Aachen - Streit um Karls Grab, den Thron und seine Moral

Streit um Karls Grab, den Thron und seine Moral

Von: Sabine Rother
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Streitbar: Harald Müller (li.), Leiter des Historischen Instituts der RWTH Aachen, und sein Vorgänger Max Kerner. Foto: Michael Jaspers
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Mächtige Autorität: Kaiser Karl (hier die Skulptur am Duisburger Rathaus), wie man ihn sich um das Jahr 1900 vorstellte. Foto: stock/Imagebroker

Aachen. War das sein Thron? Wie alt war er wirklich? Wo ist sein Grab? Wo ist sein Schädel? Und wie war das mit den Frauen? Gerade erst hat man den 1200. Todestag Karls des Großen begangen.

Nicht nur in Historikerkreisen wird bis heute heiß über Fragen rund um den mächtigen Frankenherrscher diskutiert. Blumige Erzählungen vom mystischen Kaiser Karl und seinem Aachener Dom halten sich hartnäckig. Wissenschaftler wie Max Kerner, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls Mittlere Geschichte und Leiter des Historischen Instituts der RWTH Aachen, sowie sein Nachfolger Harald Müller sind mittendrin im Ringen um neue Erkenntnisse. Im Juni wird ihr Buch „Die Aachener Marienkirche“ erscheinen, das sie gemeinsam mit Clemens M. M. Bayer herausgeben.

Einigkeit herrscht bei den Untersuchungen der Gebeine aus dem Schrein. Die Ergebnisse des Schweizer Pathologen Frank Rühli und des deutschen Anthropologen Joachim Schleifring überzeugen sie. Die beiden stellten fest, dass es sich tatsächlich um die Gebeine eines älteren Mannes im Alter um die 70 Jahre aus der Zeit Karls der Großen handelt und dass dieser ein Knieproblem hatte – Karl hinkte in späteren Jahren. Bis auf die Schädeldecke in der Karlsbüste ist jedoh nichts vom Kopf des Kaisers erhalten – der Verbleib des Restschädels bleibt ungewiss.

Geburtsort und -datum des Franken? Zu seiner Zeit komplett unwichtig, eine viel zu heutige Denkungsweise, lehnen die Experten allein schon die Frage ab.

Was verstärkt diskutiert wird, ist die Frage nach Karls Grab. Lag es unterhalb des Kirchenbodens? Nein, so die Wissenschaftler, undenkbar. Eine Gruft? Auch nicht. „Keine Stelle im Dom wäre dazu geeignet“, betont Müller. Der prächtige Proserpina-Sarkophag, der jetzt in der Domschatzkamnmer gezeigt wird, als Hochgrab – schon eher. Dennoch: Aus karolingischer Zeit gibt es keinen Hinweis auf ein Grab oder den Beleg eines „Memorialkultes“, einer Grabesverehrung.

Erst viel später seien die Kanoniker aktiv geworden – vermutlich, um die Bedeutung der Marienkirche aufzuwerten. Aussagen des Kölner Mittelalterarchäologen Sven Schütte, der im Dom die Anlage des Kaiserthrons eingehend untersucht hat und von Funden im Staub der Jahrhunderte berichtet – unter anderem von einem vergoldeten Nagel, den er einem Teil der Reichskleinodien zuordnet – begegnen die Aachener Historiker mit Skepsis. Sie fordern Schriftliches.

Gittertürchen ist fraglich

Selbst die These vom unbenutzten karolingischen Fußboden ist für Kerner und Müller kein Hinweis auf den Standort des Throns. Ja, dort stand etwas. Aber was? Wer heute den spartanisch anmutenden Sitz betrachtet, sollte ihn in Gedanken auseinander nehmen, raten die Experten: Marmorteile, Unterbau, Treppe. „Der Thron ist handwerklich so schlecht gebaut, dass er sich nicht in das hochwertige Bauensemble der Marienkirche fügt. So hätte man den nicht zusammen geschustert“, meint Müller.

Die Herkunft des Marmors? Wo die einen Jerusalem vermuten, sagen die anderen, der Marmor sei zwar „von ähnlicher Beschaffenheit“, aber das sei noch kein Beweis. Für beide steht fest: Der Thron hat so vermutlich niemals ausgesehen. Und selbst das Türchen im Gitter dient nicht mehr als Indiz. Das Gitter könnte auch im gegenüberliegenden Teil des Umgangs seinen Platz gehabt haben. Schon schwindet die Vorstellung von einem Karl, der hier den Gottesdienst verfolgte. Dass Karl eine enge Beziehung zum Glauben hatte, bezweifelt niemand. Der Kaiser konnte zudem lesen und verstand es recht gut, seine Verwaltung zu kontrollieren.

Ob er auch schrieb, ist nicht klar, aber das war im Mittelalter normal, und das Schreiben galt eher als Handwerk. „Das Karlsbild lebt von den Brechungen, Feingeist und Analphabet, das ist für viele reizvoll“, sagt Müller. Und noch eine Frage reizt: Karl, der Frauenheld? Tatsächlich waren seine Ehen nach Mittelalterrecht politische Arrangements. Die Ehefrauen hatten die Hausgewalt.

Kerner: „Da ging es nicht ums Kochen. Sie hatten das Sagen über die königliche Kammer, über die Einkäufe etwa von Luxuswaren.“ Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass Karl der fränkischen Kriegerelite entstammte und in einer Zeit lebte, in der sich christliche Werte erst noch festigten. Urkundlich belegt: Karls Sohn Ludwig der Fromme, war nicht so sicher, dass sein Vater das ewige Heil erlangen würde – er ließ zur Sicherheit kräftig für ihn beten – nachträglich. Sven Schütte hat sein Buch noch für dieses Jahr angekündigt. Neues Diskussionsmaterial.

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