„Stereobelt”: Der Walkman wäre fast aus Aachen gekommen

Von: Martin Meuthen , epd
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Feiert 30. Geburtstag: der Walkman. Foto: ddp

Aachen/Frankfurt a.M. Es ist eng. Die Menge tanzt zu Swing. Er kommt von hinten auf sie zu und setzt ihr zärtlich seine Kopfhörer auf. Plötzlich hört sie nur noch das süß-kitschige „Dreams are my reality”. Die beiden beginnen zu tanzen, langsam und in ihrer eigenen Welt.

Ermöglicht durch ein Produkt der Firma Sony: Den Walkman, der vor 30 Jahren am 1. Juli 1979 auf den Markt kam. Die berühmte Szene aus dem Teenagerfilm „La Boum - Die Fete” von 1980 illustriert perfekt, welche Veränderung der Gesellschaft bevorstand.

Sony hob mit dem Walkman das Verhältnis von Raum und Geräusch auf. Der damals rund 140 Dollar teure blau-silberne Klotz mit der sperrigen Bezeichnung TPS-L2 ermöglichte seinen Besitzern, ihre Lieblingsmusik zu hören, wann und vor allem wo immer sie wollten. Das hatte zwar die Beschallung zahlreicher Zugabteile zur Folge, wenn der Beat aus den Kopfhörern dröhnte. Doch verhinderte der Walkman sehr wahrscheinlich Anfang der 80er Jahre die drohende Verbreitung des noch nervigeren Ghettoblasters.

„Aus dem Walkman tönt es grell - den Nachbarn juckts im Trommelfell” war alsbald etwa in den Bussen des Aachener Verkehrsunternehmens Aseag zu lesen. Vielleicht hätte es jedoch „Aus dem Stereobelt klingt es grell, ” heißen müssen. Denn Andreas Pavel, Sohn eines Aachener Industriellen, entwickelte bereits 1977 seine „körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen”. Vermarkten wollte er seine Erfindung unter der Bezeichnung „Stereobelt”.

Da der Walkman seinem Gerät verblüffend ähnlich sah und der damalige Sony-Chef Akio Morita ebenfalls der Erfinder sein wollte, folgten jahrzehntelange Patentstreitigkeiten. Pavel und Sony einigten sich 2004 nach dem Tod von Morita außergerichtlich. In der Zwischenzeit hatten die Japaner die Erfolgsgeschichte des Walkman mit mehr als 300 Millionen verkauften Exemplaren fortgeschrieben. Trotz stetem Batteriemangel und leiernden Kassetten bis hin zum Bandsalat - nichts konnte den Walkman daran hindern, als ultimatives Mittel gegen Langeweile zum Statussymbol zu werden.

Der Walkman sei das letzte große Kultobjekt gewesen, urteilt gar der Berliner Soziologe Matthias Stuhr. Etwas Vergleichbares gebe es heutzutage nicht: „Der Walkman war eine Sensation, weil er das Verhältnis des Menschen von sich zur Gruppe neu definiert hat” - der Walkman als perfektes Produkt zur Vereinzelung.

Eine ähnliche Wirkung hat laut Stuhr vielleicht noch Nintendos Gameboy Ende der 80er Jahre gehabt. Allerdings schaffte die tragbare Spielekonsole es nicht im Ansatz, eine ganze Generation dermaßen zu beeinflussen.

Sony entwickelte sein Erfolgsprodukt ständig weiter. Die Geräte wurden kleiner, verfügten über Radios, Dolby-Rauschunterdrückung und in der Profiaustattung sogar Mikrofone. Dennoch verlor die in Qualität und Handhabung recht bescheidene Kassette zunehmend an Bedeutung. Seitdem CD-Brenner bezahlbar und die benötigten Rohlinge so teuer wie Kaugummis sind, pflegen höchstens noch Puristen ihre Liebe zur Kassette.

Selbst der MD-Walkman mit seiner Minidisc konnte nichts daran ändern, dass der MP3-Standard des Fraunhofer Instituts zur Jahrtausendwende den Markt für tragbare Abspielgeräte endgültig umkrempelte. Und das Verhalten der Nutzer gleich mit. Musik wurde nicht mehr überspielt, sondern kopiert. Sie begann fortan, ihre Tonträger zu verlassen. In dieser Umbruchphase entwickelte ein damals fast insolventer Computerhersteller das Gerät der Stunde: den iPod.

Apple degradiert mit seinem iPod durch edles Design, einfache Bedienung und viel Speicher sämtliche Konkurrenzprodukte. So auch die MP3-Player der Marke Sony, die heute meist in den Handys des Herstellers Sony-Ericsson verbaut sind. Zehntausende Titel garantieren tagelanges Musikhören, ohne die Kassette umdrehen zu müssen. Die Mischung aus modischem Accessoire und mobiler Plattensammlung veranlasste bereits so manchen Musikliebhaber, seine CD-Regale aus der Wohnung zu verbannen.

Bei allen Vorzügen begründet der iPod nach Ansicht des Soziologen Stuhr jedoch keinen neuen Kult. „Es handelt sich um eine sehr gute Weiterentwicklung des Walkman und das Ergebnis klugen Marketings.” Der iPod sei keinesfalls so revolutionär wie der Walkman. „Für Apple ist er heute wie einst der Walkman für Sony ein Sechser im Lotto.” Das könne sich in einer hoch entwickelten Konsumgesellschaft allerdings schnell ändern. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das nächste wirkliche Kultobjekt kommt.”
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