Stopfen raus: Ein Stausee liegt im Trockendock

Von: Amien Idries
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Schwimmen unmöglich: Wo sich im ostbelgischen Lac de Robertville normalerweise Wassersportler tummeln, dehnt sich ein grüner Pflanzenflaum aus. Foto: Amien Idries

Robertville. Michel Horn steht am Strand des Freibades und schaut da hin, wo sich normalerweise der Lac de Robertville befindet, der See von Robertville. Wo sich sonst Kinder ins Wasser stürzen und Tretboote gelassen ihre Kreise ziehen, sieht Horn in ein braunes Tal, das nur von einem grünen Pflanzenflaum überzogen ist.

Die gegenüberliegende Brücke steht mit ihren Füßen auf dem Trockenen, und in der Talsohle kann man den Fluss, die Warche, nur erahnen. Wenn man Horn da so zwischen der in der Luft hängenden Anlegestelle für Boote und dem seiner Funktion beraubten Sprungturm stehen sieht, wirkt er ein bisschen wie ein König ohne Reich.

Horn ist ehrenamtlicher Sprecher des Königlichen Verkehrsvereins von Robertville, der mit dem See seine touristische Hauptattraktion verloren hat. Etwa so als würde man Köln den Dom oder Berlin den Reichstag wegnehmen. Nur, dass der See für den Fremdenverkehr des kleinen Ortsteils der 7000-Einwohner-Gemeinde Weismes eine viel zentralere Bedeutung hat. Und so lässt sich neben der Frage, wie denn so ein entleerter See aussieht, auch klären, mit welchen Anstrengungen die Truppe von Ehrenamtlern gegen den Bedeutungsverlust ankämpft.

Den Grund sowohl für den See als auch für die derzeitige Ebbe in selbigem findet man hinter der nächsten Warche-Biegung, etwa 500 Meter flussabwärts. Dort stellt sich die 55 Meter hohe und 180 Meter lange Staumauer dem Fluss in den Weg. Ende der 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut, gehört sie zu den sogenannten Gewichtsstaumauern, die sich durch einen besonders breiten Fuß auszeichnen. Vorrangiges Ziel der Talsperre sollte der Schutz der Stadt Malmédy vor Überschwemmungen sein. Darüber hinaus werden mit dem Wasser des Stausees die Turbinen des Kraftwerks im wenige Kilometer entfernten Bévérce angetrieben und Strom für 7000 Haushalte produziert.

Spitzen aus Beton

All das erklärt Raphael Dubuisson während er durch sein Reich führt. Der 35-Jährige arbeitet für Electrabel, dem in Belgien führenden Energieanbieter, der den Staudamm betreibt. „Der Damm ist mehr als 80 Jahre alt und muss saniert werden”, sagt Dubuisson in grammatikalisch perfektem Englisch, das seine französischsprachige Herkunft jedoch nicht verleugnen kann. Der Ingenieur führt den Besucher durch den eigens ausgebauten Kontrollschacht des Damms in Richtung tiefsten Punkt. Ab und zu bleibt er stehen und zeigt im trüben Schweinwerferlicht auf eines der zahlreichen Bohrlöcher, durch die insgesamt 150 Kubikmeter Beton in das Innere des Staudamms gepumpt wurden, um die Stabilität zu erhöhen. Und dann erklärt er, dass Robertville nicht der einzige ostbelgische Damm ist, der saniert werden musste.

Etwa acht Kilometer von Robertville entfernt liegt der Ort Bütgenbach. Auch hier wird seit den 30er Jahren mit einer Talsperre die Warche gestaut. Auch hier wird der See touristisch genutzt. Und auch hier sah man sich aufgrund von Sanierungsarbeiten mit dem Wegfall der touristischen Hauptattraktion konfrontiert. Besonders dramatisch waren die Auswirkungen für das „Sport- und Freizeitzentrum Worriken”, das vom Wassersport lebt. „Segeln, Surfen, Kajak, Kanu. All das fiel 2004 natürlich ins Wasser”, sagt Direktor Werner Baumgarten, bevor er feststellt, dass sein Bild ein wenig schief ist. 250.000 Euro weniger habe das Zentrum allein im Jahr 2004 eingenommen. Dabei seien die folgenden Jahre nicht eingerechnet. „Die Leute suchen sich Alternativseen und kommen dann in den folgenden Jahren auch nicht so schnell wieder zurück”, sagt Baumgarten. Inzwischen habe man den 25-prozentigen Besucherverlust glücklicherweise wieder ausgeglichen, und auch die zehn Übungsleiter, die Baumgarten vor sechs Jahren entlassen musste, wurden wieder eingestellt.

Michel Horn, der Verantwortliche in Robertville, hat sich natürlich Tipps von den Bütgenbacher Kollegen geholt. Horn ist im Hauptberuf Unternehmer und nicht der Typ, der kampflos aufgibt. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern sowie dem Verkehrsamt der belgischen Ostkantone wurde aus der Not eine Tugend gemacht und ein Alternativprogramm unter dem Titel „Robertville - ein See im Trockendock” auf die Beine gestellt. Mit finanzieller Unterstützung des Energieanbieters wurde etwa eine Ausstellung zur Geschichte des Sees gestaltet. Besucher können an einem eigens errichteten Stahlseil über das Tal gleiten, es werden Wanderungen und Mountainbiketouren durch den leeren See angeboten.

„Bisher ist der Zuspruch allerdings enttäuschend”, sagt Benoit Servais, der Vizepräsident des Verkehrsvereins, während er von der Terrasse des Ferienbades Studenten dabei zusieht, wie sie die Reste des Wochenendes wegräumen. Am Samstag gab es am Strand ein Tirolerfest mit den Hofer Spatzen. Auch so eine Idee, um die Leute anzulocken. Die Studenten arbeiten für den Verkehrsverein, der für das laufende Jahr mit einem Verlust von 80.000 Euro rechnet. Hinzu kommen die Ausfälle der Menschen, die vom Tourismus leben. So habe der nebenan liegende Campingplatz, der sich in privater Hand befindet, 50 Prozent weniger Besucher. „Für die Gemeinde Waimes wird sich der Verlust auf etwa 500.000 Euro summieren”, schätzt der ehemalige Zollbeamte Servais.

Dass die guten Ideen so schlecht laufen, liegt kurioserweise am guten Wetter. Während es aus touristischer Sicht normalerweise nicht heiß genug sein kann, war die Hitze des vergangenen Julis für die Angebote im leeren See extrem kontraproduktiv. Das merkt auch Birgit Condat, die mit ihrem Mann Didier ein Hotel-Restaurant am See führt. „Wir sind seit 18 Jahren hier und hatten noch nie einen so schlechten Juli”, sagt Condat mit belegter Stimme. Und das, obwohl ihre Stammkundschaft eigentlich nicht badende Familien, sondern wandernde Gourmets sind. „Wir bieten kulinarische Wochenenden an. Aber es war einfach zu heiß.” Ab Oktober sehe die Belegung der zehn Zimmer wieder deutlich besser aus. Zufall oder nicht, im Oktober soll auch der See wieder befüllt werden.

Dann sind die Arbeiten an der Mauer so gut wie abgeschlossen, sagt Ingenieur Dubuisson während er den Besuch über die Krone des Damms führt. Wenn man sich hier seewärts über die Brüstung lehnt, um den Arbeitern beim Auftragen der Spritzbetonschicht zuschaut, entdeckt man, dass der See gar nicht leer ist. Er ist lediglich geschrumpft und zwar um rund sieben Millionen Kubikmeter. „Wegen der Fische wurden noch etwa 250.000 Kubikmeter See belassen”, ruft Dubuisson gegen den Lärm der Betonarbeiten an. Das sieht zwar angesichts des ursprünglichen Fassungsvermögens nach wenig aus, reicht aber immer noch, um etwa 100 handelsübliche Olympiaschwimmbecken zu füllen. Sechs große Pumpen reichern das Wasser mit Sauerstoff an - ungefähr so wie in einem Riesenaquarium.

Besonders hier von der Staumauer aus entfaltet der tiefergelegte See seinen bizarren Charme. Der abgesenkte Wasserspiegel hat alte Hausmauern freigelegt, und unmittelbar daneben erkennt man die Umrisse eines kleinen Bootes, das sich tief in den Morast gegraben hat. Man blickt auf diese Szenerie und überlegt unvermittelt, wer das Boot wohl in den 20er Jahren zurückgelassen hat, weil die ehemalige Wohnhütte langsam absoff. Und wer mag am Steuer der beiden Autos gesessen haben, die nach dem Absenken aus dem Wasser aufgetaucht sind und die nun von der örtlichen Feuerwehr für Übungen genutzt werden? Fragen, auf die man sich keine Antworten wünscht, weil man spürt, dass diese deutlich profaner ausfallen dürften, als die eigenen, ausgedachten.

Im Oktober kommt das Wasser

Wenn im Oktober der Pegel des Sees von derzeit 445 Meter über dem Meeresspiegel wieder auf die normalen 495 Meter ansteigen wird, für Michel Horn, Benoit Servais und Birgit Condat langsam wieder der touristische Normalzustand einkehrt und Raphael Dubuisson sich um ein anderes Projekt kümmert, wird der Lac de Robertville für mindestens 50 Jahre wieder ein ganz normaler See sein. Man selbst, als jemand, der nicht darauf angewiesen ist, dass Familien hier campen, baden und Tretbootfahren, steht an diesem großen Loch mit der nicht ganz so großen Pfütze, kann sich kaum sattsehen und denkt sich: Schade, irgendwie.
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