Stadtrundgang „Straßenleben“: Blick auf die andere Seite der Kö

Von: Ina Armbruster
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„Straßenleben“ der anderen Art: Mirjam und Olli von der Düsseldorfer Straßenzeitung „Fifty Fifty“ sowie Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer nehmen Besucher mit auf einen zweistündigen Stadtspaziergang, der die düstere Seite Düsseldorfs zeigt. Foto: Ina Armbruster

Düsseldorf. Hinter dem Hauptbahnhof bleibt die Gruppe das erste Mal stehen. „Da ist eine Männerunterkunft“, zeigt Olli auf eines der für den Stadtteil üblichen Mehrfamilienhäuser. Die Regeln kennt Olli: Besucher dürfen nur bis 22 Uhr bleiben. Sie müssen am Eingang ihren Ausweis vorzeigen und sich abmelden, wenn sie wieder gehen, damit nicht mehr Leute im Haus schlafen als vorgesehen.

Tiere sind nicht erlaubt, Paare dürfen auch nicht einziehen. Frauen dürfen zu Besuch kommen. Aber, schüttelt Olli den Kopf, er würde dorthin eher keine Frau mitnehmen. Bis vor einem Jahr war Olli selbst auf Notunterkünfte wie diese angewiesen, um nicht jede Nacht auf der Straße verbringen zu müssen. Seit einem Jahr hat er wieder einen festen Wohnsitz. Düsseldorf, das ist eben nicht nur die schicke, reiche Stadt. Es gibt auch die andere Seite, die Armut, die Obdachlosigkeit – und die Sucht.

Bei dem zweistündigen Stadtrundgang „Straßenleben“ können die Teilnehmer die Landeshauptstadt aus einem besonderen Blickwinkel kennenlernen. Wo übernachten Wohnungslose? Wo finden Süchtige Hilfsangebote? In einigen Großstädten wie Hamburg oder Berlin gibt es solche Stadtführungen schon länger, in Düsseldorf werden sie seit vergangenen Sommer veranstaltet.

Die Leitung übernehmen dabei jeweils zwei Verkäufer der Düsseldorfer Straßenzeitung „Fifty Fifty“. Sie sind oder waren meist wohnungslos und haben wenig Geld zur Verfügung. Mit dem Verkauf der Zeitung verdienen sie sich etwas hinzu. „Wir haben den Rundgang gemeinsam mit unseren Stadtführern ausgearbeitet, Orte gesammelt, überlegt, was ihnen wichtig ist“, erklärt der zuständige Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer. „Dabei sind einige Punkte herausgekommen, an die ich gar nicht gedacht hätte, zum Beispiel das Pfandleihhaus oder das Büro eines Anwalts, der sich besonders für die Wohnungslosen einsetzt.“ Weil jeder der Stadtführer seine eigene Geschichte mit einbringe, falle jede Führung ein klein wenig anders aus.

Mirjam fand die Idee gut und sagte sofort zu, als Dörrenbächer sie fragte, ob sie mitmachen wolle. Ganz offen beantwortet die 37-Jährige alle Fragen der Teilnehmer, erzählt von ihrem früheren Leben. Ein Dach über dem Kopf habe sie immer gehabt. „Allerdings meistens nur ein Zeltdach“, sagt sie. Sehr unangenehm im Winter. Inzwischen wohnt sie in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Ein Zwischenstopp auf der Tour fällt Olli immer besonders schwer: der Straßenstrich. Mit diesem Ort verbindet er keine schönen Erinnerungen. Als er selbst noch heroinabhängig war, war er öfter dort, hat die Nummernschilder der Autos aufgeschrieben, in die die Frauen gestiegen sind. Zur Sicherheit. Er weiß, was manche Freier den Frauen antun. Irgendwie muss ein Süchtiger zu Geld kommen. 150 bis 250 Euro kostet der Stoff pro Tag. Das ist auf legalem Weg kaum zu finanzieren. Frauen verkaufen daher oft ihren Körper, Männer werden kriminell.

Angela Wischmann schaut sich erstaunt um: „Hier ist nichts, was auf einen Straßenstrich hindeutet. Das sieht aus wie eine ganz normale Wohnstraße. Auf der großen Parallelstraße dort bin ich schon so oft lang gefahren und hatte keine Ahnung, was ein paar Meter weiter passiert“, sagt sie. Von einer Bekannten hat sie die besondere Stadtführung empfohlen bekommen und ist extra aus Solingen angereist.

Ein spezielles Zielpublikum hat die Führung nicht. Interessierte Düsseldorfer sind da und Auswärtige, Schüler ebenso wie Rentner. „Wir hatten auch schon komplette Gruppen aus Österreich und der Schweiz“, erinnert sich Mirjam. Sie findet es gut, dass auf diesem Weg Menschen miteinander in Kontakt kommen, die sich sonst nie kennengelernt hätten. Angela Wischmann sieht das auch so: „Man bekommt einen ganz anderen Blickwinkel auf die Probleme.“

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