Soldatenfriedhof: 32.000 Kreuze aus grauem Stein

Von: Udo Kals
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Lebendige Trauer, mehr als 67
Lebendige Trauer, mehr als 67 Jahre nach Kriegsende: Kreuze auf dem Soldatenfriedhof in Ysselsteyn. Foto: Udo Kals

Ysselsteyn. Rund um den Obergefreiten Wilhelm Vogel und den Hauptmann Hans-Albrecht von Plüskow liegen unzählige Geschichten begraben. Hunderte. Tausende. Zehntausende gar. Etwa die von Josef Meijer, der im Jahr 1945 nur einen Tag leben durfte.

Oder die eines unbekannten deutschen Soldaten, dessen frühere Verlobte lange Zeit Jahr für Jahr aus Amsterdam zum deutschen Soldatenfriedhof nach Ysselsteyn kam, um am Grab ihres Verlobten weiße Nelken abzulegen. „Aus diesen Blumen sollte auch ihr Brautstrauß gesteckt sein”, erzählt Tarcicia Voigt. Die Niederländerin betreut mit ihrem deutschen Ehemann Karl-Heinz den Friedhof und die angeschlossene Jugendbegegnungsstätte (JBS).

Er als Chef der Gärtner, sie als Leiterin der Begegnungsstätte. Und sie erzählt: „Der Hochzeitstermin war vereinbart. Doch geheiratet haben sie nie. Der Mann fiel noch vor der Hochzeit. Und so kam die Frau bis vor kurzem an ihrem ursprünglich geplanten Hochzeitstermin zu uns.” Jetzt, mehr als 67 Jahre nach Kriegsende, kommt nun auch die Frau nicht mehr.

Der Kies knirscht unter den Schuhen, ein Rasenmäher und flüchtige Gespräche von Besuchern unterbrechen kurz die Ruhe, die die Toten auf dem einzigen deutschen Soldatenfriedhof in den Niederlanden umgibt. Und ein Glockenspiel erklingt, alle halbe Stunde zwischen 9 und 17 Uhr. Seit 1960 ertönt die Melodie und verliert sich in den Weiten des Parks, der in der Gemeinde Venray bei Venlo gelegen ist.

Kreuz an Kreuz aus grauem Naturstein reiht sich aneinander. Mehr als 32 000, die sich in Reih und Glied an das sanft hügelige Gelände anschmiegen und dem rund 28 Hektar großen Areal ein geometrisches Muster geben. Mit weißer Farbe sind Namen, Dienstgrade sowie Geburts- und Sterbedaten der Soldaten - soweit bekannt - auf die Steine aufgetragen.

85 Kreuze stehen für im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten, die anderen rund 32 000 für einige deutsche Zivilisten und für sehr viele in den Niederlanden getötete Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg die deutsche Uniform trugen. Sie kamen aus der Aachener Region, aus Deutschland, aus anderen europäischen Staaten. Auch heute kommen noch Kreuze hinzu, wenn sterbliche Überreste oder Dienstmarken von Soldaten bei Bauarbeiten gefunden werden. Rund ein Dutzend waren es 2011.

Der Friedhof wurde 1946 nahe der deutschen Grenze angelegt. Das Areal inmitten einer unwirtlichen Moor- und Heidelandschaft zieht heute noch jährlich rund 20 000 Angehörige und Touristen an. Die direkt angrenzende Jugendbegegnungsstätte feierte jüngst ihr 30-jähriges Bestehen.

„Was 1982 in Ysselsteyn als Pilotprojekt begonnen hat, hat sich zu einer tollen Geschichte entwickelt”, sagt Wolfgang Held vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Die ursprüngliche Idee, in der Nähe des Soldatenfriedhofes Jugendbegegnungen zu organisieren, griff der Volksbund auf. Aus dem Zeltlager wurden schlichte Holzhäuser. 6000 Übernachtungen pro Jahr zählt Voigt im JBS, dabei kommen 50 bis 60 Prozent der Besucher aus NRW.

Das Wichtige ist: „Das Interesse lässt nicht nach”, sagt die 58-Jährige, die die pädagogische Arbeit verantwortet. Heute hat der Volksbund aufgrund der positiven Erfahrungen drei weitere Begegnungsstätten eingerichtet, unter anderem im belgischen Lommel - und das in Ysselsteyn präsentiert sich inzwischen als moderne Bildungseinrichtung mit rustikalem Ambiente.

Noch können Augenzeugen von dem Unfassbaren berichten, das sich während der Nazi-Diktatur zugetragen hat. Doch die Überlebenden sterben aus. Und nicht nur das. „Für viele Menschen, vor allem für die Jugendlichen, ist der Zweite Weltkrieg weit weg, ab­strakt. Daher müssen wir für unsere Friedenserziehung neue Wege gehen.” An aktuellem Anschauungsmaterial fehlt es ihr nicht, so bitter dies ist. Ob Balkan-Kriege, Syrien, Bilder von Kindersoldaten: „Diese Themen sind den Jugendlichen viel näher”, sagt Tarcicia Voigt.

An diesem Tag sind zwei Gruppen - eine aus Dortmund, eine aus dem niederländischen Helmond - im JBS einquartiert. Während die Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums aus Fotos und Texten die Lebensläufe gefallener Soldaten rekonstruieren, toben Jugendliche der niederländischen Gruppe Troubadour auf dem Sportplatz.

Tagsüber widmen sich die jungen Leute ihren Aufgaben, abends lernen sie sich kennen. Ein typischer Tag inzwischen in Ysselsteyn. „Mit den Jahren haben auch die Niederländer das Begegnungszentrum für sich entdeckt”, freut sich Voigt. Schließlich waren die niederländisch-deutschen Beziehungen über Jahrzehnte hinweg problematisch. Für manchen sind sie es vielleicht noch heute.

Das Anderssein akzeptieren

Dabei ist die Motivation für einen JBS-Besuch unterschiedlich. Ob Toleranzprobleme in einer Klasse, der Geschichtsunterricht zum Thema Zweiter Weltkrieg oder politische Themen wie Vertreibung und Terror - Voigt schnürt für jedes pädagogische Ziel ein Paket zurecht. „Die Jugendlichen lernen, was Frieden und die Anerkennung des Anderssein bedeuten, auch für das Zusammenleben in der Schule. Und sie können lernen, was Kriege und Konflikte auslöst und wie man die Auseinandersetzung verhindern kann.”

Die Arbeit an den Gräbern bleibt dabei zentraler Bestandteil. So werde der Friedhof nicht nur als Gedenkstätte für folgende Generationen erhalten, die Jugendlichen werden auch unmittelbar mit den Konsequenzen des Krieges konfrontiert. Voigt: „Wenn ich den Jugendlichen erzähle, dass die 32 000 Kreuze nur ein Bruchteil aller Weltkriegsopfer sind, erhalten unsere Aktivitäten noch mehr Gewicht.”

Was bleibt? „Ich weiß nicht, was die Jugendlichen mit nach Hause nehmen”, sagt Voigt: „Ich hoffe aber, dass sie viel für ihr Leben gelernt haben.”
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