Steinmeier und Garton Ash setzen auf Gefühl, Vielfalt und Mut

Von: Peter Pappert
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Auf der Empore vor dem Aachener Rathaus (von rechts): Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Karlspreisträger Timothy Garton Ash und Oberbürgermeister Marcel Philipp nach der Feier im Krönungssaal. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein Karlspreis der Liebe. Was am Donnerstag in Aachen zu erleben war, kann man tatsächlich so nennen. Es ging um Liebe zu einer großen Idee und um die Liebe zur Unvollkommenheit eines Projekts, das seinen Idealzustand kaum jemals erreichen wird.

Es werde nie jener hehre Augenblick kommen, in dem man ausrufen kann: „Da ist es, das fertige Europa! La belle finalité européenne – verweile doch, Du bist so schön“, sagte der britische Historiker Timothy Garton Ash in seiner Dankesrede, nachdem ihm Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp die Karlsmedaille umgehängt hatte.

Voller Liebe spricht Garton Ash von einem Europa, das dazu verdammt sei, immerfort zu werden und niemals zu sein. „Aber das muss nicht unbedingt ein Fluch, es kann auch ein Segen sein. Wenn man etwas älter ist, sieht man, dass die Jahre des Werdens oft die schönsten Jahre des Lebens sind. So hat das ewig unfertige Europa die Chance, immer jung zu bleiben.“ An den Schluss seiner bewegenden, philosophisch-historischen Ansprache setzt der große englische Intellektuelle auch noch die Liebeserklärung an Deutschland (siehe Titelseite).

Weil Liebe allein den Zustand des europäischen Einigungswerkes nicht bessern kann, fordert Garton Ash Mut: Mut zur Vielfalt von Staaten, Kulturen und Sprachen, Mut zur „Vielfalt an politischen, kirchlichen und rechtlichen Gemeinschaften“, Mut zur Wahrheit und Mut zum Kompromiss, „Mut, mit Ungewissheit, Unvollkommenheit, ja sogar Unverbindlichkeit zu leben“.

Liebevoll die Laudatio von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – liebevoll in ihren biografischen Details, liebevoll in ihrer Würdigung dessen, was Garton Ash für die Idee Europas geleistet hat. Steinmeier charakterisiert den Karlspreisträger aus Oxford als akribischen Wissenschaftler, genauen Beobachter von Europas Wachsen und Werden, vor allem aber als engagierten Intellektuellen, „der seine Bücher zuklappt, weil er spürt, dass ihm der Atem der Geschichte direkt ins Gesicht weht“.

Als sich in Mittel- und Osteuropa in den 80er Jahren der Umbruch in ersten Ansätzen zeigte, sei Garton Ash zur Stelle gewesen und habe durch seine Texte vielen Menschen im Westen erst die Augen geöffnet für das, was sich im Osten abspielte. „Als Brite waren Sie näher am Widerstandsgeist in Berlin, Prag, Warschau und Budapest als die meisten in Westdeutschland.“

Seit jenen Tagen sei „so viel vom Ideal Europas zur Realität Europas geworden“. Ein politisches Wunder habe Garton Ash das genannt. „Warum fehlt uns eigentlich heute so oft der Mut, an eben solche Wunder zu glauben? Und vor allem auch der Mut, dafür zu arbeiten, dass sie wahr werden?“, fragt Steinmeier und empfiehlt Garton Ash als Vorbild.

Die Liebe zur Einheit Europas ist es, die Steinmeier und Garton Ash gleichermaßen zu dem Appell veranlasst, dem offensichtlich unvermeidlichen Brexit mit entschlossener Haltung entgegenzutreten. „Lieber Herr Garton Ash, wir rufen Ihnen heute zu: Sie bleiben bei uns, wie auch immer britische Referenden ausgehen“, sagt der Bundespräsident.

Der Brite sieht es nicht anders: Ein Europa ohne die Beiträge von Engländern, Schotten, Walisern und Iren, von Shakespeare, Adam Smith, Winston Churchill und George Orwell ist nach seiner Überzeugung „wie ein Sinfonieorchester ohne Streicher – oder vielleicht eher ohne Blechbläser“. Großbritannien könne Europa genauso wenig verlassen wie der Piccadilly Circus London.

Karlspreis der Liebe: Von seiner Liebe – in diesem Fall – nicht zu Europa, sondern zur Europa ließ sich der Aachener Komponist und Akkordeonist Manfred Leuchter inspirieren, um John Lennons und Paul McCartneys „And I Love Her“ neu zu arrangieren; die Resonanz ist überaus begeistert.

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp plädiert für faire Verfahren und pragmatische Wege, um die europäische Einigung in unterschiedlicher Tiefe und Geschwindigkeit fortzuführen. „Darin kann eine große Chance liegen – im Verhältnis zu Großbritannien ebenso wie zur Türkei, zur Schweiz oder zu Russland. Wir sind ein Kontinent mit großer Vielfalt“, sagt Philipp.

„Für alle, die sich dem europäischen Weg der Einheit in Vielfalt anschließen wollen, muss die Tür offen bleiben. Es darf nicht nur die Option des ‚ganz oder gar nicht‘ geben, wenn wir die Europäische Union stärken wollen.“ Er wünsche sich einen Verlauf der Brexit-Verhandlungen, „der alle Möglichkeiten zukünftiger Zusammenarbeit im Blick behält“.

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