Aachen - Sylvia Löhrmann: „Heterogenität ist die große Aufgabe“

Sylvia Löhrmann: „Heterogenität ist die große Aufgabe“

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
10376725.jpg
Inklusion und das „Turboabitur“: Das sind die großen Themen für die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Seit Jahren kommt keine Ruhe in die Diskussion. Foto: dpa

Aachen. Es wird nicht ruhig in der Schulpolitik. Mit dem Gesetz zur Inklusion ist das Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder in Nordrhein-Westfalen in den Fokus gerückt. Studien spiegeln wider, dass sich viele Lehrer von der Inklusion überfordert fühlen. Und dann das „Turboabitur“.

Noch immer kämpfen Initiativen gegen das Abitur nach acht Jahren, das vor zehn Jahren eingeführt worden ist. Die Initiative „G9 jetzt“ in NRW will einen Volksentscheid herbeiführen. Wie es um die Schulpolitik steht, darüber sprachen wir mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne).

Frau Löhrmann, das „Turboabitur“ bleibt auch nach zehn Jahren noch vieldiskutiert. Es ist wohl das schwerste Erbe von Schwarz-Gelb.

Löhrmann: Ja, das stimmt allerdings. (lacht) Ich habe die Verkürzung so nicht beschlossen, Rot-Grün wollte mit der Verkürzung in der Oberstufe einen anderen Weg gehen. Als ich ins Amt gekommen bin, haben wir uns aber dazu entschieden, bei G8 zu bleiben und den Bildungsgang weiter zu optimieren. An dem G9-Schulversuch, den wir den Gymnasien 2010 angeboten haben, machen nur zwölf Schulen mit.

Ist G8 denn inzwischen auf dem richtigen Weg?

Löhrmann: Die Entlastungen müssen jetzt ihre Wirkung entfalten. In anderen Bundesländern gab es auch Unruhe. In Hamburg und Bayern hat es Volksentscheide gegeben, in denen sich die Mehrheit gegen eine Rückkehr zu G9 ausgesprochen hat. In Berlin und den ostdeutschen Bundesländern gibt es überhaupt keine Diskussion. Mein Ziel ist es, die Schulen bei der Umsetzung der Entlastungen zu unterstützen, außerdem ist eine wissenschaftliche Begleitung geplant. Ich hoffe, dass sich die Belastung verringert und Normalität im positiven Sinne einkehrt.

Noch immer ist aber von Turboabitur und Druck die Rede...

Löhrmann: Die Frage ist doch, woher der Druck kommt, und wie wir den Druck herausnehmen. Kommt er allein durch G8 oder kommt er auch durch andere Dinge? Wir müssen die Ursachen für Schwierigkeiten genau hinterfragen.

Wo liegen denn die Probleme?

Löhrmann: Die Probleme liegen darin, dass offensichtlich die gut angelegten Konzepte – und jetzt kommen ja weitere Verbesserungen wie Begrenzung der Klassenarbeiten und Hausaufgaben hinzu – noch nicht überall verbindlich umgesetzt werden. Schulentwicklung geht nicht auf Knopfdruck, Schulentwicklung braucht Zeit und gute Unterstützung. Der Weg, den wir in NRW gehen, ist vielleicht anstrengend, aber zielführend. Ein ständiges Hin und Her unterbricht die inneren Schulentwicklungsprozesse.

Stichwort Hausaufgaben. Da gibt es bei den Schulen selbst Uneinigkeit darüber, ob die jetzt abgeschafft werden müssen oder nicht.

Löhrmann: Es ist genau festgelegt, dass es an langen Tagen keine Hausaufgaben geben soll. Das heißt nicht, dass Hausaufgaben abgeschafft werden. Tatsächlich gibt es aber jetzt schon Schulen, die ganz ohne Hausaufgaben auskommen. Sie haben Lernzeiten und Vertiefungsphasen in den Unterricht integriert. Dann haben die Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht auch wirklich Zeit für ihre Hobbies. Das nimmt den Druck und Eltern müssen sich nicht überlegen, wie ihr Kind das alles schaffen soll.

Das zweite große Thema in der NRW-Schulpolitik ist die Inklusion. Da haben zuletzt Lehrerverbände über Probleme geklagt.

Löhrmann: Wir nehmen diese Klagen ernst. Trotzdem müssen wir auch hier genau hinschauen. Inklusion ist in NRW nichts grundsätzlich Neues. Wir haben seit 40 Jahren Erfahrung mit dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. In diesem Jahr ist das Interesse allerdings verstärkt, weil es jetzt eine gesetzliche Grundlage für die Inklusion gibt. Die Zahlen zeigen, dass es einen moderaten Anstieg des Inklusionsanteils gibt, das bewegt sich im Rahmen der vergangenen Jahre. Aber Neuerungen wecken mitunter Sorgen und Ängste, deswegen werden wir weiter genau beobachten, wie sich die Umsetzung der Inklusion entwickelt und müssen schauen, ob es systematischen Nachsteuerungsbedarf gibt oder ob es sich um punktuelle Anfangsschwierigkeiten handelt.

Geben Sie denn ausreichend Geld dafür?

Löhrmann: Wir finanzieren 3200 Stellen für die Inklusion. Selbst wenn es 5000 wären, würden die Lehrerverbände immer noch sagen, dass es mehr Geld geben muss. Das liegt in der Natur der Sache. Wir haben ein Umsetzungskonzept gewählt und uns für die personalintensivere, teurere Variante entschieden, weil wir gute Inklusion wollen.

Aber für viele ist diese Variante offenbar nicht personalintensiv genug. Häufig wird die Forderung nach einer durchgehende Doppelbesetzung laut.

Löhrmann: Das ist viel zu pauschal! Bei Inklusion gibt es kein Schema F, weil jedes Kind anders ist und es auch immer auf die jeweilige Situation der Schule und Lerngruppen ankommt. Es ist doch ein Unterschied, ob in einer Klasse mit 25 Schülerinnen und Schülern fünf Kinder einen Förderbedarf in den Lern- und Entwicklungsstörungen haben, oder ob es nur ein Kind beispielsweise mit einer Sinnesbeeinträchtigung oder einer körperlichen Behinderung gibt, das aber normal mitlernen kann. In diesem Fall brauchen Sie keine durchgängige Doppelbesetzung. Auch die preisgekrönten Schulen haben nicht alle durchgängig eine Doppelbesetzung.

Herrscht einfach große Unsicherheit?

Löhrmann: Das will ich nicht bestreiten. Inklusion ist eine Generationenaufgabe und nicht im Schnelldurchgang zu erledigen. Deswegen gehen wir Schritt für Schritt vor. Wichtig ist, dass die Lehrer Routinen entwickeln können – im positiven Sinne. Sie müssen lernen, wie sich ein Kind mit Handicap in welcher Situation verhält und wie man damit umgehen kann. Diese Anforderungen hat es an uns Lehrer schon immer gegeben. Es gab auch früher schon Kinder, die auffällig waren und in kein Schema passten. Damit müssen Lehrer umgehen, unabhängig davon ob es Inklusion gibt oder nicht. Eltern haben Angst, dass ihr Kind Schaden nimmt, wenn ein Kind mit Förderbedarf in der Klasse ist. Studien belegen aber, dass diese Sorge unbegründet ist: Die Kinder lernen von- und miteinander und das soziale Lernen kommt hinzu!

Fehlt manchen Lehrern die Motivation dafür?

Löhrmann: Nein, die Motivation ist da. Wer jetzt unterrichtet, ist aber im Studium nicht auf Inklusion vorbereitet worden. Deshalb investieren wir auch 100 Mio. Euro zusätzlich in Fort- und Weiterbildung, und Inklusion wird systematisch in die Lehrerausbildung aufgenommen.

Gelingt Inklusion an den Schulen des längeren gemeinsamen Lernens denn besser?

Löhrmann: Im letzten Jahr zählte ein Lüdenscheider Gymnasium zu den Gewinnern des Deutschen Schulpreises; und die Schulleiterin hat etwas sehr Prägnantes gesagt: Wer Hochbegabte kann, der kann auch Inklusion.

Was heißt das?

Löhrmann: Man muss versuchen, den Kindern mit ihren Stärken und Schwächen gerecht zu werden, sie fördern und fordern. Kinder „ticken“ nicht alle gleich. Auch bei nur zwei Menschen und unter Geschwisterkindern gilt das. Ich kann sowieso nicht mit 25 Kindern im Gleichschritt durch den Stoff marschieren. Diese Heterogenität müssen wir uns klarmachen, das ist der Paradigmenwechsel in der Pädagogik. Je mehr Lehrkräfte das können, umso leichter fällt auch die Inklusion. Die gleiche Fragestellung hatten wir übrigens beim Thema Integration. Als ich als Lehrerin an die Schule kam, stand ich vor einer Klasse, in der die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund hatte. Und die Kinder waren unterschiedlich weit im Unterrichtsfach Deutsch. Das war für mich auch ein Lernprozess.

Sind denn die steigenden Flüchtlingszahlen auch für die Schulen heute eine Herausforderung?

Löhrmann: Ja, denn es sind zum Teil mehr Kinder als erwartet in unseren Schulen. Außerdem beherrschen die Kinder die Sprache anfangs meist noch nicht. Wir haben aber eine gute Ausgangslage, weil wir in Nordrhein-Westfalen seit jeher viele Zuwanderer hatten. Wir können damit umgehen und wir haben extra zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Kinder mit Migrationshintergrund und Flüchtlingskinder sind eine lohnende Herausforderung. Die Kinder sind sehr motiviert und dankbar, dass sie in die Schule gehen können.

Ist die Heterogenität der Kinder, die größte Herausforderung für Lehrer heute?

Löhrmann: Ja. Heterogenität ist die große Zukunftsaufgabe. Wir haben das Ziel, allen Kindern gerecht zu werden und ihr Potenzial bestmöglich zu fördern, weil sie unsere Zukunft sind.

Ist das eine Entwicklung?

Löhrmann: Ja, unsere Gesellschaft wird immer heterogener und immer anspruchsvoller. Heute sagt mir einer, es muss Ernährung als Fach an der Schule geben. Ein anderer will das Fach Glück oder Schach. Weil alle glauben, dass das wichtig für die Kinder ist, und dass das die Gesellschaft nach vorne bringt. Das ist nicht falsch, aber wir können nicht immer alles oben draufpacken. Es kommt darauf an, dass wir Basiskompetenzen vermitteln, damit Schüler das Rüstzeug erhalten zum Weiterlernen. Die Gesellschaft schiebt gern die Verantwortung auf Lehrer. Da muss die Schule auch sagen können: Wir tun unseren Teil, aber bitte Gesellschaft, mach auch mit!

Im Januar hatte eine Oberstufenschülerin aus NRW, Naina, angeprangert, dass sie am Gymnasium nicht auf das Alltagsleben vorbereitet werde. Muss Schule das denn überhaupt?

Löhrmann: Wenn jemand ein ordentliches Abitur macht und Gedichte interpretieren kann – wie Naina sogar in mehreren Sprachen – dann kann sich diese Schülerin auch in einen Versicherungs- oder einen Handyvertrag einlesen, da bin ich sicher. Unabhängig davon haben wir in NRW entschieden, dass wir grundlegende Verbraucherkompetenzen vermitteln und in die Fächer integrieren.

Sie sprachen es eben an. Die Wirtschaft hätte gern ein Fach Ökonomie, andere Verbände fordern mehr IT an den Schulen. Braucht man denn wirklich noch neue Schulfächer?

Löhrmann: Nein, ich glaube nicht, dass wir ständig neue Fächer brauchen. Wir können beispielsweise die Medienkompetenz sinnvoll in andere Fächer integrieren. Die Welt der Kinder ist auch nicht in Fächer eingeteilt. Es muss nur eine Grundverständigung darüber geben, was wichtige Kompetenzen sind. In der Diskussion um Naina haben viele Menschen gesagt, es sei gut, dass Schulen Dinge vermitteln, die sie zu Hause nicht lernen. Und die Auseinandersetzung mit einem Gedicht werden die meisten Eltern so nicht vermitteln können. Da aber jeder Mensch kreative Potenziale in sich trägt, ist es wichtig, dass Schule auch dazu den Weg ebnet. Wir wollen unsere Kinder und Jugendlichen ganzheitlich bilden.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert