Eschweiler/Inden - Steiniger Weg in die Zukunft ohne Kohle

Steiniger Weg in die Zukunft ohne Kohle

Von: Stephan Johnen und René Benden
Letzte Aktualisierung:
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Ein Auslaufmodell: Das Kraftwerk Weisweiler bildet die Grundlage der Existenz zahlreicher Familien in der Region. Doch das Ende der Braunkohleförderung deutet sich an. Ein Logistikzentrum an gleicher Stelle soll neue Arbeitsplätze schaffen. Foto: dpa

Eschweiler/Inden. Die Zeit der Braunkohle ist endlich. Daran zweifelt, spätestens seitdem Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit seiner geplanten Umweltabgabe für ältere Kohlekraftwerke nicht nur für Aufregung in der RWE-Vorstandsetage gesorgt hat, niemand mehr. Die Perspektive auf ein vorzeitiges Aus der Braunkohleförderung und den damit verbundenen Wegfall vieler Arbeitsplätze hat die gesamte Region verunsichert.

Zwar ist Gabriels Umweltabgabe inzwischen vom Tisch, doch selbst die größten Kohlebefürworter müssen inzwischen einräumen, dass das Modell Strom aus Braunkohle keine große Zukunft im Rheinischen Revier mehr hat. Der Strukturwandel kommt schneller als gedacht.

„Die Frage ist, wie wir den Strukturwandel in der Region vorantreiben“, sagt Dürens Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU). Eine Frage, die der 52-Jährige gleich selbst beantwortet: Die Logistikbranche eröffne Perspektiven. Aus diesem Grund soll im Eschweiler Stadtteil Weisweiler, wo heute noch Strom aus Braunkohle produziert wird, ein riesiges Logistikzentrum entstehen. Nicht nur als Warenumschlagplatz. In den umliegenden Gewerbegebieten von Eschweiler, Inden und Stolberg sollen Waren, die am Hafen in Antwerpen landen, weiterverarbeitet werden. 700 bis 800 Arbeitsplätze soll das bringen. Damit wäre der drohende Verlust von 1500 Arbeitsplätzen im Kraftwerk und im Tagebau Inden zumindest schon teilweise kompensiert.

Großer Konsens?

Neben Spelthahn sprachen sich auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (alle CDU) dafür aus, ein gemeinsames Projekt im Rahmen der Innovationsregion Rheinisches Revier (IRR) anzustoßen. „Es herrscht ein großer regionaler Konsens, dies so zu tun“, sagt Spelthahn. Dieser sei auch nötig, mahnte der Grünen Landtagsabgeordnete Rainer Priggen, wenn man die Hürden, die ein solch komplexes Projekt mit sich bringe, überwinden wolle. Ob es einen solchen Konsens tatsächlich schon gibt, kann zumindest angezweifelt werden. Auf Anfrage wollte sich Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram (SPD) nicht zu den Plänen auf Eschweiler Stadtgebiet äußern. Er begrüße zwar grundsätzlich die Idee, da es aber bislang kein abgestimmtes Verfahren gebe, könne er aber inhaltlich nichts zum Stand der Planung sagen.

Der Kreis Düren scheiterte bereits vor Jahren damit, zwischen Düren und Arnoldsweiler einen Container-Umschlagplatz zu errichten. Der Widerstand der Bürger und die Zurückhaltung der Politik waren damals zu groß. Doch unter dem Eindruck des drohenden Einbruchs am Arbeitsmarkt, wenn der Tagebau Inden ausgekohlt ist, dürfte sich die allgemein ablehnende Haltung ändern. Zumal Spelthahn für das Potenzial der Gewerbefläche am alten Kraftwerk schwärmt: Die sogenannte Reservefläche am Kraftwerk Weisweiler sei ideal. Zum einen, weil mit einer Erweiterung des Kraftwerks wohl nicht zu rechnen sei, zum anderen, weil die Fläche bereits ans Schienennetz angeschlossen ist. Darüber hinaus rechnet er mit Unterstützung von RWE. Spelthahn spricht von „guten Gesprächen“ mit dem Kraftwerksbetreiber. Und die Tatsache, dass es in direkter Nachbarschaft zum Kraftwerk kaum Anwohner gibt, die sich über Lärm und Verkehr eines Logistikzentrums beschweren könnten, ist Spelthahn überzeugt, dass rund um das Kraftwerk fruchtbarer Boden für neues Gewerbe liegt.

In einem nächsten Schritt soll in Zusammenarbeit mit dem Hafen Antwerpen, RWE, der Städteregion Aachen, den Städten Eschweiler und Stolberg, der Gemeinde Inden und anderen Akteuren eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden, um den Standort genau unter die Lupe zu nehmen. Einen weiteren Vorteil sieht Spelthahn auch darin, dass es bereits heute angrenzende Gewerbegebiete gibt, wie das interkommunale Gewerbegebiete Inden/Weisweiler, wo sich sofort Unternehmen ansiedeln können.

Übersehen werden darf dabei freilich nicht, dass noch grundlegende Probleme zu beseitigen sind, wenn ein großes Logistikzentrum am Kraftwerksstandort Weisweiler erfolgreich sein soll. Zwar ist die geografische Lage gleich neben der Autobahn A 4 ideal. Zu übersehen ist aber auch nicht, dass die Anbindung über die Schiene unterdimensioniert ist. Schon heute verstopfen Personen- und Güterzüge die Strecke zwischen Aachen und Köln. Zusätzlicher Güterverkehr aus einem großen Logistikzentrum kann dort nach heutigem Stand nicht abgewickelt werden.

Seit Jahrzehnten schon fordert die Region ein drittes Gleis auf dieser Strecke – bislang erfolglos. Spelthahn hofft nun mit einem neuen Anlauf, es in die Top 100 des Bundesverkehrswegeplans zu schaffen, gleichzeitig regen die Projektpartner an, mit einem deutlich günstigeren Teilausbau die Strecke soweit zu ertüchtigen, dass die Kapazität um ein Drittel erhöht wird. Damit könne die Strecke bis zum Jahr 2030 das laut Prognosen steigende Verkehrsaufkommen noch meistern. Eine entsprechende Studie liege bereits vor. Doch ein drittes Gleis ist so gut wie wertlos, wenn nicht gleichzeitig der Knotenpunkt Köln ausgeweitet wird. Der regionale Konsens, von dem Spelthahn spricht, muss also noch erheblich wachsen.

Das hält Städteregionsrat Helmut Etschenberg für möglich. Allerdings kritisiert er deutlich die aus seiner Sicht bislang mangelnde Unterstützung seitens des Landes NRW. „Vergleicht man die Bemühungen um das Ruhrgebiet, mit der Unterstützung, die wir erhalten, ist das schon sehr enttäuschend“, sagt Etschenberg. Als Beispiel nennt er die Innovationsregion Rheinisches Revier, die von der rot-grünen Landesregierung ins Leben gerufen wurde, um den Strukturwandel in der Region zu gestalten. „Bislang ist das ein völlig wirkungsloses Instrument, aus dem wir ernsthaft überlegen auszutreten, weil es uns nichts bringt.“

Bevor sich also die Logistiker dort ansiedeln, wo heute Kohle zu Strom gemacht wird, sind zahlreiche Probleme zu lösen – so schnell wie möglich, denn die Zeit drängt. Rainer Priggen von den Grünen bemerkte vor Monaten bei einer Veranstaltung unserer Zeitung, dass das Kraftwerk Weisweiler im besten Falle für die Arbeitnehmer noch 15 Jahre laufe. Der Strukturwandel müsse jetzt eingeleitet werden. „Denn 15 Jahre sind für solche Prozesse übermorgen.“

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