So klang 2016 in unserer Redaktion (Teil 6)

Von: red
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Wird durch Dauerschleifenbeschallung zum Musikhasser: Marc Heckert.

Aachen. Nasales Wehklagen, trommelfell-zerschredderndes Synthesizer-Gequieke: Im sechsten Teil unseres musikalischen Jahresrückblicks prangert unser Onlineredakteur Marc Heckert, aus beruflichen Gründen zum Dauer-Radiohören gezwungen, seine bestgehassten Nervtöter des Jahres an.

Wassertropfen können wunderbar poetisch sein – oder das menschliche Hirn zu Brei zerlaufen lassen, wenn es ihnen wie bei der chinesischen Foltermethode hilflos ausgeliefert ist. Womit wir beim Thema Musik wären, zu dem ich im Grunde eine freundlich-indifferente Haltung habe. Eigentlich.

Meine Arbeit zwingt mich aber leider, den ganzen Tag Radio zu hören, um keine Nachrichten zu verpassen. Die gängige Programmgestaltung der großen Radiosender, gefühlte 50 Titel in sich ständig wiederholender Dauerschleife zu spielen, hat mich zum musikalischen Grinch werden lassen. Zum Wuthörer. Hier meine ganz persönliche Hassliste 2016:

1. Tim Bendzko - Keine Maschine: Er sei ein Mensch aus Fleisch und Blut, quengelt Herr Bendzko durch die Nase. Oh wäre er doch ein Automat, dann hätte er einen Aus-Schalter und wir müssten sein gepresstes Wehklagen nicht immer und immer wieder miterleiden, „bis zum letzten Atemzug“.

2. Rag 'n' Bone Man - I‘m only human: Das englischsprachige Gegenstück von „Keine Maschine“ und der Beweis, dass britische Songs mindestens so nervig sein können wie deutsche. Man kann sogar den Text des einen Stücks zur Melodie des anderen jammern, „Ich bin doch keine Maschine, don‘t put your blame on me“.

3. David Guetta, Cedric Gervais & Chris Willis - Would I lie to you: „Nanananana, nana, nanananana, would I lie to you?“ So singsangelte mir im Jahre 1992 ein damaliger Bekannter mit einem sehr ekligen Pickel im Gesicht das damals brandneue Original von Charles & Eddie vor. So verabscheute ich das seichte Geträllere schon mehrere Tage, bevor ich das Stück dann selbst zum ersten Mal hörte. 2016 brachte dann der erneute Auf- oder besser Abguss von David Guetta Erinnerungen in mir hoch, die ich längst begraben hoffte. Nanana? Nä!

4. The BossHoss - Jolene: Mit den markanten Stimmlage der beiden Interpreten ein im Grunde durchaus nettes Stückchen. Wenn man es morgens beim Rasieren zum ersten Mal hört. Beim zweiten Mal gegen Mittag noch halbwegs angenehm, bei der dritten Wiederholung am Abend dann nur noch nervig. Ich habe es 2016 rechnerisch zwischen 700 und 900 Mal hören müssen - Jolene, I'm begging of you, please don't take my brain.

5. Sportfreunde Stiller - Sturm und Stille: Zugegeben, gar so oft habe ich dieses Lied nicht erdulden müssen (es gab 2016 also auch Dinge, für die man dankbar sein muss). Aber was wäre eine Hassliste ohne die wohl unmelodiöseste Band zwischen New York, Rio und Rosenheim? Und ihr „Sturm und Stille“ ist so fürchterlich wie jedes andere („Zeit für Gutes“ von derselben Platte zum Beispiel). Eine Gesellschaft, die diesen Sänger nicht von seiner Berufswahl abhalten konnte, hat versagt.

6. Max Giesinger - 80 Millionen: Wie toll wäre es, dachte ich vor etwa zehn Jahren, wenn die Sender mehr deutsche Songs spielen würden. Seit sie es tun, und zwar mit den immer selben zwei, drei Dutzend immer selber Stücke, wünsche ich mir die sel‘gen Zeiten der blinden US-Chart-Abhängigkeit zurück. Das Stück ist im Grunde ganz okay - aber doch nicht drei-, viermal am Tag, Woche für Woche, Monat für Monat! Einzige Hoffnung: Entlassen sie den armen Giesinger endlich aus ihrer Playlist, wenn er irgendwann zum achtzigmillionsten Mal über den Äther gegangen ist?

7. Neiked feat. Dyo - Sexual: Das schon im Normalzustand fies hohe Stimmchen der Interpretin (der schöne Begriff „Sängerin“ verbietet sich in diesem Fall) steigert sich im Refrain zu unerträglichem, synthesizer-verfremdetem Dauerquieken. Prädikat: besonders schmerzhaft. Möglicherweise allerdings geeignet, verstopfte Gehörgänge aufzufräsen.

8. Avicii - Waiting vor Love: Doch es geht noch schlimmer: Die vielleicht trommelfellschredderndste Instrumentalpassage des dritten Jahrtausends überhaupts (und möge sie es bitte bleiben). Ein Lied, das gegen die Genfer Konvention verstößt. Hören und hassen ist eins.

9. Lukas Graham - 7 Years: Endlich, Abwechslung! Hier wird der Nervfaktor weder von der Musik, noch dem stimmlichen Unvermögen des Sängers ausgemacht. Hier ist es der Text. Wer googelt, findet im Internet Scharen verzweifelter Menschen, die alle dieselben Fragen haben: Was will uns der Künstler sagen? Er träumt wie sein Vater vor ihm? Seine Geschichte wurde erzählt vor der Morgensonne? Seine Frau hat ihm Kinder gebracht, damit er ihnen vorsingen kann? Was? Wieso?

10. Sarah Connor - Kommst du mit ihr: Doch es geht noch schlimmer. „Kommst du mit ihr wie mit mir?“ - Frau Connor, bitte! Was wir noch niemals über Sex wissen wollten, hier wird es thematisiert. „Kommt sie mit dir überall hin?“ Bilder, geht aus meinem Kopf! Nichts gegen den Einsatz von Gesangstherapie gegen Beziehungsprobleme, aber doch nicht auf Kosten Millionen unschuldiger Seelen. „Papa, wohin will die Frau im Radio kommen?“ Sie kommt auf alle Fälle in die Hassliste 2016, mein Kind.

So, das musste nach zwölf Monaten Dauerbeschallung mal raus. Oh 2017, du kannst musikalisch eigentlich nur besser werden. Wenn wir nur dasselbe nicht vor einem Jahr auch gedacht hätten...

PS: Nur unter die ehrlosen Erwähnungen schaffte es „Lieblingsmensch“ von Namika: Ein Lied wie die darin erwähnte Plörre von der Tanke - einmal aufgesetzt, völlig überzuckert und dann ewig lange abgestanden. Schalalala, Lieblingsmensch, schalala. Leider aus dem Jahr 2015, deshalb auch hier am falschen Ort. So wie eigentlich immer und überall.

PPS: Und Grönemeyer. Alles von Grönemyer.

Hier geht es zu Marc Heckerts Spotify-Hassliste.

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