Sumayyas Reise in ein gelobtes Land

Von: Marco Rose
Letzte Aktualisierung:
10867200.jpg
Die „neue Familie“ in Heinsberg: Sumayya (rechts) mit ihren Gastgebern Heinz-Leo Heinrichs und Anna Petra Thomas. Doch auch im Gartenidyll verblasst die Erinnerung an den Krieg nur langsam. Foto: Marco Rose
10823228.jpg
Ankunft am Strand von Kos: Für viele syrische Flüchtlinge führt der Weg nach Westeuropa über eine griechische Insel. Auch Sumayya hat diese Route gewählt. Foto: dpa

Heinsberg. Die See ist still in jener Nacht. Sumayya atmet tief durch, lauscht hinein in das Dunkel, blickt hinüber auf die kleinen Lichter am Horizont, von denen sie hofft, dass sie die Küste der griechischen Insel Kos markieren. Sie sitzt ganz am Rand des Schlauchboots und kann es einfach nicht fassen: Wie unbeschreiblich schön dieses Meer im fahlen Licht des Mondes doch sein kann. Und wie grausam!

Sumayya weiß, wie viele Menschen hier schon den Tod gefunden haben. Trotzdem sitzt sie nun mit 41 weiteren Flüchtlingen dicht gedrängt in diesem winzigen Boot und genießt einfach nur den Moment. Sie ist fest entschlossen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Dort drüben beginnt die Zukunft. Ihre Zukunft! Es war kein leichter Weg bis hierhin, doch ihr Plan ist aufgegangen. Wird ihr das Glück treu bleiben?

Bomben auf die Universität

Sumayyas altes Leben war durchaus privilegiert. Die 39-Jährige zählte zur Oberschicht Syriens. Ihrer Familie ging es gut, ein Haus im Regierungsviertel und eigene Bedienstete galten keineswegs als Luxus. An der Universität in Aleppo entwickelte die Maschinenbauingenieurin Werkstoffe für den Flugzeugbau. In einer von Männern dominierten Gesellschaft wusste sie sich zu behaupten. Dann aber kam der Krieg. „Ab einem bestimmten Punkt ging es nur noch ums Überleben“, sagt Sumayya heute.

Elementare Fragen standen für sie und ihre Familie alsbald im Vordergrund: Woher bekommt man Wasser, woher Elektrizität? Ist der Weg zur Arbeit noch sicher? Man arrangierte sich mit den Widrigkeiten, so gut es eben ging. Weil die Stromversorgung völlig zusammengebrochen war, kaufte die Familie einen Generator, um Energie zu erzeugen und das Haus im Winter zu beheizen.

„Draußen stank und knatterte es im Winter, denn bald hatte jedes Haus einen Generator, der mit Benzin betrieben wurde.“ Die Nächte in Aleppo waren lang, da das Gerät nach nur vier Stunden aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden musste. Danach kroch die Kälte wieder in jeden Winkel des Hauses.

Drei Jahre gingen so ins Land. Die Einschläge kamen immer näher, und vielleicht würde Sumayya heute immer noch in Aleppo leben, hätte sie im Herbst vergangenen Jahres nicht die Grausamkeit des Regimes von Baschar al-Assad hautnah am eigenen Leib erfahren. Es war Examenstag, die Universität deshalb voller Menschen, als das Undenkbare geschah: „Wir hörten und spürten eine gewaltige Explosion. Als wir zum Fenster liefen, sahen wir, dass die Architekturfakultät von Bomben getroffen worden war“, erinnert sich Sumayya mit Tränen in den Augen.

„Wir hörten Schreie und rannten in Richtung des benachbarten Gebäudes, um zu helfen, als die Regierungsbomber zurückkehrten und nochmals das Feuer eröffneten. Das war vorsätzlicher Mord.“ Mehr als 200 Menschen sollen bei diesem Angriff auf die Universität von Aleppo ums Leben gekommen sein. Die Szenen haben sich tief in Sumayyas Gedächtnis gefressen.

Bilder von zerfetzten Leichen, die mit Baggern in den Bombentrichtern verscharrt wurden, die Schreie der Verletzten, das Zischen und Heulen der nahenden Raketen: All das würde die Wissenschaftlerin nicht mehr vergessen. Sie fragte sich: „Wie kann ich in einem Land eine Zukunft haben, in dem das Leben der Bevölkerung nichts mehr zählt?“

Ende 2014 stand für Sumayya fest: Sie würde der Heimat den Rücken kehren und ihre Mutter und Geschwister zurücklassen. Gemeinsam mit einem Cousin bereitete sie einen Fluchtplan vor, der sie nach Westeuropa führen sollte. Von der Türkei, wo eine weitere Schwester von ihr lebt, sollte die Reise per Boot nach Griechenland und von dort aus weiter Richtung Westen führen. Über das Soziale Netzwerk Facebook stellten sie erste Kontakte zu Schleusern her. Ein konkretes Ziel hatte Sumayya dabei noch gar nicht vor Augen. „Bloß weg!“, war die Devise.

Im April dieses Jahres war es soweit: Zusammengekauert auf dem Anhänger eines Traktors passierten Sumayya und ihr Cousin in einer Gruppe anderer Flüchtlinge die türkisch-syrische Grenze. „Die Fahrt war furchtbar. Der Anhänger schlug im unwegsamen Gelände hin und her, beinahe wäre unsere Flucht schon dort gescheitert.“

Auf der türkischen Seite wurden die Syrer ausgesprochen ruppig empfangen, „Soldaten knüppelten wahllos auf uns ein wie auf Tiere.“ Doch Sumayya schlug sich buchstäblich durch, besuchte kurz ihre Schwester und bereitete im Küstenort Bodrum schließlich alles für die nächtliche Überfahrt zu der nahen griechischen Insel Kos vor. „Wir waren erst erst zwei Tage in Izmir, doch waren die Wellen dort so hoch, dass an eine Fahrt im Boot nicht zu denken war.“

Sumayya kaufte Luftballons, um darin ihre wenigen Habseligkeiten wasserdicht zu verstauen. Mitten in der Nacht lotsten sie die Schleuser per Handy in eine abgelegene Bucht, wo auf 42 Flüchtlinge nur eine große Holzkiste wartete. „Alle mussten mit anpacken, um aus dem angelieferten Bausatz ein Boot zusammenzusetzen und aufzupumpen.“ 1000 Dollar pro Person kassierten die Schleuser für diese Dienstleistung.

Kurz nach Mitternacht war alles bereit: Das Schlauchboot wurde zu Wasser gelassen, erst danach kletterten die nunmehr völlig durchnässten Passagiere an Bord. „Es war okay, jeder hatte ein bisschen Raum – auch die Schwangere, die dem Boot noch eine ganze Weile hinterhergeschwommen war, um einen Platz zu ergattern.“

Es ist der 23. April, kurz nach zwei Uhr in der Nacht. In den kommenden Minuten wird sich das Schicksal der Gruppe entscheiden. Die schwangere Frau kauert zitternd neben Sumayya am Rand des Schlauchboots und klammert sich an ihr Bein. Sie hat die Überfahrt bereits dreimal gewagt; dreimal ist sie gescheitert, weil die Boote falsch navigiert wurden. Diesmal aber läuft alles glatt. Wenige Minuten später schon stehen die Syrer auf europäischem Boden.

Sumayyas Glückssträhne hat Bestand, sie kommt vergleichsweise schnell vorwärts. Nach wenigen Tagen Aufenthalt auf Kos kann sie mit der Fähre zum Festland übersetzen. In Athen wird sie von Schleusern mit falschen Papieren und einem Flugticket ausgestattet, so dass sie relativ problemlos nach Brüssel fliegen kann. Kostenpunkt: weitere 3000 Euro. „Erst dort habe ich mich dann für Deutschland als Ziel entschieden.“ Per Zug geht es schließlich weiter nach Aachen. Neun Tage nach ihrem Aufbruch ist Sumayya in Deutschland angekommen. Doch das gelobte Land erscheint ihr zunächst noch fremd und mitunter abweisend.

Zu Hause in Heinsberg

Anna Petra Thomas (54) hat in den vergangenen Wochen Dinge getan, die sie noch vor kurzem sicher nicht für möglich gehalten hätte. Die freie Journalistin und Mitarbeiterin unserer Zeitung koordiniert über ihre private Seite in Facebook mittlerweile einen Großteil der ehrenamtlichen Hilfe in der Stadt Heinsberg. Wer braucht was wo – und, wenn ja, wie viel? Diese Fragen, gilt es, nahezu täglich zu beantworten.

Innerhalb kürzester Zeit hat sich im Ort ein gut funktionierendes Netzwerk aus ehrenamtlichen Helfern und Profis gebildet. Egal, ob es sich um Kleidung, Spielzeug oder einen Gratis-Haarschnitt für mehr als 40 Neuankömmlinge handelt: Die Hilfsbereitschaft der Heinsberger ist in diesen Tagen so groß wie andernorts auch, die Stimmung in der Stadt trotz aller Belastung gut.

Es ist die Begegnung mit einer ungewöhnlichen jungen Frau in der Moschee in Hückelhoven, die Anna nachhaltig beeindruckt und unter anderem den Anstoß für das Engagement gibt: Sumayya, die mittlerweile in einem Flüchtlingsheim in Erkelenz lebt. Die beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Frauen lernen sich beim Tag der Integration Mitte Juli kennen.

Der Journalistin wird schnell klar, wie unglücklich Sumayya mit ihrer aktuellen Situation ist. Die anfängliche Euphorie ist längst verflogen, in Erkelenz wird die Muslima von ihren Mitbewohnerinnen gemobbt, heißt es. Als die Situation zu eskalieren droht, zieht Sumayya kurzerhand bei Anna und deren Lebensgefährten Heinz-Leo Heinrichs in Heinsberg-Kempen ein.

Im Verwaltungsdeutsch heißt ein solcher Vorgang „Umsetzung“. Praktisch bedeutet dies: wochenlanger Nervenkrieg mit der Bezirksregierung in Arnsberg; viele Amtsgänge und ungezählte Formulare, die ausgefüllt werden müssen – es ist der Preis für eine Pioniertat. Denn offenbar hat bis dato zumindest im Kreis Heinsberg noch keine andere Familie privat einen Flüchtling bei sich aufgenommen.

Wer Sumayya heute trifft, der erlebt eine aufgeschlossene Frau, die Männern aus religiösen Gründen zwar nicht die Hand schüttelt, aber offen und zwanglos über politische oder gesellschaftliche Fragen diskutiert; eine Frau, die „eine neue Familie gefunden hat“, die tiefe Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft der Deutschen empfindet, wie sie sagt. Und die eines Tages etwas zurückgeben will: Sumayya lernt fleißig Deutsch und bewirbt sich um ein Promotionsstudium an der RWTH Aachen. Selbstverständlich ist all dies aber nicht: Ohne Annas Hilfe würde es schlicht nicht funktionieren.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert