Sonntags um sechs beginnt das Feilschen

Von: Rolf Minderjahn
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Die Kathedrale und die Ambiorix-Statue im belgischen Tongeren. Foto: stock/Alimdi
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Für Antiquitäten- und Trödelfans gibt es in der belgischen Stadt 15 Kilometer westlich von Maastricht draußen und drinnen viele Möglichkeiten, etwas zu finden. Foto: Minderjahn
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Von Trödel-Kitsch über echte Schmuckstücke: Hier lässt sich alles finden. Foto: Minderjahn

Tongeren. Tongeren: Im Zentrum der Stadt lässt der typisch belgische Zeitvertreib mit seinem Kosmos des Feilschens und der Eitelkeiten aus zweiter Hand eine lebendige Atmosphäre entstehen. Da stehen die Ikonen auf dem Asphalt, liegen „alte Meister“ auf löchrigen Decken, werden Pappkartons zu Wühlkisten und Schatztruhen umfunktioniert.

Antike Möbelstücke jeglicher Couleur sind quer über die Bürgersteige geparkt, wertvoll wirkende Kommoden, Garderoben, Tische und Stühle voller Schnitzwerk und kunstvolle Verzierungen, den Gehweg kann man kaum noch als solchen erkennen. Schrulliges und Schönes, Krempel und Kunst, Puppen und Porzellan teilen sich den Platz auf der Meile des glücklichen Fachsimpelns.

Die angebotenen Gegenstände an den Ständen sind oft alles andere als Ramschware, das wissen die Besucher seit Jahrzehnten zu schätzen. Im altehrwürdigen Café Poorthuis versammeln sich Aussteller wie Besucher, halten ein Schwätzchen und stimmen sich auf einen interessanten Tag ein. Es geht geschäftig zu in dem Café am Moerenpoort, dem einzig erhaltenen mittelalterlichen Stadttor der ältesten Stadt Belgiens.

Lautes Stimmengewirr an den gemütlichen Tischen, im Sommer auch draußen, und das schon früh am Sonntagmorgen. Hier beginnen viele den Trödelsonntag in Tongeren und lassen ihn hier auch ausklingen. Es wird berichtet von sensationellen Schnäppchen, enttäuschenden Fehlkäufen oder dem lang ersehnten Traum einer antiken Kommode. Oder man fachsimpelt und diskutiert das Aktuellste aus der Händlerszene, spricht über neue Standnachbarn.

Da ist das quirlige Leben rund um den größten Antik-und Trödelmarkt der Benelux-Länder in Cafés und Kneipen, das Relaxen auf den Terrassen bei Abteibier, Kaffee und Genever, Waffeln, Kuchen oder Muscheln mit Pommes. Laissez-faire und typische Lebensart eben, auch das macht den Reiz eines Besuches in Tongeren aus.

Die ersten Stammkunden und Neugierige haben bereits ihren Bummel weit vor zehn Uhr morgens beendet. Gegen sechs Uhr geht es schon los, wenn die ersten mit Taschenlampen ausgerüstet auf Schnäppchentour gehen. „Das sind vor allem diejenigen, die ganz gezielt spezielle Dinge suchen“, weiß Stephane Nijssen vom Verkehrsamt in Tongeren, ein ausgesprochener Kenner des Marktes.

Glück muss man haben, sehr früh auf den Beinen sein und gut feilschen können. Zeit ist wichtig, denn es gibt theoretisch immerhin an die 350 Aussteller abzuklappern, an der ehemaligen Stadtmauer, dem Leopoldwall entlang, über die Clarissenstraße, den Veemarkt, den Hospitalplatz, die de Schiervelstraat und in der Eburonenhalle.

Und nicht nur das. Über 40 sind sozusagen Indoor-Händler, 25 von ihnen haben nicht nur zum sonntäglichen Markt geöffnet, sondern bedienen auch unter der Woche eine oft elitäre Klientel. Einige Geschäfte sind so edel ausgestattet, dass man sich in die prätentiöse Rue de Rivoli mit den nobelsten Antik-Adressen von Paris versetzt fühlt.

„Und gerade das macht den Unterschied zwischen Tongeren und herkömmlichen Flohmärkten aus“, sagt Stephane Nijssen. Den unmöglichsten Kitsch findet man genauso wie atemberaubende Kunstgegenstände und Möbel vom Allerfeinsten.

In Tongeren geht es eher gemächlich zu. Man hat Zeit zum Schauen und Stöbern, zum Kaffee trinken, und schließlich will auch noch ausgiebig gehandelt werden. Ein wenig Hektik kommt höchstens auf, wenn gegen 13 Uhr die Händler die obligatorischen blau-gelben Bananenkisten herausholen und beginnen, die übriggebliebenen Preziosen wieder in den Transportmitteln zu verstauen.

Seit fast 40 Jahren gibt es diesen Markt. Wer ihn ins Leben rief, auch das ist eher Legende als Geheimnis. Am Anfang standen 1976 die Treffen von Einheimischen wie Guy Wouters und Gleichgesinnten im immer noch bestehenden Café Rembrandt, bei denen ihnen die kurios anmutende Idee kam, überflüssigen Hausrat einfach auf dem Platz zu verscherbeln.

Heute ist der Markt international und multikulturell. Man vernimmt zunehmend Russisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, sieht Asiaten an den Ständen gestikulieren. Englische Travel Operator schicken ganze Busladungen von Touristen über den Ärmelkanal. „Im Jahresdurchschnitt sind es 5000 bis 7000 Besucher“, sagt Stephane Nijssen. Bei schönem Wetter kommen auch schon mal weit über 10.000 Trödelfans sonntags nach Tongeren.

Aduatuca Tungrorum wurde Tongeren von den Römern genannt. Vom zweiten bis vierten Jahrhundert war es ein prosperierendes Handelszentrum an einem Kreuzungspunkt der Straßen nach Maastricht, Köln, Bavay, Nijmegen und Doornik. Aus dem zweiten und vierten Jahrhundert stammen auch die ersten Stadtbefestigungen.

Heute ist Tongeren eine beliebte Einkaufsstadt mit vielen geschichtlichen Sehenswürdigkeiten. Der Beginenhof steht seit 1998 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Legendär ist Ambiorix, der König der Eburonen, der den Aufstand gegen die Römer anführte. Berühmt wurde er durch seinen Sieg gegen Caesar 54 v. Chr., die verheerendste Niederlage der Römer während des gesamten Gallischen Krieges.

Die „Meilensteinroute“ mit drei Routenvarianten führt die Besucher auf die historischen und kulturgeschichtlichen Spuren Tongerens und seines Helden.

Kulturelle Höhepunkte in Tongeren

Wer möchte und entsprechend Zeit einplant, sollte sich die kulturellen Höhepunkte in Tongeren nicht entgehen lassen, allen voran die gotische Basilika mit den phänomenalen Picard-Orgeln und Ausgrabungen, den berühmten Beginenhof und die geschichtsträchtige 4,5 Kilometer lange Ambiorix-Route.

Seit der Wiedereröffnung des Gallo-Römischen-Museums im Jahr 2009 wurden ehrgeizige Ziele in Angriff genommen. „Wir wollten das beste und größte Museum dieser Art in Belgien werden und uns einen Spitzenplatz in der Rangliste der europäischen archäologischen Museen erobern“, erklärt die Direktorin Carmen Willems.

Sie deutet auf die großen silbernen Lettern in Griechisch an der Museumswand, Worte des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel: „Alles, was geschieht, ist eine Folge dessen, was geschah.“ „Dieses Motto“, erklärt sie weiter, „ist für uns und unsere Arbeit wie auch für die Konzeption des neuen Hauses Inspiration und Philosophie zugleich.“ In der Tat erhielt das Gallo-Römische Museum Tongeren 2011 die begehrte Auszeichnung „European Museum of the year“.

Das Haus macht die faszinierende Welt einer fernen Vergangenheit für jedermann zugänglich. Auf der beeindruckenden Fläche von rund 12.000 Quadratmetern sind etwa 2200 Objekte in großen und offenen Räumen ausgestellt. Verschiedene Medien und Animationen, interaktive Anwendungen und lebensechte Figuren sind die Protagonisten.

„Das Publikum und seine unterschiedlichen Interessen und Kenntnisse stehen immer im Blickpunkt. Anhand von Umfragen ermitteln wir, was die Leute von einem Museum dieser Art erwarten, wie sie die Ausstellungen erleben“, sagt Carmen Willems.

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