Springsteen, Placebo und Franz Ferdinand: Viel Prominenz bei Pinkpop

Von: Jan Mönch
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Da geht es lang: Der „Boss” hat seine Fans in Landgraaf fest im Griff. Foto: Stock/LFI

Landgraaf. Dass mit Bruce Springsteen ein würdiger Headliner für das Jubiläum des Pinkpop-Festivals gefunden wurde, macht ein offenes Auge für die Kleidung der Gäste deutlich. „The only Boss to listen to”: Dieser Spruch prangt in Anspielung auf den Spitznamen des Amerikaners auf manchem Shirt.

Und auch wenn einige der am Sonntag offiziell verkündeten 62.500 Besucher der Meinung sind, dass es zum 40. Geburtstag ruhig noch ein, zwei absolute Knaller mehr hätten sein dürfen: Das von Jan Smeets und seinem Team zusammengestellte Line-up ist mehr als nur passabel.

Und überhaupt sind große Namen ja nur ein Grund für Ausflüge in das Paralleluniversum Festivalsommer. Der wahre Reiz besteht darin, Schule oder Campus, Büro oder Praxis, Haushalt oder Werkstatt für ein paar Tage zu vergessen.

Beruf, Herkunft, Alter: Dies alles spielt nirgendwo weniger eine Rolle als am Nürburgring, in Wacken oder eben in Landgraaf.

Am ersten Pinkpop-Tag jedenfalls kommen die Fans mit Me First and the Gimme Gimmes, die auf der 3FM-Stage Klassikern der Marke „Over the Rainbow” oder „Barbara Ann” eins mit der Punkrockkeule überziehen, allmählich in Stimmung.

Ein rotziger Auftritt im klaren Kontrast zur babyblauen Abendgarderobe von Frontmann Spike Slawson. Auf der Hauptbühne werfen The Killers wenig später die Frage auf, warum Fotografierverbot für die Presse verhängt wurde - Bodenständigkeit sieht anders aus. Den stark vertretenen Fans ist´s egal: Die schwer angesagten Poprocker aus Las Vegas werden standesgemäß abgefeiert.

Doch auch ein Abstecher zur kleinen Zeltbühne lohnt sich: Mit rabiatem, aber gekonnten Breakbeatgeballer verlegt hier Dr. Lectroluv die Love Parade in die niederländische Provinz. Auch bei Pinkpop Numero 40 geht es also quer durch den Gemüsegarten. Nur wer am liebsten musikalische Hartwurst auf Basis von Stromgitarren genießt, wird enttäuscht: Ein Heavy-Metal-Flaggschiff wie Metallica steht diesmal nicht im Programm.

In diese Kerbe schlagen am ehesten noch Volbeat, die am zweiten Festivaltag in allen möglichen härteren Spielarten des Rock´n´Roll wildern. Die Dänen lassen allerdings nur wirklich aufhorchen, wenn sie Johnny Cash („Sad Mans Tongue”) oder Slayer („Raining Blood”) anspielen. Ansonsten gibt es viel Double-Bass-Geknatter mit wenig Wiedererkennungswert.

Die Fans freut´s, die große Masse lässt das eher kalt. Dass es auch anders geht, beweisen die Ska-Pioniere von Madness. Schon bei den ersten Tönen erheben sich selbst die Sonnenanbeter in der Mitte des Geländes: Die Briten sind noch immer (pink)populär.

„Das letzte Mal waren wir 1981 hier. Das ist nun 247 Jahre her”, rechnet Graham „Suggs” McPherson vor. Die Imitation des an Krebs erkrankten Depeche-Mode-Sängers Dave Gahan („Personal Jesus”) wird dann doch rasch abgebrochen, um sich eigenen Klassikern der Marke „Our House” oder „It must be Love” zu widmen.

Als Ersatz für Depeche Mode stehen ohnehin die eigentlich jüngst aufgelösten und dementsprechend freudig empfangenen Niederländer Krezip in den Startlöchern. Die Düsterrocker Placebo indes rutschen in die Rolle des Sonntagsheadliners.

„Wir sind Placebo und wir kommen in Frieden”, begrüßt Frontmann Brian Molko die nimmermüden Pinkpopper. Was zunächst wenig interessiert. Dass auf den seitlich der Bühne angebrachten Videowänden eine Viertelstunde lang kein einziges Mal die Fans zu sehen sind, legt den Schluss nahe, dass sich selbst in den ersten Reihen wenig tut.

Molko scheint derweil große Probleme zu haben, sein Instrument auf dem Monitor zu vernehmen. Doch er wird schließlich mit dem Tontechniker warm, das Festival mit seiner Band. Und während „Kitty Litter” vom neuen Album noch an den Fans vorbei geht, werden „Every you every me” und „Bitter End” frenetisch bejubelt.

Nach 20 Minuten Zugabe haben Placebo, denen der Ruf einer gewissen Arroganz nacheilt, mit einem engagierten Auftritt bewiesen, dass die Rolle des Tagesheadliners nicht zu groß für sie ist.

Den Part übernimmt am letzten Tag Schottland: Snow Patrol mit ihrem Leadsänger Gary Lightbody und Franz Ferdinand, beide aus Glasgow, Letztere aber eher routiniert als inspirierend.

Da sind Kanadier aus anderem Holz: Billy Talent lassen es am Nachmittag richtig krachen, und Leadsänger Benjamin Kowalewicz feiert mit den Fans die an allen Tagen aufgehende Gleichung Musik plus Bier gleich gute Stimmung.

The Boss

Höhepunkt des ganzen Festivals aber bleibt unbestritten „The Boss”. Mögen Pedanten die nur anfangs zu dominante Snare Drum monieren - alle anderen genießen den glasklaren Sound, mit dem auch die legendäre E-Street-Band rund um Gitarrist Little Steven und Saxophonist Clarence Clemens aufspielt. Mit einer Bühnenpräsenz, die eben nur den ganz, ganz Großen des Geschäfts beschert ist, blättert Springsteen munter in seiner Diskographie - und die führt bekanntlich nicht nur durch nunmehr dreieinhalb Jahrzehnte, sondern auch die Gefühlspalette rauf und runter. „The Ghost Of Tom Joad”: energisch. „Trapped”: euphorisch. „I´m on Fire: besinnlich. „Outlaw Pete”: sehnsüchtig. Und unvermeidlich: „Born in the USA”. Sicher, auch ein Megaseller wird nicht jünger. Trotzdem wirkt Springsteen zu jeder Minute authentisch, gut gelaunt und unverbraucht - und ist sich auch für den Ringkampf mit einem auf die Bühne beförderten Stofftier nicht zu alt. Ein Boss, auf den man gerne hört. Nicht nur im Paralleluniversum Pinkpop.

Mehr als nur gern gesehene Gäste

Organisationen wie Amnesty International oder Oxfam sind bei Pinkpop mehr als nur gern gesehene Gast. Anmesty machte in diesem Jahr vor allem auf das Schicksal von Frauen und Mädchen im Kongo aufmerksam.

Die Festival-Gäste, die sich gegen die Sonne mit - natürlich - pinkfarbenen Pinkpop-Käppis wappneten, taten also auch etwas für die gute Sache: Der Erlös aus dem Verlauf der sechs Euro teuren Hüte ging an Amnesty.

Die Kopfbedeckung prägte an allen Tagen das Bild vor den drei Bühnen und auf den Zeltplätzen.

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