Köln - Sonntag, 18 Uhr, die genaue Prognose: Wie klappt das?

Sonntag, 18 Uhr, die genaue Prognose: Wie klappt das?

Von: Peter Pappert
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Jörg Schönenborn an einem Wahlabend vor den Monitoren mit den aktuellen Zahlen: „Es ist jedes Mal spannend“, sagt er mit Blick auf den 24. September. „Das Spannendste ist, die Ergebnisse am Abend zu erklären.“ imago/Sven Simon

Köln. Deutschland starrt auf Umfrage-Ergebnisse. In der öffentlichen Wahrnehmung stoßen sie auf mehr Aufmerksamkeit als die Wahlprogramme der Parteien. Gleichzeitig wird der Demoskopie immer wieder und erst recht nach den Landtagswahlen im Frühjahr dieses Jahres vorgeworfen, ihre Ergebnisse seien zu oft unzuverlässig.

Manche Sozialdemokraten haben sogar den Eindruck, die SPD und ihr Spitzenkandidat Martin Schulz würden in den Abgrund „demoskopiert“. Jörg Schönenborn widerspricht: „Wir stellen Transparenz her; wir erfinden keine Zahlen oder Bewertungen. Wir spiegeln die Werturteile der Bevölkerung wider.“

Schönenborn hat die Demoskopie, die es im Fernsehen auch früher schon gab, populär gemacht. Viele Zuschauer verbinden den Wahlabend mit seinem Gesicht; das wird am 24. September nicht anders sein. Der 53-Jährige ist Fernsehdirektor des WDR; in dieser Funktion verantwortet er „alles, was der WDR im Fernsehen macht“.

Das heißt: ein Viertel des ARD-Programms, den Sender One, Beiträge für Arte, 3Sat, Phoenix und andere. Er kümmert sich um Inhalte, Personal und Finanzen. Seit 2014 ist Schönenborn in diesem Amt; den „ARD-Deutschlandtrend“ von Infratest-Dimap präsentiert seitdem WDR-Redakteurin Ellen Ehni. Den Wahltag und Wahlabend mit der berühmten 18-Uhr-Prognose und den ersten Interpretationen des Wahlergebnisses behält sich der Chef aber weiterhin vor.

Missverstandene Sonntagsfrage

Ist Demoskopie eine Art Krücke, um Menschen überhaupt auf Politik aufmerksam zu machen? Schönenborn nennt sie „eine Entscheidungs- und Diskussionshilfe“, um die eigene Meinung und Erfahrung mit denen anderer zu vergleichen. „Politische Meinungsforschung bietet die Möglichkeit, festzustellen, ob ich im Mainstream liege oder eher alleine stehe mit meiner Einschätzung. Und wenn ich vor einer Wahl feststelle, dass Niedriglohn nicht nur für mich ein großes Problem ist, sondern für eine Mehrheit der Wahlberechtigten, hilft mir das; dann wird das ein Entscheidungskriterium.“

Will die ARD mit ihrem „Deutschlandtrend“ also Politik beeinflussen? „Nein“, sagt Schönenborn, „wir wollen sie rationalisieren. Wir wollen sie möglichst sachlich ausdrücken. Es ist möglich, die Beliebtheit von Frau Merkel in Zahlen auszudrücken und mit der von Herrn Schulz zu vergleichen. Alles, was Politiker, Parteien und Medien sagen, hat Einfluss. Wir wollen das objektiver machen.“ Die meisten Umfragen, die Parteien selbst in Auftrag geben, werden gar nicht veröffentlicht. Schönenborn sieht die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender darin, auch der Bevölkerung solche Informationen zu geben, über die Regierungen verfügen und die sie zur Handlungsgrundlage ihrer Politik machen.

Ein Grundproblem werden die Meinungsforschungsinstitute nie los: Zwar betonen sie bei jedem Ergebnis der sogenannten Sonntagsfrage, es handele sich um ein aktuelles Stimmungsbild und keine Vorhersage, aber in Politik, Medien und Gesellschaft wird es häufig als Prognose des Wahlergebnisses interpretiert, was es ausdrücklich nicht ist. „Das ist ein Phänomen, vor dem ich nicht kapitulieren möchte, bei dem ich aber die Hoffnung aufgegeben habe. Auch viele Journalisten sprechen und schreiben oft von Prognosen.“ Auch das ist ein Grund dafür, dass die ARD zehn Tage vor der Wahl keine Umfrage-Ergebnisse mehr veröffentlicht.

Infratest-Dimap fragt nach Schönenborns Aussage in der Regel rund tausend Menschen – 70 Prozent übers Festnetz und 30 Prozent über das Handy. „Einen Teil der jüngeren Wählerschaft erreichen Sie übers Festnetz gar nicht mehr.“ Das Ganze ist computergesteuert nach einem System, „das alle logischen Telefonnummern berücksichtigt“. Befragt werde bei einem Festnetz-Anruf dann nicht immer derjenige, der ans Telefon geht, sondern das Institut fragt nach der Person, die als nächstes Geburtstag hat, um sie zu befragen. Ziel des Verfahrens ist, einen – nach Alter, Geschlecht, Wohnort, Einkommensgruppe, Bildungsgrad, Beruf – repräsentativen Querschnitt der Wahlberechtigten zu erreichen.

Schließlich wird gewichtet: „Wenn Sie zu viele Befragte aus Bayern haben und zu wenige aus Norddeutschland, wird das Gewicht der Antworten aus Bayern etwas gesenkt“, erläutert Schönenborn das komplizierte mathematische Verfahren, das sich über viele Jahre entwickelt und bewährt habe. Wenn die ARD den „Deutschlandtrend“ oder die Prognose am Wahlabend sendet, ist man dort sicher, ein repräsentatives Ergebnis zu verkünden – „mit den möglichen statistischen Abweichungen, die im Bereich von 50 Prozent rund +/- drei Prozentpunkte betragen und im Bereich von 5 Prozent entsprechend weniger“.

Spät Entschlossene

Viel kleiner ist die Fehlermarge, wenn Schönenborn am 24. September um Punkt 18 Uhr in der ARD die Prognose bekannt gibt. Das liegt an der wesentlich breiteren und differenzierteren Grundlage, auf der sie beruht. Infratest-Dimap führt für diese 18-Uhr-Prognose während des Wahltages 100000 Interviews in bundesweit 624 ausgesuchten Wahllokalen. Grundbedingung für eine repräsentativ zuverlässige Prognose sei, dass das Ergebnis der letzten Bundestagswahl exakt mit der Summe der Ergebnisse aus eben diesen 400 Wahllokalen vom Jahr 2013 übereinstimmt.

Die Anfragen von Infratest können die angeschriebenen kommunalen Wahlleiter selbstverständlich auch ablehnen; das kommt aber nur selten vor. In jedem dieser 624 Wahllokale fragt ein Infratest-Mitarbeiter jene, die gewählt haben, ob sie bereit sind, in einer separaten Kabine einen Fragebogen auszufüllen, auf dem die Stimmabgabe wiederholt und weitere Fragen zur Person und zum Wahlverhalten beantwortet werden sollen. Ganz wichtig sei dabei die Frage „Was haben Sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt?“, sagt Schönenborn. „Daraus ergeben sich am Wahlabend auch unsere Aussagen zur Wählerwanderung.“ Diese Fragebögen werden in einer separaten Urne von Infratest gesammelt, die stündlich geleert wird, um die Ergebnisse zu scannen und in ein zentrales Computersystem einzugeben.

Die Zahlen der 18-Uhr-Prognose liegen Schönenborn zwischen 17 und 17.58 Uhr vor und sind – wie im ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen – regelmäßig erstaunlich nahe an den kurz darauf folgenden Hochrechnungen und dem tatsächlichen Endergebnis. „Wir haben da eine Qualität erreicht, die es in kaum einem anderen Land gibt. Ehrlich gesagt hat das auch damit zu tun, dass es zwei öffentlich-rechtliche Sender gibt, die im Qualitätswettbewerb miteinander stehen.“ Die Wahltagsbefragungen beider Sender sind einerseits teuer, andererseits stehen ihre Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung.

Ein wachsender Prozentsatz der Wahlberechtigten entscheidet sich angeblich erst sehr spät; Schönenborn geht da von einem guten Drittel der Wahlberechtigten aus. Die Arbeit der Meinungsforscher wird dadurch nicht einfacher. „In Nordrhein-Westfalen gab es im Mai in den allerletzten Tagen ganz viele Einzelentscheidungen zugunsten der CDU.“ Hinzu kommt, dass mit dem Auftauchen einer neuen Partei wie der AfD die zum Teil jahrzehntelangen Erfahrungswerte neu gewichtet werden müssen – ein kompliziertes Verfahren für Demoskopie-Wissenschaftler. „Da sind am Wahltag bis zu 30.000 Rechenschritte nötig, um eine verlässliche Prognose zu erhalten“, sagt Schönenborn.

Dass die Wähler lieber auf Umfrage-Ergebnisse schauen als in Parteiprogramme, bestreitet Schönenborn nicht. „Das gilt aber auch für die Parteien. Sie richten ihr Handeln auch mehr nach demoskopischen Erhebungen aus als nach Programmen“ – also doch ein klarer Beleg dafür, wie stark Umfragen Wahlkämpfe beeinflussen können. Auch als politischer Journalist findet Schönenborn das nicht ehrenrührig: „Es geht um einen demokratischen Wettkampf. Der Politiker will, um gewählt zu werden, auch eine Politik machen, die möglichst vielen Menschen gefällt. Es ist nicht illegitim, sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung zu richten.“

Eigene Alltagserfahrungen

Der Fernsehjournalist empfiehlt, Wahlprogramme nicht überzubewerten. „Die sind Diskussionsergebnis eines Parteitags und häufig nicht die Leitlinie des tatsächlichen politischen Handelns, das zumal von aktuellen Erfordernissen und Koalitionsabsprachen abhängt.“ Grundlegend für die Wahlentscheidung sind nach Schönenborns Überzeugung vielmehr persönliche Alltagserfahrungen, der eigene Blick auf die Gesellschaft und das Maß an Vertrauen in einzelne maßgebliche Politiker. „Wenn dann noch Unsicherheit bleibt, bin ich auch bereit, darauf zu achten, was andere denken. Letztlich entspringt die Wahlentscheidung der eigenen politischen Grundentscheidung: Will ich weiter so oder grundlegende Veränderung?“

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