Soziologe Gregor Betz: „Protest und Spaß schließen sich nicht aus“

Letzte Aktualisierung:
14647677.jpg
„Menschenketten sind völlig zeitgemäß“: Der Soziologe Gregor Betz erforscht moderne Formen des Protests. Foto: G. Betz

Aachen. Mit einer Menschenkette von Tihange über Lüttich und Maastricht nach Aachen am 25. Juni nimmt der Protest gegen die umstrittenen belgischen Atommeiler von Tihange und Doel eine neue, spektakuläre Form an. Zehntausende Teilnehmer werden zu dieser Aktion erwartet.

Wie schafft man es, so viele Menschen auf die Straße zu bringen? Was wollen, was können sie damit erreichen? Wie weit darf Protest gehen? Und wie haben sich die Protestformen im Laufe der Zeit verändert? Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine Diskussionsrunde am kommenden Sonntag im Theater Aachen. Einer der Teilnehmer ist Gregor Betz, Soziologe an der Technischen Universität Dortmund. Er befasst sich wissenschaftlich vor allem mit der Frage, welche Rolle das Vergnügen bei modernen Protestformen spielt. Mit Betz sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Betz, im Theater Aachen läuft derzeit sehr erfolgreich ein Protestsongabend mit dem Titel „Nicht mit uns“. Das Stück macht dem Publikum ganz offensichtlich sehr viel Spaß. Ist die Kombination „Protest und Engagement“ hier und „Spaß“, dort eigentlich selbstverständlich?

Betz: Protest und Spaß schließen sich nicht aus. Die Kombination gibt es, seitdem es Protest in der Moderne gibt. Vergnügen, Theater, Musik waren schon immer Elemente, um die ernsten Inhalte ein Stück weit zu „versüßen“.

Vergnügen also als Mittel, um die Leute auf die Demos zu locken?

Betz: Dieses Phänomen beobachten wir tatsächlich seit den 80er Jahren. Die Soziologie nennt das „Eventisierung“. Das Versprechen auf Unterhaltung und Spaß wird seitdem gerne zur Mobilisierung eingesetzt.

Hat sich seitdem auch die Gewichtung dessen, was wichtig ist – Spaß oder Anliegen – verändert?

Betz: Das Verhältnis zwischen beiden Polen hat sich definitiv entkrampft. Aber es gibt die ganze Bandbreite: Protestveranstaltungen, bei denen eindeutig das Event, der Spaß im Vordergrund stehen, bis hin zu solchen, die vor allem das Anliegen betonen.

Im Dreiländereck wird es eine Menschenkette gegen den Atommeiler von Tihange geben. Sonderlich originell ist das ja nicht.

Betz: Aber sehr wirkungsvoll. Soziale Bewegungen brauchen die öffentliche Aufmerksamkeit, sie haben sonst keine Machtmittel. In unserer medial ausgerichteten Zeit sind spektakuläre Bilder ein perfektes Mittel, um Aufmerksamkeit zu generieren. Und die wird es bei dieser Aktion mit Sicherheit geben. Ich muss Ihnen also widersprechen: Diese Menschenkette ist legitim und völlig zeitgemäß.

Es ist nicht anzunehmen, dass der Atommeiler in Belgien nach diesem 25. Juni direkt abgeschaltet wird. Wann ist Protest erfolgreich?

Betz: Im Bereich sozialer Bewegungen ist Protesterfolg in aller Regel relativ langfristig. Gerade bei den Anti-AKW-Protesten vor allem in Deutschland kann man sehen, wie es laufen kann. Hätte es die seit den 70er Jahren nicht gegeben, wäre es nach Fukushima wohl eher nicht zu diesem radikalen Wechsel in der Atompolitik der Bundesregierung gekommen. Daran sieht man, von welchen Zeiträumen wir hier sprechen, bis es zu einer Umsetzung der Ziele kommen kann.

Sie haben für Ihr Forschungsprojekt viele Protestveranstaltungen besucht und untersucht. Welches hat Sie besonders beeindruckt?

Betz: Ich fand eine Aktion im Mai 2014 in Berlin besonders bemerkenswert: „Die Energiewende nicht kentern lassen!“ 20 000 Menschen säumten damals den Spreebogen vor dem Hauptbahnhof. 400 Boote fuhren aus dem Humboldthafen auf den Spreebogen ein, zum Teil bunt geschmückt. Das war tatsächlich ein großes Erlebnis, aber auch mehr: Danach zogen alle Teilnehmer in einer klassischen Demonstration zur CDU-Zentrale, wo es eine Kundgebung gab. Insgesamt war das eine sehr moderne Mischung aus Inhalten und Schauwerten, die ein Wir-Gefühl begründeten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert