Aachen - SS-Prozess: Der Zeuge erinnert sich nicht

SS-Prozess: Der Zeuge erinnert sich nicht

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
SS-Prozess / Heinrich Boere
Zwei Täter, ein Angeklagter: Der ehemalige SS-Soldat Heinrich Boere (hinten rechts) hat seine Strafe möglicherweise noch vor sich. Sein Kamerade Jacobus Bestemann (auf dem Bildschirm unten links) hat seine schon verbüßt und sagte am Freitag per Videoübertragung gegen Boere aus. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Am Ende war die Befragung des 88-jährigen Jacobus Peter Besteman spektakulär, aber dass sie den Prozess entscheidend weitergebracht hätte, wollten hinterher weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung behaupten.

Besteman, der im Sommer 1944 gemeinsam mit Heinrich Boere aus Eschweiler einen von drei Boere zur Last gelegten Erschießungen begangen hat, ist der letzte lebende Tatzeuge, deswegen war es obligat, ihn zu vernehmen. Da Besteman, im Zweiten Weltkrieg SS-Soldat wie Boere, sich geweigert hatte, nach Aachen zu kommen, wurde er am Freitag im Aachener Landgericht per Videoübertragung aus Rotterdam befragt.

Boere und Besteman waren 1944 Mitglieder des in den Niederlanden stationierten SS-Sonderkommandos Feldmeijer, dessen Aufgabe es war, Repressionen gegen niederländische Widerständler oder ihnen vermeintlich nahestehenden Menschen zu verüben. Eine dieser Repressalmaßnahmen ereignete sich am 14. Juli 1944 in Breda, als Boere und Besteman gemeinsam den Apotheker Fritz Bicknese erschossen. Beide haben diese Tat mehrfach gestanden und wurden 1946 in den Niederlanden verurteilt.

Mechanische Wiederholungen

Besteman sagte am Freitag abweichend von früheren Erklärungen, er habe nie eine Waffe besessen und einen Menschen erschossen. Er könne auch nicht sagen, ob Boere damals geschossen habe. „Ich erinnere mich nicht mehr genau”, diesen Satz wiederholte Besteman mechanisch auf fast jede Frage. Staatsanwaltschaft und Verteidigung sagten nach der Verhandlung im Gespräch mit dieser Zeitung, Besteman habe am Freitag wohl nicht alles ausgesagt, an das er sich erinnert. Für die Verteidigung war das von größerem Nachteil als für die Anklageführer.

Ob Heinrich Boere, 88, am Ende wegen dreifachen Mordes verurteilt wird oder nicht, hängt wohl maßgeblich davon ab, ob er sich in einem sogenannten Befehlsnotstand befunden hat oder nicht. Vereinfacht gesagt: Ob Boere von seinen Vorgesetzten mit Strafandrohungen so unter Druck gesetzt worden ist, dass ihm damals nichts anderes übriggeblieben ist, als die befohlenen Erschießungen auszuführen.

Zum Klären dieser Frage hatte Besteman am Freitag kaum Erhellendes beizutragen. Der Vorsitzende Richter Gerd Nohl erklärte die Beweisnahme für abgeschlossen, Anklage und Verteidigung behalten sich jedoch weitere Beweisanträge vor. Verteidiger Gordon Christiansen rechnet damit, dass das Urteil „in drei bis fünf Verhandlungstagen” ergehen könnte.

Der Prozess wird am 28. Januar um 10 Uhr fortgesetzt.
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