Stolberg/Berlin - Soldat und Bürger: Gespanntes Verhältnis?

Soldat und Bürger: Gespanntes Verhältnis?

Von: Johannes Mohren
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Soldaten der Gebirgsjägerbrigarde 23 bei einer Übung in den Alpen: Der damalige Bundespräsident Horst Köhler sagte 2005, dass die Deutschen der Bundeswehr mit „freundlichem Desinteresse“ begegne. Für viele Soldaten ist das ein Problem. Foto: stock/PPfotodesign

Stolberg/Berlin. Heiko Biehl ist Soziologe, Fachgebiet Militär. Zuletzt hat er einen Vortrag gehalten: „Zwischen freundlichem Desinteresse und der Gier nach Anerkennung – Bundeswehr und Gesellschaft nach dem Ende der Wehrpflicht“. Das Interesse war groß.

 Es ist ein Einblick in den Bereich, der schon seit Jahrzehnten im Zen­trum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam (ZMSBW) intensiv erforscht wird: Das Verhältnis der Zivilgesellschaft zur Bundeswehr. Ein Verhältnis, das nur äußerst schwer greifbar ist.

Ralf Daum bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Der Stolberger erlebt tagtäglich aus persönlicher Perspektive die Welt, die Biehl wissenschaftlich untersucht. Beruflich als Soldat, als Stabsfeldwebel in der Bundeswehr. Privat als Gründer des Netzwerks bw-k.de. Einer Plattform, die das Bild der Soldaten in der Gesellschaft verbessern will – die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für die Anerkennung der Soldaten zu werben. Drei bis vier Stunden ist er jeden Tag neben seinem Beruf für bw-k.de im Einsatz. Und wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, ergibt sich ein Bild abseits der Zahlen. Eines, das ganz unterschiedliche Facetten hat.

Vorbehalte, Unkenntnis

Ein Beispiel: Es ist gar nicht lange her, da war Daum wieder im Einsatz für die Jobbörse von bw-k.de. Er saß am Verhandlungstisch mit einem großen Unternehmen für Tiefkühlkost. Er wollte es dafür gewinnen, Soldaten nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr einzustellen – nicht in irgendeiner Position, sondern gemäß ihrer Qualifikation. Ein Ziel, von dem er überzeugt ist – aber die Unternehmer erst mühsam überzeugen muss.

„Vielen ist nicht klar, dass jemand, der in der Bundeswehr Zugführer war, in der zivilen Wirtschaft ein Abteilungsleiter ist. Ein Goldstück, hoch qualifiziert und teamfähig“, sagt Daum. Stattdessen sind es vor allem Vorbehalte, die er aus den Gesprächen kennt – und Unkenntnis. „Ich muss oft darüber sprechen, was ein Soldat überhaupt macht. Zum Beispiel, dass wir in der Bundeswehr ganz normale Köche, Ingenieure oder Mediziner ausbilden“, sagt er. Wenn das einmal klar sei, „werden die Unternehmen offener. Und wenn wir einen Soldaten an sie vermittelt haben, fragen sie oft, ob sie nicht fünf weitere haben können.“

Dass eine solche Überzeugungsarbeit nötig ist, würde man mit einem Blick auf empirische Daten zum Verhältnis von Bundeswehr und Zivilgesellschaft nicht vermuten. Heiko Biehl vom ZMSBW in Potsdam erhebt diese Daten: Die Untersuchungen malen ein Bild der breiten gesellschaftlichen Unterstützung der deutschen Soldaten: 83 Prozent – so die aktuellen Erhebungen aus dem Jahr 2012 – vertrauen der Bundeswehr. „Mehr Zustimmung gibt es doch in einer Demokratie eigentlich kaum“, sagt Biehl.

Und kann nachlegen: Von 16 Institutionen taucht die Bundeswehr auf dem dritten Platz auf, lediglich Polizei und öffentliche Schulen schneiden besser ab. Die Bundesregierung folgt erst auf Platz zwölf. Drei Viertel der Befragten geben in der Umfrage an, persönlich positiv gegenüber der Bundeswehr eingestellt zu sein. Hinzu komme eine nachweisliche aktive Unterstützung der Soldaten: 30 Prozent der Befragten gaben 2009 in einer Untersuchung an, in einem Zeitraum von zwölf Monaten die Bundeswehr unterstützt zu haben – lediglich zehn Prozent handelten oder äußerten sich im gleichen Zeitraum ablehnend.

Eine klare Aussage. Eigentlich zumindest. Denn die Soldaten empfinden das Verhältnis anders. Sie sind die Menschen, bei denen Zahlen und Empirie nicht reichen, sondern persönliche Betroffenheit und Gefühle ins Spiel kommen. „Da gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Untersuchungen ergeben und dem, was die Soldaten spüren“, sagt Biehl. Eine „verzerrte Wahrnehmung“, die für den Militärsoziologen der ganz entscheidende Punkt ist. Der misslungene Transport der Außenwahrnehmung in die Köpfe der Soldaten: Diese nähmen eher „freundliches Desinteresse“ wahr. Ein Zitat des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler von 2005 – und seitdem oft zitierter Bestandteil der Debatte.

Ursachen seien schwer zu benennen – eine sei jedoch offensichtlich: „Die Auslandseinsätze sehen viele Leute distanziert oder lehnen sie offen ab, besonders wenn sie kriegerisch sind.“ Doch während es in der Gesellschaft ein differenziertes Meinungsbild gebe, das zwischen dem Ja zur Armee und dem Nein zu den Einsätzen unterscheide, werde das bei den Soldaten oft vermengt: „Sie fassen das zum Teil als Ablehnung ihrer selbst auf. Natürlich ist es nicht schön, in einem Einsatz sein Leben zu riskieren, der gesellschaftlich abgelehnt wird. Da ist es die Aufgabe der Politik, Verständnis einzuwerben.“

Wie steht es also um die aktive Unterstützung der Soldaten? Ist die Gesellschaft letztlich doch desinteressiert – und nicht informiert? Daums Erfahrungen bei Unternehmen vermitteln den Anschein. Doch er schränkt ein. Die Arbeit von bw-k.de und vielen anderen habe Erfolg. Was die gesellschaftliche Akzeptanz betreffe, spüre er eine positive Veränderung. Wenn er darüber spricht, merkt man ihm seine Freude an, selbst bei der knarzenden Telefonverbindung auf der Autobahn. Daum ist auf dem Weg nach Holzminden, zu seiner neuen Einheit. Nach über 20 Jahren in der Truppenschule in Aachen. 300 Kilometer entfernt ist er in den nächsten Jahren von seiner Familie in Stolberg – ein Abschied, wie er ihn schon häufig erlebt hat. Da tut der gefühlte gesellschaftliche Wandel besonders gut.

Sichtbar sei diese Entwicklung etwa beim Soldatentag, dem Event, den die Bundeswehr-Kameradschaft ausrichtet. Dort treffen Soldaten und Zivilgesellschaft aufeinander – und der Ton sei über die letzten Jahre ein anderer geworden: „Es wird kaum noch gepöbelt, den Spruch ‚Soldaten sind Mörder’ habe ich fast nicht mehr gehört. Stattdessen wurden Soldaten gefragt, wie es ihnen geht.“

Auch die Politik sei inzwischen vertreten. Es seien diese kleinen Gesten und netten Worte, die für die Soldaten so viel bedeuteten. „Wir bekommen Geld vom Staat, aber der wahre Lohn ist ein Schulterklopfen. Das ist Gänsehaut-Feeling, weil wir für die Menschen einstehen. Dafür lassen wir die Familie für einen Auslandseinsatz alleine und dafür verlieren wir im schlimmsten Fall Kameraden.“

Durch die Zahlen des ZMSBW lässt sich dieser gefühlte Wandel Daums nicht belegen. Sie sind schon immer gut, seit sie erhoben werden – seit nunmehr zwei Jahrzehnten. Es ist wohl eher eine Annäherung, die stattfindet. Von Zahlen und Gefühl. Von Empirie und persönlichem Empfinden der Soldaten. Der Prozess schmelzender Diskrepanz der Wahrnehmungen. Ein Prozess, der gute Chancen auf Fortsetzung hat. Denn Biehl geht davon aus, dass die Zustimmungswerte aus der Zivilgesellschaft weiter hoch bleiben – trotz neuer Entwicklungen.

Die Vermutung, die Bundeswehr könne sich etwa durch die Abschaffung der Wehrpflicht aus der Mitte der Gesellschaft entfernen, teilt der Militärsoziologe nicht. „Klare Erkenntnisse haben wir da noch nicht – so etwas braucht immer eine Zeit, ehe es sich in Statistiken wiederfindet. Aber da gibt es eher keinen systematischen Zusammenhang.“ Die Wehrpflicht sei nur ein Kanal, die Bundeswehr der Gesellschaft näherzubringen, Präsenz in den Medien sei etwa ein deutlich bedeutenderer Aspekt.

Daums Vision

Und auch Daum sorgt mit bw-k.de für Präsenz – und wird das von seinem neuen Arbeitsplatz in Holzminden aus auch weiterhin tun. Gefragt nach seiner Vision, überlegt er kurz. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass den Lkw vor mir gerade ein ehemaliger Soldat steuert. Viele machen das, weil wir die Führerscheine haben“, sagt er. Dann folgen Worte, die seinen Traum greifbar machen.

„Jede Firma, die einen ehemaligen Soldaten beschäftigt, sollte die Gelbe Schleife, das Symbol der gesellschaftlichen Solidarität mit der Bundeswehr, zeigen. Etwa hinten auf dem Lkw. Aus dem Wissen heraus, dass sie von den Soldaten profitiert und als Zeichen dafür, dass sie stolz auf sie sind.“ Ob es so kommen wird oder nicht: Für Daum und viele seiner Kameraden wäre es wohl der Augenblick der überbrückten Diskrepanz – der Weg dorthin wird bereits beschritten.

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