Düren/Alsdorf - Straßenwärter: „Man steht immer mit einem Fuß im Grab”

Straßenwärter: „Man steht immer mit einem Fuß im Grab”

Von: Verena Müller
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Was die Straßenwärter nicht al
Was die Straßenwärter nicht alles im Mittelstreifen finden: Einen Unterflurschutz, eine Radkappe und - im Bild zu sehen - ein Handtuch, starr vor Dreck. Foto: Verena Müller

Düren/Alsdorf. Mit Tempo 20 auf der Überholspur. Volker Schieren hängt mit dem Oberkörper halb aus der offenen Fahrertür. Er hält Ausschau nach verstopften Gullys. Hinter dem nächsten hält er an und geht einmal um den Unimog. Hans-Josef Braun steigt aus und kramt eine Schaufel unter der Plane hervor.

Breitbeinig und mit ausholenden Armbewegungen marschiert er zum Mittelstreifen der A.44 bei Alsdorf und schwingt sich behäbig über die Leitplanke. Mit der Schaufel kratzt er Unkraut vom Asphalt und schiebt den Schmutz Richtung Fahrbahn. Völker Schieren klettert hinterher und macht sich hinter einem Brückenpfeiler zu schaffen.

Wen interessiert es eigentlich, ob auf dem Mittelstreifen Unkraut wächst oder nicht? „Was man hat, muss man pflegen”, sagt Schieren, „das steht so im Leistungskatalog.”

Es geht aber nicht rein um die Ästhetik, wenn die Straßenwärter der Autobahnmeisterei Düren unterwegs sind. Nach den Arbeiten im Mittelstreifen, zwischen den Leitplanken, ist die Rinne und der Gully fällig. Gerade jetzt, wo vor Unwettern gewarnt wird und der Abrieb auf der Straße in Kombination mit Wasser schnell zu Schmier werden kann, muss das Regenwasser schnell abfließen können.

Die Kühltasche immer dabei

Schieren hebelt den Gully-Deckel auf, Braun guckt in den Abfluss: „Ich würde sagen, der ist voll”, sagt Braun. Er wuchtet den Korb aus der Versenkung und kippt schwarzen Dreck, Grünzeug und Reste eines Vogels auf die Straße. Ameisen wimmeln über den Asphalt. Braun atmet schwer, Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet, in kleinen Rinnsalen laufen sie an der Schläfe herunter.

Er steigt wieder in den Unimog, den linken Arm legt er auf eine Kühltasche. „Sechs Flaschen”, sagt Braun. „Mit Kühlakkus. Die haben minus 21 Grad.” Die Halbliterflaschen mit Limo habe er immer dabei. Wenn es heiß ist, trinke er sie alle. „Heute geht es aber noch mit dem Wetter. Bisschen Wolken”, sagt er. „Wenn du schon mittags Kopfschmerzen hast von der Sonne und dann kommt noch der Lärm dazu, das ist schlimm.” Vor neun Uhr morgens dürfen die Männer aber nicht anfangen. Und wegen der Hitze die Arbeit einfach verschieben, das geht nicht.

Am Rande der Überholspur liegt der Unrat in kleinen Haufen. Schieren steigt in den Wagen, um einen Abschnitt weiter zu fahren, dahinter fährt die Kehrmaschine. Keine übliche, die durch Wohnviertel fährt, sondern eine fürs Grobe. Vier Tonnen fasst sie. „Um zwei ist die voll”, sagt Schieren, da schluckt die Kehrmaschine die kleinen Haufen einfach weg. Braun geht zu Fuß dahinter und zieht eine hellbraune Staubwolke hinter sich her, in der das Warnfahrzeug, das die Autofahrer von der Überholspur auf die mittlere lenkt, fast verschwindet.

Zwei weitere sogenannte Vorwarner folgen im Abstand von 600 und 1000 Metern auf dem Seitenstreifen. Die Kolonne wird beim Auffahren auf die Autobahn von hinten aufgerollt. Erst die Vorwarner, am Ende das Arbeitsfahrzeug von Braun und Schieren. Aus Sicherheitsgründen.

Durchschnittlich ein Mitarbeiter von Straßen NRW kommt pro Jahr bei der Arbeit ums Leben. Straßenwärter ist einer der gefährlichsten Jobs in Deutschland. Die Gefahren- und Schmutzzulage beträgt seit Jahrzehnten 67 Euro brutto im Monat.

Früher ist die Zahl der Verunglückten deutlich höher gewesen, obwohl das Verkehrsaufkommen viel geringer war. Alle fünf Minuten mal ein paar Autos. Heute sind es am Aachener Kreuz 44.000 in 24 Stunden je Fahrtrichtung. Ein nachkoloriertes Foto einer Kehrmaschine aus den 50ern zeigt ein rundliches Ding, auf dem oben ein ehemaliger Mitarbeiter sitzt. Ein sogenannter Winkemann ging damals einfach mit einer Fahne 200 Meter hinter der Baustelle her. Eine Baustelle, das kann auch nur eine Kehrmaschine oder ein anderes Arbeitsfahrzeug sein, das auf der Autobahn eingesetzt ist. Heute sind die Sicherheitsmaßnahmen deutlich besser, regelmäßig gibt es Schulungen.

Kaum einer ohne Unfall

Braun bewegt sich mit der Gelassenheit eines satten Bären nahe der mittleren Spur, während ein Lkw kaum einen Meter neben ihm vorbeifährt. Die Druckwelle lässt die Plane des Unimog kurz hin und herschlagen. Braun hält kurz inne, stützt die Hände auf die Schaufel und lässt den Blick über seinen Arbeitsplatz schweifen. Er nickt.

Kaum einer seiner Kollegen hatte noch keinen Unfall. „1994 hatte ich in acht Tagen zwei Unfälle”, sagt er. Ein Lkw war mit 80 Stundenkilometern auf sein Fahrzeug gerast. „Vier Monate Krankenhaus”, sagt Braun. „Aber sie haben dich wieder rausgelassen”, sagt Schieren. „Ja”, sagt Braun und lacht, „aber man steht immer mit einem Fuß im Grab.” Schieren ist mal von einem Golf, der ins Schleudern geraten war, vom Standstreifen aus 17 Meter die Böschung hochgeschoben worden. „Die Fahrerin war sofort tot”, sagt Schieren. Sein Arbeitgeber schließt für ihn und seine Kollegen eine private Unfallversicherung ab. „Ob die reicht, ist manchmal die Frage”, sagt Braun.

Die Kolonne rollt wieder an. Beim nächsten Stopp geht Braun vor das erste Fahrzeug, sammelt etwas vom Boden auf, das aus der Ferne an ein Tierfell erinnert. Ein von Dreck starr gewordenes Handtuch. Vertrocknete Blätter kleben daran. Braun legt es über die Leitplanke. „Ich hab’ hier schon ganze Kleiderschränke gefunden.”

Braun und Schieren arbeiten seit 28 und 25 Jahren in der Dürener Niederlassung von Straßen NRW, schon ihre Väter waren Straßenwärter, Johannes Braun hat den Backstein-Komplex Mitte der 50er Jahre mit aufgebaut. Mitte der 80er zählte die Autobahnmeisterei noch rund 55 Mitarbeiter, heute sind es 30 im Außendienst und fünf in der Verwaltung. „Die Einsparungen spürt man schon, vor allem jetzt”, sagt Schieren. Die vielen Überstunden vom langen Winter müssten abgebaut werden, außerdem ist Ferienzeit.

Normalerweise seien vier Kolonnen wie die auf der A.44 im Einsatz, dazu noch zwei Kollegen, die nach den Toilettenanlagen schauen müssen. Seit vier Jahren müssen sie die reinigen. „Aber man gewöhnt sich an alles”, sagt Braun. „Ich sag’ mal so: Es ist unser Job.” Neben dem Handtuch hat er eben noch eine Radkappe aufgesammelt, die wirft er zur Unterflurbedeckung, die Schieren aus dem vertrockneteten Grün gezogen hat. 100 Kilometer betreuen die Straßenwärter ingesamt.

Zu dem Job, der seit 1968 anerkannt ist, gehören auch Ausbesserungsarbeiten an der Fahrbahndecke oder an Regenrückhaltebecken, das Rückschneiden von Grün auf Rastplätzen und direkt an der Autobahn - und nicht zuletzt: das Absichern von Unfallstellen. „Wenn es nach der Hitze regnet und der Schmier auf der Straße anfängt zu schäumen, dann haben wir sicher drei, vier Unfälle am Tag”, sagt Braun. Oft sind die Männer vor Polizei oder Rettungswagen am Unfallort, da sie eh auf der Strecke unterwegs sind.

Leichenteile habe er auch schon einsammeln müssen, sagt Braun. Schieren sagt nur: „Entweder man gewöhnt sich dran, oder man geht privat zum Arzt.” Einen Psychologen - wie für Rettungskräfte etwa - gebe es nicht. Braun findet: „Man muss einfach abschalten.”

Beleidigungen der Autofahrer

Abschalten, dass müsse man auch, wenn man beschimpft oder mit Gegenständen beworfen werde. „Das muss man lernen zu ignorieren”, sagt Schieren. „Muss man, muss man”, sagt Braun.

Dann rollt die Kolonne wieder an, bis zum nächsten Gully.
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