Spektakuläre Serie: Jedes zweite gestohlene Auto ist ein BMW

Von: Jan Mönch
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Langfinger im Anmarsch: Wer BMW fährt und das auch weiter tun möchte, kann sein Fahrzeug zurzeit gar nicht gut genug sichern. Foto: dpa

Kreis Heinsberg. Es ist schon um die zwei Jahre her, dass Gerd Ritterbex früh morgens aus der Haustür schritt und sein BMW verschwunden war, doch er erinnert sich gut an diesen Moment. Er wusste ganz genau, dass er seinen schwarzen 320er Diesel mit Allradantrieb in der Einfahrt geparkt hatte. „Trotzdem bin ich erstmal in der Garage nachsehen gegangen, ob er nicht doch dort steht. Man glaubt es einfach nicht“, sagt er.

Den BMW sah Gerd Ritterbex nie wieder, die Ermittlungen wurden nach nur drei Wochen eingestellt. Der Wagen sei vermutlich in seine Einzelteile zerlegt und praktisch stückweise verschachert worden, glaubt er.

Täter mindestens zu zweit

In letzter Zeit haben sehr viele BMW-Fahrer die gleiche Erfahrung wie Gerd Ritterbex gemacht, man kann ohne jede Übertreibung von einer Welle an Diebstählen sprechen. Im vergangenen Jahr 2016 wurden im Heinsberger Kreisgebiet genau 60 BMW gestohlen, hinzu kommen 29 Versuche. Insgesamt gab es 193 versuchte und vollendete Autodiebstähle, was bedeutet, dass es sich bei fast der Hälfte der betroffenen Fahrzeuge um BMW handelte.

Die Polizei hat keinerlei Zweifel daran, dass sie es mit professionell agierenden Banden zu tun hat. Dafür spreche schon, dass die Täter, wann immer sie beobachtet wurden, mindestens zu zweit waren, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken.

Der bislang letzte bekannte Fall spielte sich in der Nacht auf Rosenmontag ab. Aus einer Straße in Erkelenz verschwand ein schwarzer BMW, Typ 320d. Ebenfalls ein Fahrzeug der 3er-Reihe wurde am Freitag zuvor in der Gangelter Martin-Heyden-Straße gestohlen. Und am Wochenende zuvor waren die Diebe in der Geilenkirchener Kapellenstraße erfolgreich. Auch hier ließen die Übeltäter sich von den Vorzügen eines 3er-BMW überzeugen.

Dass bei den letzten drei Diebstählen immer dieselbe Baureihe verschwand, ist aber Zufall. „Es werden alle gängigen Modelle gestohlen, eine Präferenz gibt es nicht“, sagt Polizeisprecher Frenken. In der Tat: Wer durch die Polizeiberichte blättert, kann fast den Eindruck gewinnen, dass im Kreis Heinsberg praktisch keine BMW mehr übrig sein dürften. Ganz so arg ist es nicht, denn im Kreisgebiet sind immerhin 10.000 BMW angemeldet. 2016 wurde also „nur“ einer von 160 Haltern bestohlen, die anderen 159 durften ihren BMW behalten.

Zumindest bis auf Weiteres. Denn die bisherigen Zahlen dieses Jahres sind eher noch schlimmer: In den ersten beiden Monaten des Jahres wurden bereits 22 BMW gestohlen, hinzu kommen sieben Versuche. Angenommen, es geht genau so weiter, wären am Ende dieses Jahres 132 BMW-Halter um ihren fahrbaren Untersatz erleichtert worden, also einer von 75. Das Schlechteste an den Zahlen ist also, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass der Höhepunkt schon erreicht ist.

Es ist allerdings gar nicht allzu sinnvoll, die Serie nach Gebietskörperschaften zu betrachten. Maßgeblich scheint eher die Nähe zur Grenze zu sein. Polizeisprecher Frenken sagt, dass die Diebstähle schwerpunktmäßig im Westen des Kreisgebiets geschähen, grob gesprochen auf einer Achse zwischen Übach-Palenberg im Süden und Heinsberg im Norden.

Aber dort ist nicht Schluss, auch im Kreis Viersen sind die Diebe aktiv: Im gesamten Jahr 2016 seien 22 gestohlene BMW angezeigt worden, davon acht im letzten Quartal, teilt Kriminalhauptkommissarin Antje Heymanns mit. Allein im Januar und im Februar 2017 sei man schon bei 14, auch im Raum Viersen zeigt die Kurve also steil nach oben. Und auch dort ist maßgeblich der Westkreis betroffen, sagt die Kommissarin.

Gefragt in Osteuropa

Südlich des Heinsberger Kreisgebiets ergibt sich das gleiche Bild: BMW steht auf dem unrühmlichen ersten Platz der Diebstahlliste, von knapp 1000 vollendeten oder versuchten Autodiebstählen in der Städteregion Aachen entfielen 380 auf Modelle von BMW. „Wahrscheinlich kommen zwei Faktoren für die Begehrtheit von BMW zusammen“, vermutet Polizeisprecher Paul Kemen. „Zum einen sind die Fahrzeuge und deren Teile gerade in Osteuropa sehr begehrt, zum anderen scheinen die Autos mit illegal erworbenen computertechnischen Möglichkeiten, die meist ebenfalls aus Osteuropa stammen, leichter zu knacken sein als andere Fabrikate.“ Positiv hervorzuheben sei jedoch, dass BMW sich gegenüber den Polizeibehörden wesentlich kooperativer zeige als die meisten anderen Marken.

Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass es irgendwann ans Markenimage geht, wenn die nicht gerade billigen Autos den Eindruck erwecken, sie seien mit billiger Sicherheitstechnologie ausgestattet. Die Diebstähle sind ja kein Geheimnis. Im Gegenteil: Die Heinsberger Polizei veröffentlicht mit fast peinlicher Genauigkeit jeden einzelnen Diebstahl in ihrem Polizeibericht.

Steigende Versicherungsbeiträge

Und das wird auch wahrgenommen. „Es steht jede Woche zwei-, wenn nicht dreimal in der Zeitung, dass ein BMW gestohlen wurde“, hat auch der vor zwei Jahren bestohlene Gerd Ritterbex festgestellt. Wieso passen die Leute nicht besser auf? Ritterbex glaubt: „Es ist eigentlich verrückt, aber man hält es gar nicht für möglich, dass es einen trifft. Ähnlich wie bei schweren Krankheiten.“

Das Markenimage jedenfalls ist das eine, zumindest kurzfristig profitiert der Konzern von einem Diebstahl zunächst. Jedenfalls dann, wenn der Wagen vernünftig versichert war, was in der Regel der Fall sein dürfte, und die Versicherung dem Fahrer ein neues Auto bezahlen muss. Die Versicherungen holen sich dieses Geld durch steigende Beiträge bei den BMW-Fahrern zurück. Ob selbst bestohlen oder nicht: De facto ist es so, dass jeder Halter durch jeden Diebstahl geschädigt wird.

Nachdem Gerd Ritterbex bestohlen worden war, hat er sich auch verschiedene andere Autos angesehen, Audi, Mercedes, doch am Ende ist er bei BMW geblieben. Er fährt jetzt einen blauen 320d, versehen mit einigen zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen.

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