So soll das neue G9 in NRW aussehen

Von: Madeleine Gullert
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Yvonne Gebauer
Möchte zum Abitur nach neun Schuljahren zurückkehren: Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Foto: Federico Gambarini/dpa

Düsseldorf/Aachen. So schnell wie möglich, aber durchdacht. So könnte man das Motto der NRW-Schulministerin bei der Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren wohl zusammenfassen.

Gerade einmal 140 Tage im Amt hat Yvonne Gebauer (FDP) am Dienstag den Referentenentwurf für die Änderung des Schulgesetzes ins Kabinett eingebracht. „Es gab einfach keine Akzeptanz für G8. Ich wünsche mir, dass Frieden in den Schulen einkehrt“, sagte Gebauer am Dienstag bei einem Pressegespräch in Düsseldorf, wo sie Eckpunkte präsentierte.

Schon am Mittwoch sollen die Verbände den Entwurf erhalten, bevor es in den Landtag eingebracht wird. Ziel ist, das Gesetz vor den kommenden Sommerferien zu verabschieden.

Gebauer informierte am Dienstag bei einem Pressegespräch in Düsseldorf über Details zur Abkehr vom umstrittenen „Turbo-Abitur“, nannte aber auch einige fachliche Eckpunkte. So soll beispielsweise die zweite Fremdsprache wieder erst ab der 7.Klasse eingeführt werden.

Mit dem Leitentscheid der neuen schwarz-gelben Landesregierung zur Rückkehr zu G9 wird das Abitur nach neun Jahren der Regelfall in NRW. Es werden Fünft- und Sechstklässler einbezogen, aber keine weiteren Klassen. Die Umstellung beginnt mit dem Schuljahr 2019/20. Allerdings kann es auch danach noch Umwandlungen von G8- in G9-Gymnasien und umgekehrt geben, wie Gebauer erstmals erklärte. „Wenn es zwingende Gründe gibt, kann der Schulträger einschreiten und ein Veto einlegen“, sagte die Ministerin.

Das geschehe auf Grundlage einer Bedürfnisprüfung. Der Schulträger, also die Kommunen, müssten aber schwerwiegende Gründe für eine Ablehnung oder Änderung des Willens der Schulkonferenz benennen, sagte Gebauer. Die Schulen können sich nach 2019 nicht umentscheiden. So geht es weiter:

Wann kehren Schulen zu G9 zurück?

Die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen kehren zum Schuljahr 2019/20 zum Abitur nach neun Jahren zurück. Allerdings nur, wenn der Zeitplan eingehalten wird. In NRW sind mit 20 Prozent im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ viele Schulen in privater – etwa kirchlicher - Trägerschaft. Die Ersatzträger können frei entscheiden, ob sie G8 beibehalten oder G9 anbieten.  

Wie sieht der Fahrplan aus?

Am Mittwoch erhalten die Verbände wie beispielsweise die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft den Referentenentwurf. Sie werden beim Gesetzgebungsverfahren beteiligt. Anfang 2018 soll das Kabinett das „G9-Gesetz“ – es handelt sich um die Änderung des Paragrafen 16 des Schulgesetzes – beschließen. Der NRW-Landtag soll das Gesetz dann vor den Sommerferien 2018 beschließen.


Was macht die Schulkonferenz?

Die Schulkonferenz kann zu Beginn des Schuljahres 2018/19, spätestens aber bis Ende Januar 2019, darüber entscheiden, ob sie zu G9 zurückkehrt oder beim „Turbo-Abitur“ bleibt. Wenn die Schulkonferenz sich nicht mit dem Thema befasst, kehrt die Schule automatisch zu G9 zurück, weil die entsprechende Leitenscheidung der Landesregierung den Regelfall für NRW bestimmt.

Haben Eltern ein Mitspracherecht?

Ja, Eltern und Schüler können mitreden. Die Schulkonferenz besteht zu je einem Drittel aus Schülern, Eltern und Lehrern. Damit keine Gruppe komplett überstimmt werden kann, ist bei der Entscheidung über G8 und G9 eine Mehrheit von zwei Drittel und einer Stimme notwendig.

Ist die Schulkonferenz bindend?

Zunächst einmal ist er das. Allerdings haben die Schulträger ein Vetorecht, wie das Schulministerium am Dienstag mitteilte. In schwerwiegenden Fällen können die Kommunen sogar nach dem Schuljahr 2019/20 eine Umwandlung beantragen. Sollte beispielsweise das einzige Gymnasium in einem kleinen Ort bei G8 bleiben und alle anderen Gymnasien in umliegenden Orten kehrten zu G9 zurück, und wäre dann erkennbar, dass die G8-Schule wegen geringer Anmeldungen gefährdet sei, könne der Schulträger beantragen, dass die Schule zu G9 zurückkehrt.

Eltern, die ihr Kind jetzt am Gymnasium anmelden, wissen nicht, ob ihr Kind G8 oder G9 macht, oder?

Das ist richtig. Alle Fünft- und Sechsklässler ab dem Schuljahr 2019/20 sind von der Umstellung betroffen. Das sind die jetzigen Dritt- und Viertklässler. Eltern von Viertklässlern melden ihr Kind also an einem Gymnasium an, bevor offiziell feststeht, wie die Schulkonferenz entscheiden wird. Die Schulministerin erhofft sich aber, dass die Schulen sich auch im Hinblick auf die Anmeldungen schon ein Bild an ihren Schulen machen, um zumindest eine unverbindliche Einschätzung geben zu können.

Gibt es denn eine Tendenz?

In anderen Bundesländern ist die Mehrheit der Gymnasien zu G9 zurückgekehrt. Damit rechnet Gebauer auch für NRW. Erst diese Woche hatte es eine anonyme Befragung von 150 Schulleitern im Regierungsbezirk Köln gegeben. Dort hatten laut Schulministerin 120 Schulen angegeben, zu G9 zurückkehren zu wollen, lediglich drei wollten bei G8 bleiben, die anderen befänden sich noch in der Findungsphase. „Ein Stimmungsbild können Schulleitungen sicher wiedergeben“, sagte Gebauer.

Warum geht die Rückkehr zu G9 nicht zügiger?

Das Bündnis „G9 jetzt“ sammelt weiterhin Unterschriften für ein Volksbegehren. Die Elterninitiative will so ihre Forderungen durchsetzen, nämlich dass nicht nur die Fünft- und Sechsklässler das längere Abitur machen dürfen, sondern alle Gymnasiasten bis zur neunten Klasse. „Wir sammeln weiter Unterschriften für das Volksbegehren, weil 230.000 Kinder in NRW von der G9-Rückkehr ausgeschlossen werden“, sagte Initiator Marcus Hohenstein.

Auch der Alternative für Deutschland geht die Abkehr vom „Turbo-Abitur“ nicht schnell genug. Die Landeselternschaft, die die Interessen der Eltern in NRW vertritt, stellt sich allerdings einer überhasteten Rückkehr zu G9 entgegen. Man wolle mehr Qualität, das bedeute eine kritische Überprüfung der Lehrpläne, wie der Sprecher der Landeselternschaft, Dieter Cohnen aus Aachen, mitteilte. „So halten wir es, nicht ohne persönliches Bedauern für die nicht miteingeschlossenen Kinder, für wichtiger, dass dieses Projekt der neuen Regierung gut vorbereitet wird“, sagte Cohnen.

Warum kann man nicht wie von der AfD gefordert die Lehrpläne von vor 2005 nehmen?

Die Lehrpläne des alten neunjährigen Abiturs seien veraltet, sagt Gebauer. Die Inhalte müssten angepasst werden: Die FDP-Politikerin legt einen Schwerpunkt auf das Thema Digitales. Seit 2005 habe sich in dem Bereich so viel getan, dass eine neue Ausarbeitung der Lehrpläne dringend notwendig sei. Die Lehrplankommission nehmen Anfang 2018 ihre Arbeit auf, am 1. August soll der neue Lehrplan 2019 in Kraft treten.

Was wird denn geändert inhaltlich?

Inhaltliche Änderungen werden nicht in Gesetzen, sondern in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen geregelt. Gebauer legte am Dienstag aber auch zu der schulfachlichen Ausgestaltung einige Eckpunkte vor. So soll tendenziell die zweite Fremdsprache wie beim alten Abitur wieder erst in der 7. Klasse eingeführt werden. Zurzeit beginnen Schüler damit in der 6. Klasse.

Das müsse laut Gebauer allerdings noch mit den anderen weiterführenden Schulen koordiniert werden, wo die Schüler beispielsweise Französisch auch ab der 6. Klasse lernen. „Nur eine Vereinheitlichung gewährleistet Durchlässigkeit der Schulformen“, sagte Gebauer. Und es ist eben diese Durchlässigkeit, die von Gewerkschaften und Verbänden kritisiert wurde. Wer von der Realschule auf das Gymnasium wechselte, hatte es bei G8 schwerer – auch, weil die Stundenanzahl der Sekundarstufe I sich unterschied.

Auch das soll wieder angepasst werden. Außerdem absolvieren Gymnasiasten nach der zehnten Klasse wie Kinder an anderen Schulformen die Zentrale Abschlussprüfung und erhalten somit wieder den Mittleren Schulabschluss (Mittlere Reife). Das war mit G8 nicht der Fall.

Wie ändert sich die Stundenzahl?

Künftig werden in der Sekundarstufe I, also von Klasse 5 bis 10, 188 Wochenstunden absolviert. Davon sind acht nicht verbindlich. Bei G8 waren es 163 Wochenstunden, von denen fünf nicht verbindlich waren. Diese Zusatzstunden können von Schulen als individuelle Förderstunden genutzt werden. De facto nutzen die meisten Schulen sie aber als zusätzliche Stunden. Das ist erlaubt, im Sinne der Profilierung der Schule in einem Bereich.

Geht man also von der vollen Stundenzahl aus, absolvieren G8-Kinder in der Sekundarstufe im Schnitt 32,6 Schulstunden, beim neuen G9 werden es 31,3 Stunden. Der höhere Unterrichtsumfang soll auch der Stärkung der der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, der ersten Fremdsprache und der „ökonomischen Kompetenzen“ dienen. So soll das Fach Politik zum Fach Politik/Wirtschaft stärker profiliert werden. „In Zukunft streben wir ein eigenständiges Fach Wirtschaft an, dafür müssen aber noch die Lehrer ausgebildet werden“, sagte Gebauer.

Gibt es dann Ganztag oder Halbtag?

Die Schulkonferenzen entscheiden selbst darüber, ob sie einen Ganztags- oder Halbtagsbetrieb durchführen wollen. Von der Stundenzahl ist der Halbtagsbetrieb mit G9 besser realisierbar als im G8. Für die Schulen ist es praktischer, da sie im Halbtag keinen Platz für eine Mensa bereitstellen müssen. Da viele Schulen mit der Einführung von G9 mehr Klassenräume benötigen – in Köln etwa 150 im Jahr 2026/27– ist es auch für Schulen praktischer, auf Räume zur Ganztagsbetreuung zu verzichten.

Und was ist mit G8?

Das Abitur nach acht Jahren soll besser werden. „Natürlich liegt der Fokus gerade auf der Rückkehr zu G9, weil die Zeit drängt, aber schon bald werde ich mich auch der weiteren Unterstützung der G8-Schüler widmen“, sagte Gebauer.

Was soll das alles kosten?

Kosten konnte das Ministerium nicht benennen. Im Sinne des Konnexitätsausgleich werde es für die Kommunen einen pauschalen Ausgleich geben. Man habe für die Einschätzung einen externen Gutachter engagiert.  In jedem Fall werde das Land 2300 zusätzliche Lehrer einstellen müssen.


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