Streit um Lotto-Provisionen: Wo der digitale Wandel Nebensache ist

Von: Marlon Gego
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„Das waren noch Zeiten“: Seit 1986 verkauft Herbert Pley im Dürener Grüngürtel Lottoscheine, früher etwa 700 pro Woche. Foto: Gego
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Obwohl man heute sehr viel mehr als nur Lotto spielen kann, Eurojackpot, Super 6, Spiel 77 und so weiter, verkauft Herbert Pley heute nur noch gut 400 Scheine pro Woche. Foto: Gego
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Ein Samstag im Mai 1978, 21.35 Uhr: Lottofee Karin Tietze-Ludwig hat einmal mehr die Lottozahlen gezogen, per Hand. Heute wird die Ziehung der Lottozahlen überhaupt nicht mehr im Fernsehen übertragen. Foto: dpa

Düren. Die nächste Kundin ist Frau Wolf. Sie schiebt die Tür der Annahmestelle mit ihrem Gehstock auf, lächelt erwartungsfroh in den Laden hinein und ruft: „Guten Morgen, ist der Chef nicht da?“ Natürlich ist der Chef da, Herbert Pley kommt aus seinem Büro, grüßt und geht hinter die Ladentheke.

 Frau Wolf, eine gesellige Frau Anfang 80, reicht ihren Spielschein über die Theke und sagt, sie habe was gewonnen.

Pley steckt den Schein in einen kleinen Apparat, und siehe da, Frau Wolf hat tatsächlich was gewonnen, 779,50 Euro im Spiel 77. „Toll, Frau Wolf“, sagt Pley, „da freu‘ ich mich für Sie.“ Er kommt hinter der Ladentheke hervor, nimmt Frau Wolf in den Arm und hält ein Schwätzchen mit ihr, so wie fast jeden Tag.

Neuer Anlauf im Landtag

Seit 1986 betreibt Herbert Pley (62) die Lottoannahmestelle im Dürener Grüngürtel, was das staatliche Glückspielgeschäft betrifft, ist Pley seinen eigenen Worten nach „ein alter Hase, wie man so schön sagt“. Deswegen hat er sich kürzlich in den Vorstand des nordrhein-westfälischen Lottoverbandes wählen lassen, der die Interessen aller Lottoannahmestellen-Betreiber im Land NRW vertritt.

Vergangenen Herbst unternahm der Lottoverband im Landtag einen neuen Anlauf, wenigstens ein bisschen mehr Geld für seine Mitglieder herauszuholen, doch Pley sagt, dass die meisten Abgeordneten den Vertretern des Lottoverbandes noch nicht einmal zugehört hätten. Wer sind schon Kioskbesitzer, wenn die Landesregierung es im Moment und generell mit viel drängenderen Problemen zu tun hat?

Allein in Nordrhein-Westfalen spielen jede Woche vier bis fünf Millionen Menschen Lotto und all die anderen staatlichen Glücksspiele, die Eurojackpot, Super 6, Spiel 77 oder 6 aus 45 heißen. Die Westlotto GmbH, die im Auftrag des Landes NRW das staatliche Glücksspiel anbietet, hat die Provisionen für die Lottoannahmestellen-Betreiber seit 20 Jahren nicht erhöht. Seit 1997 beträgt die Provision pro verkauftem Spielschein 6,55 Prozent plus Umsatzsteuer.

Eine zwischenzeitliche Erhöhung wurde nach zwei Jahren wieder zurückgenommen. Herbert Pley sagt: „Das ist nicht fair.“

Einfache Leute, aber alle ehrlich

Und weil er nicht der einzige ist, der zunehmend Probleme hat, seine Lottoannahmestelle wirtschaftlich zu betreiben, kann man in den Städten seit Jahren beobachten, wie Kioske wie der von Herbert Pley aus den Stadtteilen verschwinden, nicht nur in Düren. Allein 2016 schlossen 108 Annahmestellen, insgesamt gibt es in NRW inzwischen weniger als 3500. Manche Annahmestellen werden auch in große Supermärkte verlegt, die täglich von Zehntausenden Kunden besucht werden.

Der Grüngürtel, in dem Pleys Geschäft liegt, ist ein Stadtteil im Dürener Norden, entlang der Straßen stehen uniforme kleine Häuser, eines neben dem anderen. Die Mieten konnten sich auch städtische Mitarbeiter des einfachen und mittleren Dienstes leisten, außerdem Schichtarbeiter, die in den Dürener Papierfabriken arbeiteten. „Hier lebten einfache Leute“, sagt Pley, „manche nicht unproblematisch, aber alle ehrlich.“ Ein Paradies für Lottoannahmenstellen-Betreiber wie Herbert Pley, doch die Zeiten haben sich auch für ihn geändert.

Pley ist gelernter Bankkaufmann, deswegen nimmt er es mit Abrechnungen und Zahlen sehr genau. In seinem Büro hinten im Laden zieht er einen Ordner aus dem Regal, der voller Listen ist. 1991 hat Pley mehr als 700 Lottoscheine in der Woche verkauft, jetzt sind es noch gut 400. 1990 betrug der Anteil des staatlichen Glücksspiels an seinem Jahresumsatz etwa 50 Prozent, heute sind es noch 30 Prozent, obwohl die Westlotto GmbH viel mehr Glücksspiele als nur Lotto anbietet.

Dass die Westlotto GmbH und mittelbar natürlich auch die Landesregierung die Zukunft der Lottoannahmestellen durch die Verweigerung selbst kleinster Provisionserhöhungen gefährdet, schade am Ende auch der Westlotto GmbH, glaubt Pley. In der Tat war der Glücksspielumsatz der Westlotto GmbH schon höher als die heutigen 1,68 Milliarden Euro pro Jahr, insbesondere zu den Zeiten, als der Staat noch das alleinige Glücksspielmonopol in Deutschland hatte.

Der Sprecher von Westlotto heißt Axel Weber, ein Mann, der sehr beschäftigt ist und druckreif sprechen kann, zum Beispiel so: „Wir in Nordrhein-Westfalen haben die höchsten Verprovisionierungen in ganz Deutschland.“ Dass Pley und der Lottoverband behaupten, die Provisionen seien seit 20 Jahren nicht gestiegen, sei eine ziemlich verkürzte Darstellung eines viel komplexeren Sachverhalts. Weber sagt: „Wir müssen auf einen sich verändernden Markt mit neuen Angeboten und flexiblen Vertriebspraktiken reagieren.“

Er redet von Barcodes und anderen Möglichkeiten, das staatliche Glücksspiel ins Internet zu verlagern. Das Internet, sagt Weber, „ist ein absolut wichtiges Vertriebs-tool“. Wer als Annahmestellen-Betreiber „diesen Weg engagiert mitgeht, kann seine „Wochenumsätze extrem steigern“.

Weber spricht zwar druckreif, aber definitiv nicht die Sprache von Herbert Pley.

Während Weber von Vertriebs-tools und neuen Wegen redet, sitzt Pley in seinem Büro und erzählt von früher. Er erzählt von Volksfesten im Grüngürtel, bei denen er mit seinem Vater vom Lkw-Anhänger aus Küppers Kölsch verkaufte, von der Kirche, die jeden Sonntag voll war, von der Grüngürtel-Legende Ernst Müller, der 1979 Box-Europameister im Weltergewicht wurde und in den Straßen des Grüngürtels gefeiert wurde wie ein Held.

Pley erzählt von früher, aber im Grunde spricht er über seine Sehnsucht nach der identitätsstiftenden Übersichtlichkeit der Bonner Republik, die nicht nur Menschen verspüren, die ihr Leben lang im Grüngürtel gelebt und gearbeitet haben. Doch diese Zeit existiert natürlich auch im Grüngürtel nur noch in den Erinnerungen derer, die diese Zeiten als Erwachsene erlebt haben.

Im größeren Zusammenhang

Und trotzdem: Diese Menschen sind Pleys Kunden, sie wollen nicht, dass das Glücksspiel ständig neu erfunden wird.

Die Tür geht auf, Pley begrüßt den nächsten Stammkunden, „hallo, wie geht‘s?“, kurzes Schwätzchen. Der Mann fragt, ob Pley etwas für ihn per Fax versenden könne. „Ja sicher“, sagt Pley und lässt sich fünf DIN-A-4-Seiten und die Faxnummer in die Hand drücken, eine Selbstauskunft für die Schufa.

„Man glaubt nicht, was unsere Kunden uns alles anvertrauen“, wird Pley später sagen, von vielen Kunden weiß er fast alles. Scheidungen, Schicksale, Blutwerte, 90 Prozent der Kunden seien Stammkunden, von vielen kennt Pley mindestens das Geburtsdatum.

Würde man in der Auseinandersetzung zwischen Lottoverband und Westlotto über die Provisionshöhe für die Lottoscheine etwas Größeres sehen wollen, könnte man in ihr einen ganz anderen Konflikt erkennen: den Konflikt zwischen denjenigen, denen der digitale Wandel gar nicht schnell genug gehen kann, die eine neue Welt haben wollen, und denjenigen, die sich von der Radikalität und der Rasanz der Veränderungen überfordert fühlen, für die der digitale Wandel Nebensache ist.

Und die Lotto unter anderem deswegen spielen, weil emotionale Bindungen zu Läden wie dem von Herbert Pley existieren, sie sind Teil ihres sozialen Umfeldes.

Doch wo liegt, soweit es die Lottoprovisionen betrifft, die Lösung? Pley sagt: „Wir möchten pro Schein 20 Cent mehr.“ Weber sagt: „Wir sind am Erfolg der Annahmestellen hoch interessiert.“ Man könnte sagen: Es sind schon auswegloser erscheinende Konflikte befriedet worden.

Die Menschen, die in Pleys Laden kommen und Lotto spielen, haben schon früher nicht von Yachten, Villen und exklusiven Weltreisen geträumt und tun es auch heute nicht. Sie spielen nicht, um ein anderes Leben führen zu können. Die Menschen, die seit Jahrzehnten zu Herbert Pley kommen, haben zu allen Zeiten vor allem von einem geträumt: von etwas mehr finanzieller Sicherheit. Und darin unterscheiden sich die Lottospieler durch nichts von denen, die ihnen die Lottoscheine verkaufen.

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