Stolberger Schriftstellerin Sylvie Schenk liest beim Bachmann-Preis

Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
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Beim Ingeborg-Bachmann-Preis wird die 72-jährige Deutsch-Französin aus Stolberg aus ihrem bisher unveröffentlichten Roman

Region. Sie hat gerade den kleineren österreichischen Verlag Picus gegen den großen deutschen Hanser Verlag eingetauscht. Daraufhin wurde Hubert Winkels, Literaturkritiker und Jurymitglied des Ingeborg-Bachmann-Preises, auf sie aufmerksam und lud sie kurzerhand nach Klagenfurt ein. Dort wird die Stolberger Autorin Sylvie Schenk also in der kommenden Woche anlässlich der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur aus ihrem noch unveröffentlichten Roman „Schnell, dein Leben“ lesen.

Und damit ist sie potenzielle Anwärterin auf einen der renommiertesten Preise für deutschsprachige Literatur.

Es läuft derzeit so gut für Sylvie Schenk, dass sie es selbst noch kaum fassen kann. „Das gleicht wirklich einem Wunder“, sagt sie am Telefon, weil die Deutsch-Französin derzeit in ihrer ursprünglichen Heimat La-Roche-en-Rame ist, in einem winzigen „Kaff“ in den französischen Alpen, wie sie sagt.

Tolle Belohnung

Zu ihrer unaufgeregten, bescheidenen Art gehört es wohl wie ein Reflex, dass sie diese Ereignisse eher einem Wunder als ihrer eigenen beharrlichen Arbeit zuschreibt. Aber im nächsten Satz zeigt sich dann schon, dass sie stolz ist: „Es ist eine tolle Belohnung für meine Hartköpfigkeit“, sagt die 72-jährige Autorin.

Wann man die Dinge allerdings selbst in die Hand nehmen muss, dafür scheint die Autorin das entscheidende Gespür zu haben. Ihr Manuskript für das Buch „Schnell, dein Leben“ schickte sie an einige Verlage. Ein junger Lektor von Hanser biss erstaunlich schnell an: „Er hat mir erzählt, dass er das Buch in einer Nacht gelesen hat. Am nächsten Tag hat er seinen Chef überzeugt, das Buch ins Programm zu nehmen“, sagt Sylvie Schenk. Daneben gab es noch zwei weitere Verlage, die an Schenks neuem Buch Interesse anmeldeten.

Mit Hartköpfigkeit meint sie natürlich die Hartnäckigkeit, mit der sie ihren Weg und ihren Ton gefunden hat. Dieser spezielle, mal spröde, mal lyrische Schenk-Sound, auf den man in all ihren Büchern trifft, hat viel mit ihrer französischen Muttersprache zu tun. Er ist aber ebenso sehr mit ihrer Liebe zur deutschen Sprache zu erklären, die sie seit Mitte der 80er Jahre dazu veranlasst hat, ihre Texte direkt in Deutsch zu schreiben und sie nicht aus dem Französischen zu übersetzen.

Eine Sprache, die sie jenseits der rein literarischen Arbeit in ihren Tiefen zu ergründen sucht: „Deutsch ist eine Sprache, die mich zum Experimentieren anregt. Sie ist viel spielerischer als das strengere Französisch. Man kann mit Deutsch alles machen. Man kann die Worte in jede Richtung biegen, und es wird doch ein Satz draus“, sagt sie in dem für deutsche Ohren so ungemein charmanten französischen Akzent. Dieser „charmante Akzent“ ist ihr Segen und Fluch zugleich. Es gibt wohl kaum einen Artikel, der zu Sylvie Schenk geschrieben worden ist, der ohne diese Wortkombination ausgekommen wäre.

Und das Klischee der netten, charmanten Französin begleitet sie, seit sie vor genau einem halben Jahrhundert nach Deutschland kam. Und vielleicht ist dieses Bild auch mit ein Grund dafür, dass sie begann, in deutscher Sprache zu schreiben. Ihre Sprachgeschichte ist auch eine Geschichte der Identitätsfindung: „Ich wollte dazugehören, mich hier schriftlich ausdrücken, wozu ich mündlich nicht in der Lage war. Ich wollte nicht mehr nur die nette Französin in Deutschland sein.“

1966 heiratete sie ihren Mann – einen Deutschen – und zog mit ihm zuerst in den Raum Frankfurt, wo er an der Uni arbeitete und dann, im Laufe seiner Arbeitsstellen, nach Bonn und schließlich nach Aachen. Als ihr Sohn geboren und die Wohnung in Aachen zu klein wurde, fanden sie ihre Heimat in einem Reihenhaus in Stolberg, wo sie auch heute noch wohnen.

Sylvie Schenk, in Frankreich diplomierte Lehrerin, arbeitete dann als Aushilfskraft an der Volkshochschule, am Institut Français, im Jülicher Haus Overbach und schrieb Texte für Französisch-Lehrbücher. „All das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt sie ganz unprätentiös.

Und die Verlagerung von der Lehrerin Richtung Schriftstellerin ist wohl auch mehr eine Entwicklung als eine bewusste, punktuelle Entscheidung gewesen: Die Aushilfslehrer-Stellen wurden knapper und die unveröffentlichten Manuskripte in ihrer Schublade zahlreicher.

(„Denn geschrieben habe ich, seit ich ein junges Mädchen war“). Und so machte sie mit beim Aachener Autorentreff des Euregio-Literaturbüros: „Da sind meine Texte freundlich aufgenommen worden, und ich fand mich ermutigt weiterzumachen“, sagt Schenk, die heute auch eine der Vorsitzenden des Euregio-Literaturpreises ist.

In den 90ern fand sie einen kleinen Verlag in Köln („Bruckner & Thünker“/mittlerweile geschlossen), der ihren ersten Roman „Hin und Her“ veröffentlichte. Alle paar Jahre gab es ein neues Buch von Sylvie Schenk, und immer wieder mal fand sich auch ein Rezensent in einer überregionalen Zeitung, der ihr einen Platz unter den deutschen Gegenwartsautoren einräumte. Aber alles in allem blieb ihr Wirken „diskret“ und die Reaktionen „verhalten“, wie Sylvie Schenk es selbst ausdrückt.

Das Alter ist egal

Bis zu diesem Frühling. Als Hubert Winkels sie anrief, um mit ihr ihre Einladung nach Klagenfurt zu besprechen, habe sie ihn am Telefon als erstes gefragt, ob er eigentlich wisse, wie alt sie sei. „Und er antwortete mir: ‚Wissen Sie eigentlich, wie egal mir das ist?‘, erzählt die Autorin. Auf ihr Alter braucht man Sylvie Schenk nicht anzusprechen, das macht sie schon selbst.

„Dann lese ich da also als Oma in Klagenfurt“, lacht die 72-jährige Autorin. Aufgeregt ist sie dennoch: „Ich bin neugierig auf diese Literaturwelt, die ich bis jetzt nie kennengelernt habe. Aber ich habe auch gehört, dass die Jury manchmal sehr offen streng ist. Aber wenn es nicht klappt, werde ich es auch ertragen müssen. Man darf sich da nicht zu ernst nehmen.“

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