Aachen/Simmerath - Täter wollte in die Psychiatrie, doch niemand nahm ihn an

Täter wollte in die Psychiatrie, doch niemand nahm ihn an

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen/Simmerath. Offensichtliche Fassungslosigkeit blieb am Ende des Verhandlungstages gegen den mutmaßlichen Mörder Stephan B. (26) vor dem Aachener Schwurgericht. Am 10. Februar dieses Jahres hatte sich B. in ein Haus in Simmerath-Kesternich mit der Bitte, auf die Toilette gehen zu dürfen, Einritt verschafft.

Im Haus ihrer Tochter versorgte das spätere Opfer zu dieser Zeit ihre beiden Enkelinnen. Wenig Augenblicke später wurde sie auf brutale Weise getötet.

Adoptivsohn überforderter Eltern

Der Witwer, früher Ortsvorsteher von Kesternich, war am Montag als Nebenkläger im Prozess anwesend und verfolgte mit anderen Familienangehörigen die in ihren Details grausam anzuhörenden Berichte der Sachverständigen. Im rechtsmedizinischen Gutachten kam der Obduzent zu dem Ergebnis, dass der damals 62-jährigen Frau mit einer Fingerhantel bis zu 20 Mal auf den Kopf geschlagen wurde.

Genau das hatte der in dem nahen Wohnheim für schwer erziehbare Jugendliche lebende Stephan B. über seinen Verteidiger bereits gestanden. An die wuchtigen Tritte, an denen die 62-Jährige letztlich starb, hatte sich Stephan B. hingegen nicht erinnern können. Aber: „Beide Felsenbeine wurden gebrochen. Das ist der härteste Knochen, den der Mensch besitzt“, dokumentierte der Mediziner die Wucht der tödlichen Gewalteinwirkungen.

Zuvor ging es bei den Zeugen um Charakter und Geistesverfassung des Täters. Und um die Frage, ob nicht irgendjemand die Tat hätte verhindern können. Die Heimleiterin und die Sozialarbeiter, die mit B. zu tun hatten, schilderten den Insassen als eher schwerfällig, vielleicht auch aufgrund seines Übergewichts, aber durchweg als freundlich und auf eine bestimmte Art sogar beliebt bei Mitbewohnern.

Auf der anderen Seite wurde Stephan B., einem aus Brasilien stammenden Adoptivsohn überforderter Eltern, eine völlige Antriebslosigkeit und ein zerstörtes Selbstwertgefühl gepaart mit einem geringen IQ bescheinigt. Laut dem Aachener Neuropsychologen Hanns Jürgen Kunert bewegen sich die geistigen Fähigkeiten des Angeklagten in manchen Bereichen „nahe an der Grenze zum Schwachsinn“, in anderen Bereichen wiederum nicht.

Zum Entsetzen der Angehörigen, die fassungslos zuhörten, hatte der Heimbewohner des Öfteren selbst darauf bestanden, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Er wurde wiederholt von Krankenhäusern abgewiesen. Seinerzeit habe es keine „Indikation“, wie die Mediziner sagen, gegeben, keinen hinreichenden akuten Krankheitsanlass, keine Gefährdung, wie damals festgestellt worden war. Irrtümlich, wie man nun weiß.

Das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen, Konstanze Jankowski (Köln), fügte weitere Mosaiksteine zusammen. Die Tat „war nicht vorhersehbar, für niemanden“, sagte sie bestimmt. Aus B.s Krankengeschichte ergebe sich zwar ein früher Hang zur Gewalt, zur unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung, zu Drogen und vor allem „zum Hass auf sich selbst“. Und auf andere, die ihn nicht wertschätzten, was er jedoch lange für sich behielt. Diagnostisch habe keine Psychose vorgelegen, obwohl B. entsprechende Medikamente bekam. Auch habe er aktuell keine Suchtmittel konsumiert.

Gefährlich für die Allgemeinheit

Nur ein Rechtsbegriff der Forensik fasse diese Sache richtig: „Hier liegt eine schwere andere seelische Abartigkeit vor“, stellte die Psychiaterin fest und stufte den Angeklagten als vermindert schuldfähig und als gleichzeitig weiterhin hoch gefährlich für die Allgemeinheit ein. „Er muss in der Psychiatrie bleiben und behandelt werden“, war die Essenz des Gutachtens. Am heutigen Verhandlungstag könnte bereits plädiert werden.

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