So schlecht ist Grundschulganztag nicht

Von: Nicola Gottfroh
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Die Offene Ganztagsschule ist die dominierende Form in der Region. Symbolfoto: dpa

Region. Nordrhein-Westfalen gehört zu den Schlusslichtern. Wieder einmal, wenn es um die Themenbereiche Schule und Bildung geht. Diesmal wird der Ganztag abgestraft. Bereits Ende April dieses Jahres hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zum Ganztag in Deutschland veröffentlicht.

Von „dramatischen Unterschieden bei den Lernbedingungen“ spricht Dirk Zorn, der gemeinsam mit dem Essener Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm Autor dieser Studie ist. Bei den Öffnungszeiten von Ganztagsschulen erfülle Nordrhein-Westfalen nur Mindeststandards, so das Fazit der Autoren. Die zusätzliche Lernzeit an Ganztagsgrundschulen betrage in Hessen satte 22 Stunden, während sie in Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen bei lediglich acht Stunden liege.

Auch bei der Personalausstattung liegt NRW nach der vergleichenden Analyse der Bertelsmann-Stiftung im Vergleich zu anderen Bundesländern hinten. Das rückt die Chancengleichheit in Sachen Bildung für Nordrhein-Westfalens Schüler in ein denkbar schlechtes Licht.

Allerdings, und das wird erst beim zweiten Blick auf die Studie klar, ist die Situation – zumindest an den Grundschulen NRWs – weniger dramatisch als die Autoren Zorn und Klemm es zunächst vermuten lassen. Die Untersuchung berücksichtige nicht die empirische Realität in NRW, beanstanden Kritiker. Dass sich der Ganztag an deutschen Grundschulen anhand dieser Studie in der Tat schlecht vergleichen lasse, räumt auch Autor Zorn ein.

Denn Fakt ist: Gegenstand der Untersuchungen waren die gebundenen Ganztagsschulen in den 16 Bundesländern der Republik. Dabei handelt es sich um Schulen, in denen der Besuch der Nachmittagsangebote für alle Schüler verpflichtend ist. Realität ist aber auch: Das gebundene Modell ist in Nordrhein-Westfalen nicht in allen Stufen des Bildungssystems das dominierende. Zwar bietet der Löwenanteil der weiterführenden Schulen ab der Sekundarstufe den Ganztag in gebundener Form an.

Doch gerade einmal 0,5 Prozent der Grundschulen mit Ganztagsunterricht in NRW tun dies in der gebundenen, also verpflichtenden Form, erläutert Zorn. „Gebundene Ganztagsgrundschulen sind in der gesamten Bundesrepublik – mit Ausnahme von Bremen – praktisch nicht vorhanden. Die Grundschulen setzen vielmehr auf die nicht verpflichtende Form, die Offene Ganztagsschule (OGS)“, so Dirk Zorn.

Die Offene Ganztagsschule orientiert sich an der klassischen Unterrichtsstruktur der Halbtagsschule und bietet nach dem Unterricht ein zusätzliches Nachmittagsprogramm. Jeweils zu Beginn des Schuljahres entscheiden die Eltern, ob ihre Kinder das Ganztagsangebot wahrnehmen. Die Entscheidung ist dann bindend, und der Nachmittagsunterricht wird zur Pflicht, erklärt Ulla Roder, Schulamtsdirektorin der Städteregion Aachen.

In der Region ist die OGS sogar die ausschließliche Form. Eine gebundene Ganztagsschule gibt es hier nirgendwo – nicht in der Städteregion und nicht in den Kreisen Heinsberg und Düren. In Aachen bieten 34 von 38 Grundschulen einen Offenen Ganztag an, die übrigen vier schließen ihre Türen am Nachmittag ganz.

Dies sei historisch zu begründen, erklärt Zorn. „Die OGS ist aus der Tradition der Schulhorte entstanden. Dabei geht es in erster Linie um eine Betreuung nach der Unterrichtszeit“, sagt er. In der OGS übernähmen oft freie Träger diese Form der Betreuung. Erzieher und Sozialpädagogen, Künstler und Musiker kümmerten sich um die Nachmittagsgestaltung – keine ausgebildeten Lehrkräfte. „Im Idealfall bietet die OGS ein Bildungsangebot, in vielen Fällen ist sie aber eine Verwahranstalt für die Kinder“, kritisiert Zorn.

Hinter der Entscheidung, dennoch den gebundenen Ganztag zum Gegenstand der Studie zu machen, stehe ein pädagogisches Argument, erklärt Zorn auf Nachfrage unserer Zeitung. Der gebundene Ganztag, für alle Schüler verbindlich, biete den Kindern größere Lernchancen und mehr Zeit für die Förderung einzelner Schüler. „Dafür müssen die Länder aber auch bedeutend mehr Geld in die Hand nehmen, um Lehrkräfte für die Nachmittagsstunden zu finanzieren“, erklärt er.

Ganztags-Sparmodell?

Spart NRW etwa an der Bildung der Schüler im Ganztagsbereich? Dass es sich bei der OGS um ein „Ganztags-Sparmodell“ handelt, dem will Schulministerin Sylvia Löhrmann nicht zustimmen: „Die Ganztagsschulen kombinieren verpflichtende und freiwillige Angebote und schaffen so einen strukturierten Ganztag. Besonders erfreulich ist, dass viele Angebote in Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern durchgeführt werden. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Qualitätsentwicklung und zur individuellen Förderung“, erklärt sie.

Ein positives Ergebnis der Studie sei, findet Löhrmann, dass Nordrhein-Westfalen hier „überdurchschnittlich investiert.“ Das Land habe zum dritten Mal die Fördersätze für die OGS erhöht. „Zum 1. Februar und zum 1. August 2015 stieg die Landesförderung jeweils um 1,5 Prozent. Ab dem 1. August dieses Jahres werden die Fördersätze jährlich um drei Prozent erhöht“.

Dass das allein die Lösung ist, glaubt Zorn nicht. Bessere Chancen biete den Schülern der gebundene Ganztag.

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