Stottertherapie: Wenn die Buchstaben plötzlich blockieren

Von: Annika Kasties
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Wie bei einer alten Schreibmaschine: Wenn Agnes Nießen spricht, ist bei manchen Wörtern irgendwann Schluss. Deshalb macht die Studentin der Umweltingenieurwissenschaften jetzt eine Stottertherapie am Universitätsklinikum Aachen. Foto: Annika Kasties

Aachen. Es ist ein einzelner Buchstabe, der Agnes Nießen die Worte raubt. Den K-Laut von „Container“ hat sie schon leicht angetippt – doch dann blockiert die Stimme. Da ist er wieder, der Moment, vor dem es der Aachener Studentin graut. Die 26-Jährige stottert, und wieder konnte sie es nicht verbergen.

Dabei ist die Sprechstörung bei Agnes noch vergleichsweise schwach ausgeprägt. Ihr Stottern bewegt sich auf einer Skala im leichten bis mittelschweren Bereich. Immer mal wieder bleibt sie am Wortanfang hängen. Der Vokal will manchmal einfach nicht. Dann dauert es einige Sekunden, bis sie ein Wort herausbringt. Für einen Außenstehenden mag dies nicht weiter bemerkenswert sein. Ab und zu ein paar Blockaden im Sprechfluss – wen stört das schon?

Doch bei Stotternden wie Agnes weichen Selbst- und Fremdwahrnehmung ihrer Sprechstörung oft stark voneinander ab. „Es ist furchtbar, weil man weiß, was man sagen will – aber es kommt einfach nicht“, beschreibt Agnes das Gefühl der Hilflosigkeit, das sie übermannt, wenn sie die Kontrolle über ihre Worte verliert. Der Gedanke, dass sie später nicht in der Lage sein könnte, ihren zukünftigen Kindern eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, ließ sie mitunter verzweifeln.

Ursache lange Zeit unklar

Lange Zeit war unklar, warum Stotternde plötzlich die Macht über ihre Artikulation verlieren. Es wurde vermutet, dass die Sprechstörung eine psychischen Ursache habe. Extreme Schüchternheit, ein mögliches Kindheitstrauma, mangelnde Intelligenz – mit diesen Stigmata haben Betroffene auch heute noch zu kämpfen. Erst in den vergangenen Jahren haben Hirnforscher entdeckt, dass vermutlich eine fehlgeleitete Kommunikation zwischen wichtigen Spracharealen des Gehirns die Sprechstörung verursacht. Die charakteristischen Wiederholungen, Pausen und gedehnten Laute beim Stottern sind in den meisten Fällen genetisch bedingt.

Auch Agnes glaubte bis vor kurzem noch, dass sie ihre wiederkehrenden Sprechblockaden in irgendeiner Form selbst zu verantworten habe.

Schon zu Schulzeiten legte sich die Studentin Tricks und Kniffe zurecht, um ihr Stottern zu verbergen. Im Unterricht zeigte sie nicht etwa auf, wenn sie die richtige Antwort wusste, sondern nur dann, wenn sie auch sicher war, die entsprechenden Worte flüssig artikulieren zu können. Ihre Schulnoten litten entsprechend. Schriftlich: eins. Mündlich: vier. Auch im Privaten versuchte Agnes ihr Stottern zu verstecken. Ein eingeschobenes „ehm“ klingt so, als müsse sie sich ihre Worte noch überlegen. Und wenn es nach dem „B“ von „Blume“ hakt wie bei einer alten Schreibmaschine, dann sagt sie stattdessen „Rose“. Mit Synonymen kennt sie sich mittlerweile gut aus. Im Alltag sei die 26-Jährige damit noch vergleichsweise gut zurecht gekommen. Im Studium hingegen, wenn bestimmte Begriffe für einen wissenschaftlichen Diskurs essenziell sind, habe die Qualität ihrer Beiträge mitunter gelitten.

„Ich habe lange verdrängt, dass ich eine Therapie brauche“, erzählt Agnes, „doch irgendwann wurde es für mich einfach zu schlimm.“ Die Studentin der Umweltingenieurwissenschaften wusste: Spätestens bei ihrer mündlichen Bachelor-Prüfung wird sie sich ihrem Stottern stellen müssen. Deshalb begann sie im Februar 2015 eine Stottertherapie an der Schule für Logopädie am Universitätsklinikum Aachen.

Seitdem trifft sich Agnes einmal pro Woche mit bis zu drei angehenden Logopäden. In den Therapiestunden kann es auch mal unangenehm werden. Ein wichtiger Teil der Stottertherapie ist, offen mit der Sprechstörung umzugehen und sie zu akzeptieren. Vermeidungstaktiken sind seitdem tabu, zumindest in der Theorie. Anhand verschiedener Übungen lernte Agnes zunächst, ihre negativen Gefühle den Blockaden gegenüber abzubauen. Dazu gehörten auch Rundgänge durchs Universitätsklinikum und die Innenstadt: Fremde ansprechen, absichtlich stottern und vor allem eins: die Störung aushalten. Diese Übungen fielen der 26-Jährigen besonders schwer. „Wieso sollte ich mich dem Stottern stellen, anstatt es zu vermeiden?“, fragte sich Agnes am Anfang ihrer Therapie öfters.

Erste Prüfung gemeistert

Ihre bislang größte Hürde überwand Agnes in einem Seminarraum in der Aachener Mathieu-straße. Es ist ein Freitag, und sie muss ihrem Professor, dem Betreuer ihrer Bachelorarbeit und fünf Assistenten präsentieren, wie ausrangierte Schiffscontainer zu Wohnmobilen umfunktioniert werden können. Ein paar Anfangsblockaden konnte sie in der Prüfung nicht vermeiden. Auch das Wort „Container“ war dabei. Doch ihre alten Tricks habe sie nicht angewandt, sondern sich ihrem Stottern gestellt. Diese Prüfung ist somit schon einmal gemeistert.

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