Streit um Edel-Taschenrechner: Grafikfähige Rechner werden Pflicht

Von: Konstantin Betsis
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Grafikfähiger Taschenrechner: Ab dem nächsten Schuljahr werden sie in NRW ab der 10. Klasse Pflicht. Foto: dpa
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Schülerin Carla hält den grafikfähigen Taschenrechner Casio fx-CG20.

Düsseldorf. Tamara Genzler erfuhr auf einem Elternabend, dass eine größere Investition in den Mathe-Unterricht ihrer Tochter ansteht. Die 14-jährige Carla geht in die 9. Klasse des Düsseldorfer Marie-Curie-Gymnasiums und braucht spätestens zum neuen Schuljahr einen grafikfähigen Taschenrechner.

Denn ein Runderlass des Schulministeriums sieht vor, dass mit Beginn des Schuljahrs 2014/15 in NRW ab Klasse 10 jeder Schüler einen solchen Taschenrechner besitzen muss. 80 Euro kostete der Rechner in einer Sammelbestellung, im Laden hätte er mehr als 100 Euro gekostet. „Wenn man überlegt, dass man für 20 Euro mehr ein Tablet bekommt, ist das schon sehr happig“, sagt die Mutter.

Ab 2017 sollen die Grafik-Taschenrechner auch im Zentralabitur an Gymnasien und Gesamtschulen zum Einsatz kommen. Von 2003 bis 2007 testete das Ministerium in 30 Pilotschulen den Einsatz der grafikfähigen Rechner. Sie böten „den Mathematiklehrern in der Sekundarstufe II eine erhebliche Erweiterung unterrichtlicher Möglichkeiten“, heißt es. So würden die Grafikrechner „das Entdecken mathematischer Zusammenhänge fördern, bessere Darstellungsmöglichkeiten bieten und die Schüler entlasten“.

Der Vorsitzende des Philologenverbandes NRW, Peter Silbernagel, sieht genau darin die Gefahr: „Welcher Mehrwert kommt dabei herum, wenn Schüler in vielen Bereichen die Lösungen präsentiert bekommen, ohne den Weg zum Ergebnis zu erfahren? In der Mathematik ist gerade das Verständnis der Knackpunkt“, sagt Silbernagel, selbst Mathematiklehrer. Tatsächlich steht der Verbandschef mit seiner Skepsis nicht alleine: Während sich einige Lehrer auf die neuen Möglichkeiten freuen, halten viele andere die Geräte für unnötig. „Ich sehe den Mehrwert nicht“, sagt etwa Peter Scholl, Mathelehrer in Sankt Augustin. Derartige Kalkulationen könne man auch mit einem Computer machen. „Dafür brauchen die Schüler nicht täglich einen teuren Taschenrechner mit in die Schule bringen.“

Das Schulministerium NRW teilt solche Einwände nicht. „Der Gebrauch von grafikfähigen Taschenrechnern erlaubt eine Entlastung von kalkülorientierten Routineberechnungen und eine schnelle Visualisierung von Graphen“, wird schriftlich mitgeteilt. Die Sorge, dass durch das Überspringen von Rechenschritten das eigenständige Rechnen verkümmere, sei unbegründet: „Der Lehrplan sieht vor, dass Schüler ergänzend Aufgaben auch hilfsmittelfrei lösen können.“

In Niedersachsen, Sachsen und Baden-Württemberg sind Grafik-Rechner schon länger Pflicht. In Baden-Württemberg sollen sie wieder abgeschafft werden. Nachvollziehbar, findet die NRW-Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Dorothea Schäfer, ebenfalls Mathematiklehrerin. Diese Technologie sei längst überholt. „Die Universitäten sagen sogar, dass sie den Einsatz der Rechner bei Klausuren verbieten. Dann frage ich mich, ob das nur für die drei Jahre in der Oberstufe sinnvoll ist.“ Laut Professor Andreas Büchter von der Universität Köln gibt es „Apps für 2,99 Euro, die leistungsfähiger sind“. Er könne verstehen, dass Eltern sich sagen: „Mein Kind hat einen Tablet-PC – warum soll ich ihm für 80 Euro ein Gerät kaufen, das nicht so viel kann?“

Robert Spillner, Mathelehrer in Gelsenkirchen, war am Test der Rechner beteiligt und sieht durchaus Vorteile: „Aufwendige Rechnungen oder das Erstellen von Funktionsgraphen können wesentlich schneller durchgeführt werden“, sagt der 36-Jährige. „Günstiger könnte natürlich der Einsatz von Software sein.“ Wegen der Gefahr des Schummelns sollen entsprechend aufgerüstete Smartphones und Tablets aber nicht zugelassen werden.

Ein Problem, das die wenigen Hersteller der grafikfähigen Taschenrechner wie Casio und Texas Instruments schnell erkannt haben. Casio unterstützte schon das Pilotprojekt des Ministeriums und stellte Hunderte Taschenrechner zur Verfügung. Casio-Sprecher Jörg Reddmann verteidigt die Preise für die Rechner: Wegen der geringen Stückzahlen seien günstigere Preise „illusorisch“.

Eltern könnten die Taschenrechner auch vom Förderverein mieten, schlägt das Ministerium vor. Einkommensschwache Familien hätten das „Bildungs- und Teilhabepaket“ für Unterrichtsmaterialien, heißt es – das sind 100 Euro pro Schuljahr für sämtliches Material.

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