Straftaten gegen Senioren: Erst Mitleid erregen, dann ausrauben

Von: Ines Kubat
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Die Zahl der Straftaten gegen Senioren in den vergangenen zehn Jahren um etwa 40 Prozent gestiegen. Symbolbild: dpa Foto: Patrick Pleul/dpa

Aachen. Die 89-Jährige Lisbeth S. kam gerade vom Einkaufen zurück, zog ihr Wägelchen um das Haus herum zur Terrassentür, und als sie aufschließen wollte, wurde sie von einer fremden Frau angesprochen, die ihr wohl gefolgt war.

Lisbeth S. wohnt in Aachen in der Nähe der Lütticher Straße. Ihre Wohnung liegt im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Die fremde Frau bat sie, ein dringendes Telefonat führen zu dürfen, also ließ Lisbeth S. sie hinein. Die Unbekannte schaute sich in der Wohnung um und heuchelte Interesse.

Raub und Betrug am häufigsten

Lisbeth S. zeigte ihr die Räume, unter anderem das Schlafzimmer. Dort, auf einer Kommode, stand ein Schmuckkästchen. Die Fremde verabschiedete sich und war verschwunden. Genauso wie die Schmuckschatulle samt Inhalt.

Das stellte Lisbeth S. allerdings erst viel später fest. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einer Straftat zum Opfer fiel: Zweimal wurde bei ihr bereits eingebrochen und Schmuck gestohlen, im Frühjahr wurde ihr auf dem Friedhof die Handtasche entrissen und jetzt der Trickdiebstahl in der eigenen Wohnung.

Wie Lisbeth S. geht es vielen älteren Menschen in Nordrhein-Westfalen. Im vergangenen Jahr fielen insgesamt 13.209 Senioren Kriminalstraftaten zum Opfer, wie die polizeiliche Kriminalstatistik des Landes NRW zeigt. Und die Tendenz ist steigend: 2009 waren es noch 11.305. Diesen Trend beobachtet Wolfgang Spies von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) NRW schon länger, er sagt: „Von 2005 bis 2014 sind die Straftaten gegen Senioren um 42 Prozent gestiegen.“

Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamts, erklärt, dass es gewisse Straftaten gibt, bei denen ältere Menschen eher betroffen sind als jüngere. Die häufigsten Delikte fallen in die Bereiche Raub und Betrug. Das bestätigen auch die Kreispolizeibehörden in Düren, Heinsberg und Aachen.

Zur Kategorie Betrug zählen unter anderem der Enkeltrick, Schockanrufe und der Zetteltrick. Für Enkeltrick und Schockanrufe suchen die Täter, meist Banden aus dem benachbarten Ausland, das Telefonbuch nach alt klingenden Namen durch, erklärt Scheulen.

Dann rufen sie die jeweiligen Senioren an und geben sich als Angehörige aus oder überbringen schlimme Nachrichten beispielsweise von Unfällen geliebter Menschen. Ihr Ziel: Die besorgten Senioren sollen ihnen Geld überweisen. „Vor dem Enkeltrick warnen wir schon seit Jahren“, sagt Scheulen, „und doch fallen immer wieder alte Leute darauf rein.“

Der Zetteltrick hingegen wird nicht per Telefon, sondern persönlich ausgeführt: Die Täter klingeln gezielt bei älteren Menschen und geben vor, dringend eine Nachricht für den Nachbarn hinterlassen zu müssen. Sie versuchen alles, um in die Wohnung eingelassen zu werden, damit sie die alten Menschen bestehlen können. Meistens agieren sie zu zweit, erklärt LKA-Sprecher Scheulen: „Vom Zetteltrick gibt es viele verschiedene Abwandlungen: Manchmal geben sich die Täter auch als Hausmeister, Bankangestellte, Elektriker oder sogar Polizeibeamte aus.“

Aber warum werden gerade Senioren Opfer von Betrügereien an der Haustür oder per Telefon? Zunächst weil viele ältere Menschen allein leben und häufig Barvermögen daheim lagern, glaubt LKA-Sprecher Scheulen. Außerdem seien ältere Menschen eher körperlich benachteiligt.

Klaus Beyard vom Weißen Ring in Aachen fügt an: „Ältere Menschen sehen häufig das Gute im Menschen: Wer Anzug und Krawatte trägt, wirkt auf sie zunächst seriös. Solche Leute werden eher ins Haus gelassen.“ Wenn jemand hilfsbedürftig wirkt, hätten gerade ältere Leute Mitleid.

Der Weiße Ring begleitet Menschen, die Opfer von Verbrechen geworden sind. In der Städteregion Aachen wurden im Jahr 2014 insgesamt 225 Menschen betreut, darunter sechs Senioren. Das wirke zunächst wenig, doch wie Beyard sagt, die Dunkelziffer unter Senioren ist ungleich höher: „Viele stellen aus Scham keine Anzeige und melden sich auch nicht beim Weißen Ring.“ Oft geben sich die Opfer selbst die Schuld, weil sie immer wieder vor Maschen wie dem Enkeltrick gewarnt wurden und dann den Tätern doch auf den Leim gegangen sind.

Neben dem finanziellen Schaden, den die Senioren erleiden, sei der seelische manchmal weitaus schlimmer, sagt Beyard: „Manche Opfer verlassen danach kaum noch die eigene Wohnung, haben Angst auf die Straße zu gehen. Das große Grundvertrauen, das gerade Senioren haben, wird stark gestört.“ Schlimmer sei das Trauma, wenn Senioren neben dem eigentlichen Überfall oder Diebstahl auch noch Gewalt erfahren.

Wolfgang Spies von der GdP beobachte seit einigen Jahren, dass Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem zugenommen habe. „Die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ist gesunken.“ Das äußere sich auch in den Straftaten, die gegen Senioren begangen werden, sagt er. „Es ist erschreckend, „dass Banden es auf diese schwache Opfergruppe abgesehen haben und ihre Hilflosigkeit ausnutzen.“

Indes unterscheidet sich sein Eindruck abermals von dem der Polizei: Weder die Daten des Landeskriminalamts noch die der Polizeibehörden in Aachen, Heinsberg und Düren könnten das Phänomen zunehmender Gewalt bestätigen. Allerdings konnten die jeweiligen Sprecher auch keine konkreten Zahlen zu Straftaten in Kombination mit Gewalt nennen.

Lisbeth S. sagt, dass sie auch nach dem Trickdiebstahl keine Angst verspüre. Dennoch habe sich ihr Verhalten seit dem Vorfall geändert: „Man ist plötzlich so skeptisch – vor allem auf der Straße. Ich gucke mich immer wieder in alle Richtungen um.“ Mittlerweile hat sie ein Vorhängeschloss an der Wohnungstür. Links daneben hängt ein gelbes Schild als Erinnerung: „Ich lasse keine Fremden in meine Wohnung.“ Das hat ein Polizist ihr dagelassen.

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