Stell Dir vor, es ist Fußball – und niemand darf hin

Von: Thomas Thelen
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Das leere RheinEnergie-Stadion in Köln. Hier droht dem FC demnächst nach den jüngsten Ausschreitungen ein Geisterspiel. Foto: sport/Stark
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Harald Lange ist Professor an der Universität Würzburg. Er erforscht die Fankultur. Foto: dpa

Aachen/Würzburg. Harald Lange ist bekennender Fußballfan. Und es ärgert ihn maßlos, wenn mal wieder einige wenige dem Ansehen des Fußballs schaden. Lange hat aus diesem Thema sogar einen Beruf gemacht. Im Januar 2012 gründete der Professor an der Universität Würzburg das erste deutsche Institut für Fankultur. Sein Ziel: das wahre Wesen der Fans zu ergründen.

Als Beobachter der schlimmen Szenen zum Ende des Spiels der Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln drängt sich der Eindruck auf, dass es eine gewisse Hilf- und Ratlosigkeit im Umgang mit gewaltbereiten Fans gibt. Wie kann so etwas immer noch und immer wieder passieren?

Harald Lange: Ratlos sind wir in dieser Hinsicht nicht. Im Gegenteil, nach jedem Gewaltvorfall kursieren prompt Ideen und Forderungen nach geeigneten Maßnahmen. Populär kommen dabei zumeist immer die daher, die harte Strafen und Sanktionen durchsetzen. Bedauerlicherweise führt all das bislang nicht dazu, Gewalt aus den Stadien vollends zu verbannen. Hilflosigkeit ist so gesehen ein treffender Begriff für die aktuelle Situation.

FC-Sportdirektor Jörg Schmadtke hat die Ansetzung des Spiels ausgerechnet an einem Karnevalssamstag kritisiert. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lange: Es gibt in der Tat Gründe, die diese Kritik rechtfertigen. Karneval steht immer mit Alkohol, aber auch mit Gelassenheit, Stimmung und natürlich auch mit Provokation und Satire in Verbindung. Da wird gefeiert; in den Büttenreden und auf den Themenwagen der Rosenmontagszüge wird gegen „die da oben“ provoziert. Da kann man natürlich meinen, dass diese Atmosphäre in Kombination mit dem Bundesligafußball Gewaltpotenziale freimachen kann. Andererseits müssen wir uns fragen, wie weit wir uns von den Krawallmachern unter Druck setzen lassen. Wenn Fußballspiele zu bestimmten Zeiten zu gefährlich sein sollten, dann würde das den Befund unterstreichen, dass der Fußball ein Gewaltproblem hat, das die Verantwortlichen nicht lösen können. Ich spreche mich ganz klar dagegen aus, so weit zu gehen. Wir müssen das Gewaltproblem im Fußball lösen, egal zu welcher Jahreszeit Fußballspiele ausgetragen werden, selbst wenn es die fünfte Jahreszeit ist.

Jörg Schmadtke ist beim Spiel auf die Fans zugegangen und wollte die Situation beruhigen, was allerdings nicht geglückt ist. Im Gegenteil, er musste sich wüst beschimpfen lassen. War es richtig, dass er zu den Fans gegangen ist?

Lange: In jedem Fall. Das war genau richtig. Solche Zeichen sind wichtig. Die Verantwortlichen im Fußball müssen klipp und klar Farbe bekennen. Appelle und Meinungsäußerungen in Pressekonferenzen oder an anderen sicheren Orten genügen da nicht. Mir imponiert es, wenn die Verantwortlichen auch dort hingehen, wo der Krawall stattfindet, wo die Emotionen hochkochen und wo zuweilen auch Grenzen überschritten werden. Das war für Herrn Schmadtke unangenehm, aber es war ein treffendes Zeichen.

Halten Sie die Maßnahmen, die der 1. FC Köln inzwischen ergriffen hat, für richtig?

Lange: Das vermag ich nicht verlässlich einzuordnen und will es deshalb nicht bewerten. Gerade die Kölner sind seit Jahren mit dieser Problematik befasst, haben Projekte gestartet und Initiativen versucht. Wir brauchen ein systematisches und vor allem nachhaltiges Vorgehen. Deshalb schaue ich mir die Entwicklungen neugierig an. Viel interessanter wird es für mich sein zu beobachten, was in einigen Wochen, wenn die Emotionen des letzten Spieltags verarbeitet sind, geschehen wird. Gute Konzepte zur Gewaltprävention erwachsen nicht in Situationen, die emotional belastet sind. Ruhiges und bedachtes Vorgehen ist gefragt!

Bewegt sich der 1. FC Köln rechtlich auf der sicheren Seite, wenn er Fotos derer zeigt, die sich in Gladbach so sehr daneben benommen haben?

Lange: Das ist eine spannende Frage für Juristen. Ich persönlich empfinde diese Maßnahme als äußerst ambivalent. Da durch Gewaltausbrüche wie diesen die Fankultur insgesamt in Misskredit gezogen wird, fällt mir zu diesem Beispiel auch ein Gegenmodell ein: Wir benötigen Beispiele, Fallgeschichten und Bilder zu vorbildlichem Fanverhalten. Sehr gern zu den Fans und Fangruppen, die emotional hoch aufgeladen ihre Klubs und Spieler unterstützen. Oder auch zu denen, die – wie im Karneval – provozieren, ohne zu beleidigen und ohne zu verletzen.

Werden die Maßnahmen des Vereins Wirkung zeigen?

Lange: Sicher. Die Diskussionen laufen ja schon. Ein zentrales Kriterium für den mittel- und langfristigen Erfolg von Maßnahmen gegen Gewalt im Sport ist die Antwort auf die Frage, ob und wie die Fans und die Fankultur beteiligt und aktiv einbezogen sind. Solange die Kommunikation von oben nach unten läuft, wird es schwer, den Kern der Fankultur glaubhaft anzusprechen.

Lassen sich die gewaltbereiten Fans in irgendeiner Weise davon beeindrucken, wenn man sie brandmarkt?

Lange: Gewalttäter müssen überführt und mit den Mitteln des Rechtsstaates bestraft werden. Genauso wie in jedem anderen gesellschaftlichen Feld auch. Im vorliegenden Fall besteht immer auch die Gefahr, dass das öffentliche Brandmarken Solidarisierungseffekte unter den gewaltbereiten Fans provoziert. Manche der Gewalttäter polieren damit ihr Image in der Szene auf. So seltsam das auch für uns klingen mag. Wir kennen ähnliche Effekte aus der Diskussion um das Erteilen von Stadionverboten. Auch dort spielt ein Prestigefaktor für die betroffenen und sanktionierten „Stadionverbotler“ mit.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass der 1. FC Köln durchaus ein größeres Problem mit einem Teil seiner Anhängerschaft hat als andere Vereine. Ist das richtig?

Lange: Ja, das scheint so zu sein. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass die Verantwortlichen seit Jahren an der Lösung des Problems arbeiten.

Glauben Sie, dass es beim nächsten Heimspiel des 1. FC Köln am Samstag gegen Hannover 96 irgendeine Reaktion der anderen Fangruppen geben wird?

Lange: Ich hoffe, dass es dazu kommen wird. Das wäre ein ganz wichtiges Zeichen. Hier müssen Spieler, Vereinsführung, Fans und Polizei an einem Strang ziehen.

Würden Sie es für richtig halten, dass der Verein die Gelegenheit dieses Heimspiels nutzt, um noch einmal auf das Thema einzugehen und an die Fans zu appellieren? Oder ist es besser, jetzt wieder zum Alltag überzugehen und die Lage zu beruhigen?

Lange: Das wäre ein vorbildlicher Umgang mit dem Problem. Wobei ich weniger auf den „Appell“ setzen würde als vielmehr auf den Dialog und auf gemeinsame Aktionen von Fans, Polizei und Verein. Appelle wirken immer auch belehrend und bevormundend. Deshalb mag sich nicht jeder überzeugen lassen und mitziehen. Selbst dann nicht, wenn – wie im vorliegenden Fall – die Sachlage klar und der Appell, rein sachlich gesehen, richtig ist. Wenn wir nachhaltig Wirkung erzielen wollen, müssen wir Initiativen aus dem Kreis der Fankultur aufgreifen und voranbringen.

Kann der „normale Fan“ irgendetwas tun, um auf die gewaltbereiten Fans einzuwirken?

Lange: Jeder Einzelne steht in der Verantwortung, seinen Teil zu einem gewaltfreien Fußball beizutragen.

Wie sollten sich die Medien verhalten: Sollten sie Bilder von den Ausschreitungen zeigen oder spielt das den Protagonisten in die Hände?

Lange: Medien sollen berichten, hinterfragen und kritisieren. Sie sollen unparteiisch sein und die Dinge so zeigen, wie sie tatsächlich sind. Objektiv eben. Ich halte nichts davon, den Medien in dieser Frage einen Verhaltenskodex aufzulegen. Die Fernsehzuschauer, Hörer oder Leser müssen in der Lage sein, sich ein Bild zu machen, um eine Position zum Gewaltpro-blem entwickeln zu können.

Ist die Polizei zu lasch?

Lange: Härte provoziert in den allermeisten Fällen entsprechende Gegenreaktionen. Leider immer wieder auch neue Formen und Beispiele von Gewalt. Wenn wir mittel- und langfristig wirksame Konzepte zur Gewaltprävention implementieren möchten, dann funktioniert das nie auf der Basis von „Härte“.

Gibt es heutzutage mehr gewaltbereite Fans? Wie ist die Situation?

Lange: Letztlich zeigen die allermeisten Fußballspiele und damit auch die allermeisten Fans, dass Fußball emotional aufgeladen gefeiert und als hochspannendes Drama erlebt werden kann, ohne dass es zu Gewaltausbrüchen kommen muss. Diese Spiele und dieses Fanverhalten sind vorbildlich und Maßstab für die Entwicklung einer lebendigen Fankultur.

Der DFB erwägt ein Verbot von Auswärtsfahrten für Fans. DFL-Manager Andreas Rettig hat angeregt, über personalisierte Tickets nachzudenken. Was halten Sie davon?

Lange: Das sind Maßnahmen, die alle Fans betreffen und nachhaltig am Erlebniswert des Fußballs kratzen. Außerdem schwingt da so etwas mit, was ein Stück weit an Kollektivstrafe erinnert, und sowas lehne ich ganz grundsätzlich ab. Gerade jetzt gilt es, die Gesamtheit der Fans ins Boot zu holen! Da wäre es kontraproduktiv, die Fankultur als solche zu bestrafen.

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