Sterbehilfe: „Ärzte wissen nicht, was sie alles dürfen“

Von: Valerie Barsig
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Aachen. Der Fall der unheilbar an Krebs erkrankten US-Bürgerin Brittany Maynard löste eine Diskussion über Sterbehilfe aus, die bis in den deutschen Bundestag geführt wurde. Am 1. November 2014 nahm sich die 29-Jährige im US-Bundesstaat Orgeon mit vom Arzt verschriebenen Medikamenten das Leben. In diesem Jahr soll auch in Deutschland der ärztlich assistierte Suizid neu geregelt werden.

Dabei wird der Tod eines Patienten herbeigeführt, indem von einem Arzt die entsprechenden Medikamente bereitgestellt werden, die der Patient selbstständig einnehmen muss. Viele Ärzte, gerade Palliativmediziner, halten eine Neuregelung der Gesetzeslage aber gar nicht für nötig. Einer von ihnen ist Roman Rolke, stellvertretender Vorsitzender des klinischen Ethik-Komitees am Uniklinikum Aachen. „Die Diskussion um den assistierten Suizid geht am eigentlichen Problem vorbei“, sagt der Palliativmediziner bei einer Diskussion in der Bischöflichen Akademie in Aachen.

Vielmehr komme es darauf an, in dem neuen Gesetz flächendeckende palliative Versorgung in Deutschland festzuschreiben. Denn in vielen Regionen gibt es keine mobilen Palliativteams, wie in der Region Aachen. Und genau deswegen treten die Krankenkassen laut Rolke „auf die Bremse“, denn flächendeckende palliative Versorgung ist teuer.

„Der Ausweg aus dem Dilemma, in dem sich Ärzte befinden, ist die palliative Sedierung“, sagt Rolke. Dabei werden einem sterbenden Patienten Medikamente gegeben, die das Bewusstsein beeinträchtigen und Schmerzen vermindern. Das Dilemma, das Rolke anspricht, ist der Widerspruch zwischen dem Gesetz in Deutschland und dem Standesrecht der Ärzte. Denn rechtlich ist der assistierte Suizid in Deutschland legal. Nach ärztlichem Standesrechts, das von den Landesärztekammern festgelegt wird, aber nicht unbedingt.

Das bestätigt auch die Professorin und ehemalige Richterin Ruth Rissing-van Saan. „Das Standesrecht der Ärzte in Deutschland ist ein Flickenteppich“, sagt die stellvertretenden Stiftungsratsvorsitzende der Deutschen Palliativ-Stiftung. Denn: Das Standesrecht ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In NRW gibt es sogar zwei Landesärztekammern mit unterschiedlichen Bestimmungen. In denen der Landesärztekammer Nordrhein steht, dass der Arzt den Patienten auf dessen Verlangen hin nicht beim Suizid helfen darf. In den Bestimmungen der Ärztekammer Westfalen-Lippe steht, der Arzt soll keine Hilfe beim Suizid leisten – das ist laxer formuliert.

Wissenslücken bei Betroffenen

Rissing-van Saan hält eine Neuregelung der Bundesgesetze zur Sterbehilfe für unnötig. „Die Gesetzeslage die wir haben, ist für uns komfortabel“, sagt sie. Das Problem sei eher, dass die undurchsichtige Regelung zwischen Bundesgesetz und Standesrecht für viele Ärzte verwirrend sei. „Oft wissen sie gar nicht, was sie alles tun dürfen.“ Aber nicht nur die Ärzte müssen durch den Dschungel von Vorschriften finden, auch die Betroffenen und ihre Angehörigen: „Kranke Menschen fahren für einen Suizid in die Schweiz, weil sie gar nicht wissen, welche palliativen Möglichkeiten es in Deutschland gibt“, sagt Rissing-van Saan.

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