architekt, wohl wissend, dass die Realität vielerorts anders aussieht. Wasserkampf sieht immer häufiger „kontextlose, fremd wirkende Nichtarchitekturen, eine jede für sich stehend.“ Dieses Bild präge zunehmend die Ortschaften.

Paradoxe Entwicklung

Mit leicht bissigem Unterton betrachtet der Architekt die Veränderung der Baukultur: „Die Toskana-Villa reiht sich an ein mit Klinkern verkleidetes Haus im norddeutschen Stil, und mitunter findet man sogar einen Typus, der mit dem Slogan ‚The American Way of Life‘ für sich wirbt.“ Das Idyll werde zunehmend „im eigens mit großen Hecken abgeschirmten Garten gesucht und nicht mehr im Ort selbst. Diese doch eigentlich recht paradoxe Entwicklung zerstört unsere Gemeinden langfristig“, bedauert Wasserkampf.

Der Neubau in Rott unternehme den Versuch, mittels klassischer architektonischer Themen wie Setzung, Fügung und Proportion einen qualitativen Ort für die Bauherren zu schaffen, „einen Ort, der eben nicht versucht, Fremdes zu imitieren, sondern Bezüge zu klassischen Elementen einfach anmutender Landhäuser aufnimmt“. Der unkonventionelle Einsatz sowie die Fügung der verwendeten Materialien schaffe „eine unterschwellige Irritation“ und verleihe dem Haus einen ganz eigenen, zeitlosen Charakter.

Im konkreten Fall handelt es sich um ein Einfamilienhaus für ein Ehepaar mit vier – inzwischen erwachsenen – Kindern, dessen Zentrum der große Esstisch darstellt. Räumliche Situationen begleiten den Besucher durch das Haus, dessen Materialität und Ausdruck an die Atmosphäre alter Bauernhäuser erinnert. Wasserkampf: „Liebenswerte Details lassen sich im ganzen Haus entdecken und zeigen, dass handwerkliche Qualität noch nicht ausgestorben ist.“ Das Gebäude am Rand der Nordeifel entstand zwischen April 2015 und Oktober 2016.

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