St. Elisabeth: Viel mehr als ein Hotel unterm Kirchturm

Von: Matthias Hinrichs
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Qualifizierung als wichtiger Aspekt: Vor allem Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose sind bei der aufwendigen Umgestaltung des Gotteshauses zum Übernachtungs- und Begegnungszentrum im Einsatz. Foto: Michael Jaspers
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Vielfältiges Konzept: Julia Graf, Anke Didier und Patricia Yasmine Graf (von links) haben etliche Partner und Sponsoren aktiviert, um die Kirche mit neuem Leben zu füllen.
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Fantasievolle Gemächer statt Bettenburg: In den Schlafmodulen ist Platz für jeweils zwei Gäste, die hier ein paar Tage gratis logieren können.
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Sakrale Hülle mit großer Tradition: Die über 100 Jahre alte Pfarrkirche St. Elisabeth ist im April dieses Jahres entwidmet worden.

Aachen. Unterm mächtigen Gewölbe der ehemaligen Pfarrkirche St. Elisabeth ist von innerer Einkehr dieser Tage – noch – so gar nichts zu spüren. Was freilich nicht heißt, dass im Endspurt für ein kreativ-innovatives Projekt, das Seinesgleichen sucht, nicht manches Stoßgebet gesprochen würde.

Denn fest steht: Am kommenden Freitag, 5. August, läuten die Glocken im Turm über dem Aachener Blücherplatz eine ganz neue Ära in der über 100-jährigen Geschichte des Gotteshauses ein. Und bis die große Party zur Eröffnung des „Hotel Total“ ab 19 Uhr im völlig neu gestalteten Kirchenschiff steigen kann, rotieren etliche junge Handwerker mit Kreissägen, Flexgeräten und Akku-Schraubern um die Wette.

Nicht nur die jungen Initiatorinnen, Patricia Yasmine Graf, ihre Schwester Julia Claire und Anke Didier, fiebern der „Pop-Up“-Premiere der etwas anderen Touristen-Herberge voller Enthusiasmus entgegen, welche bis Ende Oktober zugleich zum kreativen Begegnungszentrum (nicht nur) für Menschen aus dem Stadtteil Aachen-Nord mutiert. Denn nachdem der imposante Sakralbau an der Jülicher Straße im vergangenen April entwidmet wurde, haben die drei Damen im Schulterschluss mit etlichen Sponsoren und Partnern das ambitionierte Experiment mit reichlich Leben gefüllt.

Hinter den bunt verglasten Kirchenfenstern sind so fünf fantasievoll gestaltete Schlaf-Einheiten für jeweils zwei Personen entstanden, die sich dort in den kommenden Monaten die sprichwörtliche Klinke in die Hände geben dürfen – zum Nulltarif. „Wir wollen hier aber nicht nur ein völlig neues Übernachtungskonzept ausprobieren. Es soll vor allem darum gehen, eine Stätte der kulturellen Begegnung und der Kommunikation zu schaffen, die zugleich schon im Zuge ihrer Entstehung wegweisende Ansätze zur Qualifizierung und zur Integration junger Menschen bietet“, erklärt Patricia Yasmine Graf.

Finanziell ermöglicht wurde das spannende Pilotprojekt zur Zwischennutzung der Kirche, die zum Jahresende von der Aachener Landmarken AG erworben wird, vor allem mit Mitteln aus dem Forschungs- und Entwicklungsprogramm „CreateMedia“ des Landes NRW. So konnten die frisch gebackenen Hotel-Direktorinnen der etwas anderen Art die gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft Low Tech ins Boot holen, unter deren Fittichen rund zwei Dutzend Arbeitslose – darunter vor allem junge Migranten – seit Ende vergangenen Jahres vielfältige praktische Lernfelder beackern.

„Der Charme des Projektes besteht vor allem darin, dass das gesamte ,Personal‘ des Pop-Up-Hotels sich aus Menschen unterschiedlichster Herkunft rekrutiert, die den kompletten Betrieb gemeinsam stemmen – von der Gestaltung der Wohnmodule über die Verköstigung der Gäste bis hin zum Zimmerservice“, erläutert Julia Graf.

Die kühne Vision der kreativen Kombination aus Gastronomie, Party- und Veranstaltungsplattform wurde zudem mit maßgeblicher Hilfe von Studenten der FH Aachen und dem Institut für Unternehmenskybernetik der RWTH (IFU) entwickelt, das mit einer Veranstaltungs-App auch den Blick auf andere (kulturelle) Angebote jenseits der Kirchenmauern lenkt.

Die Entwürfe für die abgeschlossenen Logis-Einheiten haben Studenten des FH-Fachbereichs Gestaltung geschaffen. Im Zentrum der Kirche wird eine lange Tafel eingerichtet, an der nicht nur Übernachtungsgäste Frühstück und Mittagessen aus der „Gloria-Bar“ genießen können, die unter den Original-Schriftzügen des gleichnamigen ehemaligen Aachener Kinos donnerstags bis sonntags von 11 bis 20 Uhr natürlich auch zum weiteren Verweilen lockt.

Angehende Wirtschaftswissenschaftler der Fachhochschule zeichnen derweil verantwortlich für das aufwendige Organisationsmodell mit allen Aspekten eines normalen Hotelbetriebs, haben im Vorfeld mittels Umfragen überdies einschlägige Marktforschung betrieben.

Für die Schulung der Mitarbeiter – inklusive Sprachförderung – haben die Macherinnen eine ausgewiesene Expertin gewinnen können: Hotelfachfrau Ariane Gollia hat in der Wiener Alternativ-Herberge „Hotel Magdas“ reichlich Erfahrungen mit vergleichbaren multikulturellen Grundkonzepten gesammelt. „Entscheidend ist, dass auch die Menschen aus dem Umfeld diese Kirche weiter als wichtige Begegnungs- und Kulturstätte nutzen können“, unterstreichen die Initiatorinnen.

Reichlich Gelegenheit dazu besteht nicht nur bei der großen Eröffnung am 5. August. Zur launig-lockeren Feier ab 19 Uhr ist ein pralles Programm mit Live-Musik der Multikulti-Formation Shanti Powa, dem iranischen Popsänger Maziar Hakkak sowie reichlich Tanz und Talk gestrickt worden.

Etliche Kultur-Events sind bis zum vorläufigen Abschluss des Projektes bis Ende Oktober unter dem ehemaligen Kirchendach zu erleben – Kammermusik, Lesungen, Theater, eine Modeschau und ein Gastspiel der Comiciade-Künstler aus dem benachbarten Ludwig Forum inklusive.

Den ersten großen Erfolg haben die Macherinnen übrigens bereits verbucht: Die Zahl der Gäste, die sich für eine Nacht oder zwei Nächte im „Hotel Total“ einquartieren möchten, steigt von Tag zu Tag. „Bewerbungen“ sind unter „rezeption@hotel-total.com“ aber noch möglich – letztlich muss die Lostrommel entscheiden, wer sich bis Ende Oktober zu den glücklichen Gästen zählen darf.

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