Stolberger auf mühevoller Spurensuche in Serbien

Von: Sabine Rother
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Stolberg. Der kleine Junge strahlt. Sein Papa hebt ihn hoch und betrachtet ihn glücklich. Es ist ein liebevoller Moment zwischen Vater und Sohn, festgehalten in einem kleinen Schwarz-Weiß-Foto – eine von wenigen kostbaren Erinnerungen, die Claus-Peter Marzodko geblieben sind.

Damals war er noch nicht einmal drei Jahre alt. „Ich kann mich kaum noch daran erinnern“, sagt der heute 73-Jährige aus Stolberg-Venwegen nachdenklich.

Der Vater kam nie wieder. Bei einem Fliegerangriff auf das serbische Prijepolje wurde der erst 33-jährige Arzt und Kieferchirurg am 7. November 1944 schwer verletzt und starb am nächsten Tag – ein Bombensplitter war in Brust und Lunge eingedrungen.

Mutter Elisabeth Marzodko kämpfte sich in Aachen mit ihren Söhnen Claus-Peter und Wolfgang-Walter durch die Nachkriegszeit. „Es war schwer für uns“, erinnert sich Marzodko, der später als Leiter der Hauptschule Aachen-Burtscheid immer wieder Kinder und Jugendliche aus Krisengebieten unterrichtete – unter anderem aus Bosnien. Doch die Vergangenheit ließ ihn nicht los. „Ich hatte etwas zu erledigen, ich war das unserem Vater schuldig“, beschreibt er eine zunächst gar nicht so konkrete Vorstellung von einer Mission, die 2012 einen Brückenschlag zwischen Deutschland und Serbien zur Folge haben sollte.

Was wusste Claus-Peter Marzodko von diesem Arzt Dr. Horst Marzodko überhaupt? Auf den wenigen Fotos sieht man einen sympathischen, besonnen wirkenden Mann. Dann ein anderes Foto: drei ärmliche Holzkreuze in serbischer Erde. Eines trägt den Namen Dr. Horst Marzodko. „Immer wieder habe ich das Bild studiert“, berichtet Claus-Peter Marzodko und deutet auf ein winziges Detail, das später große Bedeutung gewinnen sollte. „Dort ist ein Bäumchen zu sehen, ein Nussbaum mit einer Astgabel.“

Um seinem Vater die letzte Ehre zu erweisen und einen Grabstein zu errichten, begab sich der Sohn auf die Suche.

Im Beileidsbrief, den der damalige Stabsarzt Dr. Noll am 3. Dezember 1944 an Elisabeth Marzodko geschrieben hat, fand man einen weiteren Hinweis: „Wir haben dann unseren Kameraden gemeinsam mit den anderen Männern, die bei dem gleichen Bombenangriff ums Leben gekommen sind, bestattet auf einer Wiese neben der Hauptstraße, die von Priepolca nach Priboj führt. Neben der Straße fließt auf der anderen Seite die Lim”, hieß es dort.

Denkmal für Partisanen

1964 hat sich Marzodko dann zum ersten Mal auf Spurensuche begeben – mit Freunden im VW-Käfer. Auch hiervon ein Foto: Sie hatten ihre Schlafsäcke auf einer Wiese am Lim ausgebreitet. Auf dem bescheidenen Friedhof gab es überwucherte Gräber und einen Schatten spendenden Nussbaum. „Ich habe diesen Baum sofort erkannt“, erinnert sich Marzodko. „Die Gabelung im Stamm war unübersehbar.“ Die Bewohner der Region hatten für 19 Partisanen, die die Waffen-SS gemeinsam mit einem deutschen Soldaten erschossen hatte, der die Mitwirkung an dieser Hinrichtung verweigert hatte, ein Denkmal errichtet.

Und am Walnussbaum fand Marzodko ein Grab – war es das des Vaters? „Ich konnte später an diesem Baum ein Schild mit dem Namen meines Vaters anbringen“, erzählt er. Die Suche wurde zum Ringen um ein wichtiges Element persönlicher Identität.

Aus den Recherchen erwuchsen aber auch intensive deutsch-serbische Kontakte, denn um etwas herauszufinden, brauchte der Sohn aus Deutschland unbürokratische Hilfe. „Durch einen Tipp kam ich zu Slavljub Pusica, Direktor des Heimatmuseums von Prijepolje, der mich bei der Spurensuche wirksam unterstützte“, sagt Marzodko. In der Region hatte sich allerhand verändert. Der Ort war gewachsen, der Nussbaum gefällt. An seiner Stelle hatte man eine Kapelle errichtet. Einziger Orientierungspunkt: das Denkmal für die ermordeten Partisanen.

Plötzlich kam Bewegung in die Sache. Der Besuch der Gäste aus Deutschland, der Wunsch dieses nun 72-jährigen Sohnes, dessen Vater hier als Soldat sein Leben gelassen hat, Gespräche über Gegenwart und Vergangenheit – all das weckte Interesse. „Wir standen sogar in der Zeitung“, meint Marzodko, der bei seinen Nachforschungen meist auf herzliches Entgegenkommen traf, obwohl es auch kritische Stimmen gab.

Und wieder kam dem Mann aus Venwegen ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Im Ortspolitiker Werner Tschederning fand er einen wichtigen Fürsprecher, der in einem Zeitungsinterview den Wunsch der Deutschen zu einem Appell für Völkerverständigung ausbaute und seinen Landsleuten die berührende Geschichte erklärte. Das Unerwartete wurde möglich: Mit Museumsleiter Pusica legte man eine Stelle fest, wo das Grab vermutet wurde, ein Steinmetz ging an die Arbeit, und nach kürzester Zeit waren der glänzende Marmorstein samt Sockel und Inschrift fertig.

„Die Grabsteinerrichtung war ein Festakt, bei dem wir Slivoviz auf das Grab gießen mussten“, erinnert sich Marzodko. Anschließend wurde gegessen, was die serbische Küche zu bieten hatte. Am Tisch: Menschen, die zu Freunden geworden sind – über die Gräber hinweg. Marzodko. „Der Ort ist für mich zur zweiten Heimat geworden. Im Herzen ist Ruhe eingekehrt.“

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