Südlimburg: Die Kornkammer der Römer

Von: Ulrich Simons
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Vor 2000 Jahren: „Romanisierte“ südlimburgische Bauern bei der Arbeit auf dem Feld. Im Hintergrund links das Landgut, die „villa“. Illustrationen (2): Mikko Kriek (Amsterdam) im Auftrag des Thermenmuseums Heerlen
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Wo die Römer baden gingen: Karen Jeneson, Kuratorin des Heerlener Thermenmuseums, vor den 2000 Jahre alten Resten des Badehauses. Die kleinen Steine in der Bildmitte sind Überbleibsel der Fußbodenheizung. Zwischen ihnen zirkulierte die heiße Luft. Foto: Ulrich Simons
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Coriovallum zur Zeit der Römer: Am linken Bildrand erkennt man im oberen Bereich der Bebauung die von einer Mauer umgebene Therme.

Heerlen. Sie kamen wie üblich ohne anzuklopfen. Als römische Truppen um das Jahr 55 vor Christus in das heutige Südlimburg einmarschierten, hielt sich die Begeisterung der Bewohner daher auch zunächst in Grenzen.

Doch den Soldaten folgten Straßenbauer, Ingenieure und Architekten, und die Besatzer entwickelten die Region zwischen den Dörfern Aquae Granni (Aachen) und Traiectum ad Mosam (Maas­tricht) zu einer bis dahin nicht gekannten Blüte.

Das Leben der Bewohner, überwiegend eburonische Bauern der späten Eisenzeit, veränderte sich von einem Tag auf den anderen. Aus Selbstversorgern wurden Nahrungsmittelproduzenten, die mit den Früchten ihrer Felder Handel trieben und die römischen Grenztruppen des Limes am Rhein mit Getreide belieferten. Auch die schnell wachsenden Siedlungen zogen neue Bewohner an, die mit Lebensmitteln versorgt sein wollten.

Fünf Jahre Forschung

Karen Jeneson hat sich für ihre Doktorarbeit „Die römische Villenlandschaft in den nördlichen Ländern“ fünf Jahre lang mit den Römern in Südlimburg beschäftigt. Die Kuratorin des Heerlener Thermenmuseums kann mit einer Fülle neuer, spannender Erkenntnisse aufwarten. Überraschendstes Resultat ihrer Forschungen: „Südlimburg war zur Römerzeit wesentlich dichter besiedelt als bisher angenommen. Es war die Kornkammer des römischen Reiches für die Kastelle am Rhein, vergleichbar mit der Funktion des ägyptischen Nil-Deltas für die Hauptstadt.“

Dabei war die Landwirtschaft in dieser Region keine Erfindung der neuen Herren. Seit der Steinzeit hatten die Bewohner die fruchtbaren Lössböden für den Ackerbau genutzt. Mit dem Erscheinen der Römer bekam das ganze aber eine völlig neue Dimension.

Architektonische „Leitform“ und landschaftsprägendes Element dieser neuen Epoche wurde die römische „villa“. Der Begriff wurde später zum Synonym für einen luxuriösen Haustyp und hat sich bis in die heutige Zeit erhalten. Zu Unrecht, wie Karen Jeneson herausfand, nachdem sie in einem Streifen von 130 mal 30 Kilometern zwischen Köln und Tongeren die Berichte über rund 3000 Fundstellen aus 150 Jahren zusammengetragen, kartiert, verglichen und analysiert hatte.

Ein ganzes Landgut

Denn die römische „villa“ war im Gegensatz zum heutigen Sprachgebrauch kein luxuriöses, freistehendes Landhaus, sondern der Begriff für eine Siedlungsform. Heute würde man sagen: ein Landgut. Die „villa“ bestand in der Regel aus einem Haupthaus und mehreren Nebengebäuden auf einer umfriedeten Fläche. Außerhalb dieser Umfriedung befand sich oft ein kleines Gräberfeld. Die mittlere Größe dieser „villae“ lag bei 2,5 Hektar (25 000 Quadratmetern).

Dafür, dass man bisher die „villa“ immer mit einem einzeln stehenden, prächtigen Landhaus gleichgesetzt hatte, fand Karen Jeneson eine nachvollziehbare Erklärung: Die „villae“ waren in der Regel aus Stein und einem Stoff namens „opus caementitium“ gebaut (woraus später das Wort „Zement“ wurde) und hatten ein Ziegeldach.

Fundament aus Baumstämmen

Die Nebengebäude dagegen standen auf einem Fundament aus Pfählen (Baumstämmen) und waren aus natürlichen Materialien wie Holz und Lehm gebaut, wovon nach 2000 Jahren – im Gegensatz zu den Steinbauten – nicht mehr viel übrig war. Weil man aber immer nur die Grundmauern von Steinhäusern und hin und wieder die Überreste seltsamer Pfähle gefunden hatte, war man nie auf die Idee gekommen, dass in der Nähe der „villa“ noch weitere Häuser gestanden haben könnten.

Mit wachsender Zahl der Einträge in ihrer Landkarte stieß Karen Jeneson auf ein weiteres Phänomen: Obwohl die naturräumlichen Voraussetzungen in dem 130 Kilometer breiten Streifen zwischen Tongeren und Köln nahezu gleich waren, schien die Siedlungsdichte in der niederrheinischen Bucht drei- bis viermal so hoch wie in Südlimburg. Im Bereich Hambach in der Jülicher Börde, der östlichen Fortsetzung des belgisch-südlimbur­gischen Lössgürtels, lag die Quote bei drei bis vier ländlichen Siedlungen pro Qua­drat­kilo­meter.

Karen Jenesons Erklärung: Für eine unterschiedliche Besiedlungsdichte gebe es keinerlei Gründe oder Hinweise. Allerdings sei man in Südlimburg beim Bau von Städten, Wegen und Industrieanlagen ziemlich sorglos und unvorsichtig mit den „Bodenschätzen“ der Vergangenheit umgegangen.

Ganze Landstriche umgegraben

Vieles sei unwiederbringlich verschwunden, was auf deutscher Seite zum Beispiel im Braunkohlen-Tagebau Hambach systematisch durch die Archäologen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) erforscht und dokumentiert worden sei. Die hatten allerdings auch die etwas größeren Bagger zur Verfügung. Komplette Landstriche wurden hier systematisch umgegraben. Kein Wunder, dass man dabei viel öfter auf Reste aus römischer Zeit stieß.

Geht man auch für Südlimburg von einer Siedlungsdichte von vier ländlichen Siedlungen pro Qua­dratkilometer aus und nimmt man weiterhin pro Hof eine Bewohnerzahl von 15 an, so kommt man auf 60 Einwohner pro Qua­dratkilometer. Bezogen auf die Gesamtfläche von 661 Quadratkilometern ergibt sich daraus eine Bewohnerzahl von knapp 40.000. Rechnet man die Städte hinzu, dürfte man auf etwa 200.000 Bewohner kommen. Bisherige Schätzungen waren von erheblich weniger Einwohnern ausgegangen.

Aufgrund dieser Zahlen wird auch die Vorstellung hinfällig, dass in den „villae“ nur die römische Oberschicht residierte. Karen Jenesons Schlussfolgerung: „So viel Elite kann es gar nicht gegeben haben. Die Luxus-Villa war eher die Ausnahme.“ Äußeres Indiz: Nur 23 Prozent der ausgegrabenen Villen verfügten über „Hypokausten“, eine Fußbodenheizung.

Um die „villae“ in der Umgebung Heerlens wurden neben Getreide auch Obst, Gemüse und sogar Wein angebaut. Und es blieb nicht alleine bei der Landwirtschaft: Mit mehr als 40 Töpfereibetrieben entstand im römischen Coriovallum eine bemerkenswerte „Folgeindustrie“. Zahlreiche Ausstellungsstücke im Heerlener Thermenmuseum zeugen vom Fleiß der frühen Heerlener Töpfer.

Reichtum und Bedeutung der Region fanden nicht zuletzt ihren Niederschlag in luxuriösen Bauten wie der Heerlener Therme. Ihr Fund ist ungewöhnlich, weil nur wenige derartige Thermen für das Gebiet der heutigen Niederlande nachgewiesen sind. Rund 400 Jahre währte die Blütezeit. Dann verschwanden die Römer genauso plötzlich wie sie gekommen waren. Vertrieben von germanischen Stämmen, die über den Rhein kamen.

www.thermenmuseum.nl

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