Jülich - Streichungen bei RWE fordern Region heraus

Streichungen bei RWE fordern Region heraus

Von: Berthold Strauch
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Ein starkes Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft will intensiv nach tragfähigen Konzepten für eine gesicherte Zukunft suchen.

Jülich. Die Nachricht von drohenden Streichungen beim Energieriesen RWE schlug wie eine Bombe ein. Regionale Verantwortungsträger reagierten hochgradig nervös auf die Ankündigung, dass der Konzern jährlich 150 Millionen Euro in den Braunkohlerevieren einsparen wolle. Diese Einschnitte dürften wohl auch auf Kosten der Mitarbeiter gehen.

Die Ressource Braunkohle im Großraum zwischen Aachen, Köln und Düsseldorf ist endlich, keine Frage. Die Abbauszenarien arbeiten mit einem Datum, bis wann die letzte Tonne dieses Rohstoffs aus dem Boden gebaggert werden soll. Mindestens bis 2035, vielleicht bis 2045 will RWE diesen Brennstoff fördern. Entscheidend dabei wird aber sein, wie lange der Konzern damit Geld verdienen kann. Geht es nach manchen Politikern, speziell der Grünen, könnte aber schon deutlich früher endgültig Schluss sein, wobei dann genehmigte Tagebauteile nicht mehr aufgeschlossen würden.

Jedenfalls sorgen die neuesten Entwicklungen rund um RWE und ihrer Power-Tochter mit den Tagebauen und Kraftwerksstandorten dafür, dass bei der Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) mit der Zentrale in Jülich (siehe unten) die Alarmglocken stärker läuten und jetzt noch kräftiger in die Hände gespuckt werden muss. IRR-Geschäftsführer Jürgen Drewes, der bis Ende März zugleich die Gesamtverantwortung bei der Aachener Industrie- und Handelskammer (IHK) trug, hat die drohenden Zeichen der Zeit erkannt und macht unmissverständlich klar, dass die Anstrengungen in Sachen Strukturwandel weiter verstärkt werden müssten.

„Wir engagieren uns in der Strukturpolitik“, bringt Drewes die nötige Kraftanstrengung auf den Punkt, „weil wir nicht abwarten wollen, bis etwas schließt und die Katastrophe eintritt, sondern wollen früh die Weichen stellen, damit wir auch in 20 bis 30 Jahren noch erfolgreich sind.“

Ehrgeizige Ziele

Wer steckt hinter der IRR, die bislang wohl nur Insidern bekannt sein dürfte? Auf jeden Fall ein starkes Stück Zukunft und reichlich Potenzial, gemeinsam die Zeit nach der Einstellung der Förderung wirtschaftlich meistern zu können. Denn in der IRR haben sich eine Fülle von Partnern zusammengeschlossen, die das Ziel eint, die Weichen für die „Gründer- und Innovationsregion Rheinland“ zu stellen, die sich bereits auf dem Weg zum „High-Tech-Mittel-punkt Europas“ sieht.

Ganz schön hehre, ehrgeizige Ziele, die natürlich mit Leben gefüllt werden müssen, damit es keine schmerzliche Bauchlandung in einigen Jahrzehnten gibt und ein Strukturbruch mit drastisch steigender Arbeitslosigkeit die bittere Folge wäre.

Die IRR setzt sich zusammen aus dem Rheinischen Braunkohlerevier mit den Tagebauen Inden, Garzweiler und Hambach sowie den angrenzenden Kreisen und Städten. Dazu zählen neben dem genannten Dreieck Aachen-Köln-Düsseldorf zum Beispiel genauso Krefeld, Mönchengladbach, Leverkusen, die Bundesstadt Bonn, Siegburg und die kleineren Kommunen drumherum. Selbst Partner von jenseits der Grenzen in den Niederlanden und Belgien, in Maastricht und Eupen, sind in die längst angelaufenen Diskussionsprozesse intensiv eingebunden.

Zu bereden haben die vielen Gesprächspartner einiges. Denn bis zum Jahre 2015 soll im Konsens aller Beteiligten ein „regionales Leitbild“, eine „Innovationsstrategie“ entwickelt werden. Und dies sollte möglichst nicht dem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ entsprechen, auf den man sich so gerade noch verständigen kann, sondern möglichst auch eine kühne, mutige Vision und Vorgaben für konkrete Projekte und deren zügige Umsetzung enthalten.

Für ein „nachhaltiges Wachstum“ sollen neben der Energie die Bereiche Ausbildung, Freizeit, Gründung, Infrastruktur, Logistik, Mobilität, Wirtschaft und Wissenschaft auf eine gemeinsame Linie festgeschrieben werden.

Damit kein Missverständnis entsteht: Hier wollen nicht irgendwelche abgehobenen Phantasten still im Kämmerlein und möglichst ungestört von der Außenwelt einen grandiosen Masterplan auf die Beine stellen. Vielmehr sei es das Ziel, wie IRR-Geschäftsführer Drewes versichert, „alle relevanten Akteure – Bürger, politische Entscheidungsträger, Vertreter von Unternehmen, Hochschulen, Verbänden und Gewerkschaften – mit ins Boot zu nehmen und in den gewünschten Diskussionsprozess einzubinden“. Hierbei gehe es „kooperativ um die Weiterentwicklung der vom Braunkohleabbau geprägten Region“.

Ergänzen und vernetzen

Und noch eine Anmerkung ist dem IRR-Chef wichtig: Es sei keinesfalls beabsichtigt, sich als Konkurrenz zu etablierten regionalen Arbeitsstrukturen aufzuschwingen. Vielmehr sollten die Aktivitäten „ergänzt und vernetzt werden, um Synergien zu schaffen“.

Die Arbeit organisiert die IRR bereits seit dem 1. Januar 2012 mit einem bis 2015 eingeplanten Budget von zwei Millionen Euro. Davon trägt die IHK Aachen noch einen gewichtigen Teil der Kosten für Personal und grundsätzliche Untersuchungen selber, „da es für das Rheinland bisher keine ausgeprägte Kooperationskultur gibt“, formuliert der Geschäftsführer. Ne- ben Drewes zieht sein Stellvertreter Boris Linden die entscheidenden Fäden in der Geschäftsstelle.

Drewes bekennt offen, dass der Impuls zur Gründung der IRR „aus dem Umfeld der Landesregierung“ gekommen sei – sprich: den Reihen der Politik. Namentlich nennt der Geschäftsführer Dietmar Nietan (MdB/SPD) aus Düren sowie die Grünen Reiner Priggen (Aachen) und Oliver Krischer (Düren). Dass die Führung zur IHK Aachen ging, habe damit zu tun, dass „wir 30 Jahre Erfahrung haben mit dem Strukturwandel, mit allen Irrungen und Wirrungen“, sagt Drewes. Die Landesregierung „weiß, was funktioniert“, zeigt er auf die Agit und den neuen Zweckverband Region Aachen.

Und wo setzt die IRR konkret an? Beim Thema Verkehr: Hier soll formuliert werden, welche Projekte in einem überschaubaren Zeitraum von drei bis fünf Jahren „einvernehmlich durchsetzbar“ erscheinen. Drewes nennt beispielhaft das dritte Gleis der Bahnstrecke Aachen–Düren und den Rhein-Ruhr-Express. Dieses Konsenspapier solle der neuen Bundesregierung nach der Wahl am 22. September unterbreitet werden, um es in den Koalitionsverhandlungen festzuzurren, gibt er die weitere Marschrichtung vor.

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