Stolberg und die „schnellen Sexkontakte“

Von: Christoph Pauli
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Neuigkeiten im Schatten der Burg: Auf der Seite wurden nicht nur die Schönheiten der Stadt, sondern auch sexuelle Kontakte angepriesen. Foto: Nina Leßenich

Aachen. Das ist die Geschichte von Peter S. Der junge Mann liebäugelt in diesen Tagen mit einem Wohnortwechsel. Den Aachener zieht es auf das Land, Stolberg wäre eine denkbare Adresse. Was liegt da näher, als sich über die offizielle Homepage der Stadt unter www.stolberg.de zu informieren?

Was Peter S. da aber erfuhr, hat ihn zumindest vorübergehend doch irritiert. Denn im offiziellen digitalen Schaufenster der Kommune wurde die Stadt durchaus schillernd als Adresse für schnellen Sex beschrieben. Sex and the city, Stolberg downtown...

Der umzugswillige Kandidat wühlte sich auf der Homepage durch das Freizeitangebot, beschäftigte sich mit dem sozialen Leitbild, erfuhr von „Stolberger Köpfen im Ehrenamt“. Das Interesse war geweckt, Peter S. wollte sich ein bisschen in den einzelnen Stadtteilen umsehen. Auch dafür gab es weitere Links, die den Zugang zu den einzelnen Regionen ermöglichen. Und so landete der Fast-Stolberger bei www.stolberg-altstadt.de.

Dort wurden neben schönen Bildern der Stolberger Burg, des Vichtbachs oder des ehemaligen Amtsgerichts die Naherholungsgebiete, Reitwege, Radwanderwege und andere Ausflugsmöglichkeiten beschrieben. „Beliebt bei Wanderern und Spaziergängern sind etwa der Waldlehrpfad durch das Solchbachtal bei Zweifall, der Naturlehrpfad Roggenläger von Zweifall nach Breinig und der Lehrpfad über die Kalkbrennerei im aufwendig renaturierten Steinbruch Gehlen.“

Und bevor in einem weiteren Abschnitt der Besuch des Zinkhütter Hofes und des Museumssägewerks in Zweifall empfohlen wurde, gab es noch einen kleinen Abstecher in das Stolberger Nachtleben, das „besonders für Singles und Nachtschwärmer“ einiges zu bieten habe. „Casual Dating“ stehe hoch im Kurs bei Jugendlichen, wurde berichtet. „Schnelle Sexkontakte sind garantiert, und wer doch mal etwas fauler ist, findet schnell heiße Hobbyhuren in Stolberg“, erfuhr der aufmerksame Leser. Wer den besonderen Kick wolle, finde natürlich auch Parkplatz- und Rastplatzsex-Kontakte in Stolberg. Die Stadt muss offenbar besonders verrucht sein. Fazit auf der Internetseite: „Die Szene in dieser Region ist besonders groß und als wild zu bezeichnen.“

Wer nun Interesse an dem vermeintlichen Sündenpfuhl hatte, konnte das Thema auf weiteren Links in dem Abschnitt vertiefen. Umgehend landete man so auf einschlägigen Datingportalen. Da wurden Kontaktwillige in Stolberg gezeigt, die auf so typische Namen wie „Ms Orgasmic“, „Claudia Diamond“ oder „Tanga Boy“ hören. Mit verklärtem Blick warben solche Akteure um Kontakte. Wer sein Betätigungsfeld über Stolberg hinaus ausdehnen wollte, konnte sich auch in den Nachbarstädten tummeln. Hinweise waren ausreichend vorhanden. Mögliche Partner ließen sich konfigurieren wie ein neues Auto. Alter, Geschlecht, Gewicht, Größe, Haarfarbe, Präferenz.

Erkennbar überrascht von so viel praller Erotik in den eigenen Stadtgrenzen reagiert die Stadt Stolberg selbst. Nach dem Hinweis unserer Zeitung, zog die Verwaltung den Stecker, der Link auf der eigenen Homepage ist verschwunden. Auf den Stadtteilseiten preist die Stadt die Vorzüge der Regionen nicht selbst an, die Texte und Bilder stammen von Privatpersonen oder Interessengemeinschaften.

Die Altstadt-Seite war keineswegs gehackt, vielmehr hat sie die Agentur „netzilicious-media“ in Groß-Gerau seit Ende vergangenen Jahres in ihr Portfolio geholt. Das Unternehmen übernimmt ausgelaufene oder nicht mehr bezahlte Domains, um sie dann wieder an Kunden zu verkaufen oder zu vermieten, sagt der Geschäftsführer des Unternehmens, Michael Weiß. 10.000 Domains seien im Besitz der Firma. Nun liege erstmals eine Reklamation vor.

Für Kunden sei es interessant, auf alteingesessene und gut verlinkte Adressen zurückgreifen zu können. Bevorzugt übernehme man deswegen die Domains von Schulen, Universitäten, Parteien oder auch Städten, sagt Weiß. „Dieses Geschäftsmodell war früher ein Riesengeschäft.“ Im vorliegenden Fall, so Weiß, werde die Adresse nun von einem Deutschen, der in den Niederlanden lebe, betrieben. Dessen Namen gibt er nicht weiter. „Uns gehören die Domains“, sagt Weiß, „aber wir betreiben und kontrollieren sie nicht. Uns ist wichtig, dass der Jugendschutz gewahrt und nicht zu Straftaten aufgerufen wird.“

Die Seite besaß kein Impressum, das in Deutschland zwingend ist, verwendet wurden schöne Bilder und Texte über das Städtchen im weniger erotischen Part der Seite. Eine Urheberrechtsverletzung liege nicht vor, sagt Weiß nach einer Rückfrage bei seinem Kunden. Die Texte stammten von einem Redaktionsbüro, die Bilder seien Wikipedia entnommen. Weiß hat dennoch den Kunden angehalten, die Seite abzuschalten oder umzuleiten.

Kurz nach der Kontaktaufnahme verschwand die Seite mit dem prallen Erotik-Angebot tatsächlich im digitalen Nirwana. Wer sie nun eingibt, landet wieder auf der offiziellen Seite der Stadt Stolberg. Die Expertise zur Altstadt mit ihren Möglichkeiten ist nicht mehr zu finden,

„Sicher ist das kein Einzelfall“

Überrascht ist man bei der Verbraucherzentrale NRW. Von solchen Methoden höre man zum ersten Mal, sagt ein Sprecher.

Bei der Stadt Stolberg vermutet man, dass die Seite bereits nach der Übernahme durch das hessische Unternehmen Ende des vergangenen Jahres um das fragwürdige Sex-Angebot ergänzt wurde, sagt Sprecher Robert W. Walz. „Wir werden uns wehren und das rechtlich prüfen.“ Ein Einzelfall, da ist auch Walz sicher, sei der Fall sicher nicht.

Peter S. hat der kurze Ausflug in die amouröse digitale Welt nicht abgeschreckt. Er plant unverändert den Umzug in das doch eher verträumte Städtchen an der Vicht.

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