So kauft man keine Forschung an der TH

Von: Axel Borrenkott
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„Frontal 21“ vermittelt den Eindruck, dass das Aachener IKA in einem von der Autoindustrie in Auftrag gegebenen Gutachten die Kosten für schadstoffärmere Autos zu hoch berechnet hat. Doch das Gutachten hatte das Bundeswirtschaftsministerium bezahlt. Foto: stock/Bild13
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„Wissenschaft ist nicht teilbar“: Manfred Nettekoven, Kanzler der RWTH. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Erkauft sich die Wirtschaft die gewünschten Ergebnisse, wenn sie zunehmend die Forschung an Hochschulen finanziert? Der nicht unberechtigten Frage ging am Dienstag ein Beitrag des ZDF-Magazins „Frontal 21“ unter anderem am Beispiel des Instituts für Kraftfahrzeuge (IKA) an der RWTH nach. Nun sieht sich die Hochschule unfair behandelt von den Fernsehmachern. Und über Unterstellungen kommt der Beitrag in der Tat nicht hinaus.

„Deutsche Luxuskarossen. PS-starke Spritfresser mit besonders hohem Schadstoffausstoß. Die Hersteller haben ein großes Pro-blem: Ihre Autos liegen weit über den geplanten CO2-Grenzwerten der EU. Gegen diese Pläne macht die Lobby Stimmung. Sie behauptet: Mehr Umweltschutz mache Autos deutlich teurer.“ Unterstützt „wird die Industrie dabei vom Aachener Institut für Kraftfahrzeuge IKA“. So steigt der Beitrag „Gekaufte Wissenschaft? – Firmen finanzieren Hochschulforschung“ ein.

Das Institut gehöre zur staatlichen RWTH, werde aber „zum großen Teil von der Fahrzeugindustrie finanziert“. In der Sendung geht es allerdings allein um das Gutachten „CO2-Reduzierungspotentiale bei Pkw bis 2020“. Und gerade in dem Moment, in dem in Brüssel über schadstoffärmere Autos verhandelt werde, „präsentiert das IKA eine Studie, rechnet vor: Schärfere CO2-Werte machen Autos richtig teuer“. Zitiert wird ein einziger Satz aus dem Gutachten: „Die Endkunden investieren (...) durchschnittlich 1900 Euro in zusätzliche Technologien“.

Freiheit der Forschung?

Das „stimmt nicht“, lässt das ZDF sogleich die Pressesprecherin des ADAC sagen: „Die Studie ist eindeutig irreführend für den Verbraucher“, nach Analysen des Verkehrsclubs liegen die Kosten zwischen 250 und 1650 Euro. Das IKA hatte, so „Frontal 21“ weiter, „hunderte von Euro mehr errechnet, ganz im Sinne der Fahrzeugindustrie. Von der bekommt das IKA 40 Prozent seines Budgets und die Mehrzahl der Forschungsaufträge. Erkauft sich die Wirtschaft die gewünschten Forschungsergebnisse?“

Manfred Nettekoven, der Kanzler der RWTH, beantwortet im Film diese Frage recht gelassen: „Ich glaube, dass wir im Moment nicht in der Situation sind, die uns da in eine große Abhängigkeit von der Industrie bringt. Das kann sich mal ändern.“ Es folgt Bärbel Höhn (Grüne): „Die Studie versucht die Akzeptanz für mehr Energieeffizienz und weniger CO2 zu unterminieren“.

Dass „die Hochschulen immer mehr unter den Einfluss von Unternehmen geraten“ und auf Drittmittel angewiesen sind, beleuchtet der Film an einigen weiteren Beispielen aus anderen Hochschulen und lässt schließlich den Bundestagsabgeordneten Swen Schulz (SPD) sagen: „Die Gefahr, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaft immer weiter gefährdet wird, steigt“, weil die Grundfinanzierung „runtergefahren wird“.

Zweifellos eine berechtigte Sorge um die Freiheit der Forschung. Nur hat jenes CO2-Gutachten eben nicht die Fahrzeugindustrie finanziert, sondern das Bundeswirtschaftsministerium – was aber der Zuschauer nicht erfährt. So hat es die RWTH relativ leicht, die „pauschale Kritik“ der Sendung abzuwehren. „Aus der Industrie kommen rund zehn Prozent der Haushaltsmittel der RWTH, der kleinste Teil davon für Gutachten“, erklärt der Kanzler gegenüber unserer Zeitung. Manfred Nettekoven nennt es „im Übrigen sinnvoll und notwendig, dass wir in einem gewissen Umfang mit der Industrie zusammenarbeiten“. Es diene auch den Absolventen der RWTH bei der Jobsuche sowie der Aktualität von Lehrinhalten.

Unfaire Unterstellung

Vor allem aber sei „die Wissenschaft nicht teilbar. Es wäre ein Fehlverständnis, davon auszugehen, dass es eine industrienahe und eine staatsnahe Mathematik gibt“. Es sei aber „unfair, einer wissenschaftlichen Einrichtung zu unterstellen, sie sei von vornherein gekauft“. Im Übrigen sei dem Institutsleiter, Professor Lutz Eckstein, „nicht die Möglichkeit zu einer Stellungnahme“ gegeben worden. Letztlich habe sich „Frontal 21“ durch einzelne Interessengruppen instrumentalisieren lassen, so der Kanzler.

Der Leiter des IKA betont unserer Zeitung gegenüber, dass „wir sehr stark darauf achten, nicht von einem Autohersteller abhängig zu werden. Mir ist sehr daran gelegen, neutral zu bleiben. Es gibt auch immer wieder Studien von uns, für die wir harsch von der Autoindus­trie kritisiert werden“. Der ADAC hingegen sei „ein Interessenverband und mitnichten neutral“. Der Automobilclub verfolge „das Interesse, Technologie möglichst preisgünstig verkaufen zu können“.

Zum Gutachten selbst sagt Eckstein: „Die für das Bundeswirtschaftsministerium erstellte Studie ist allein deshalb neutral und nicht angreifbar, weil diese mit unterschiedlichen Szenarien arbeitet, die sich in den zugrunde gelegten Annahmen unterscheiden.“ Im Übrigen sei „die Annahme falsch, die Automobilindustrie habe ein einheitliches Interesse an leicht erreichbaren Grenzwerten“.

„Ganz im Sinne der Industrie“

Wir haben den Autor der „Frontal 21“-Sendung gefragt, warum der Beitrag den tatsächlichen Auftraggeber nicht erwähnt. Seine Antwort: „Das IKA wird in beträchtlichem Maß von der Fahrzeugindustrie mitfinanziert. Das in dem Beitrag zitierte Gutachten fällt ‚ganz im Sinne der Fahrzeugindustrie‘ aus. In dem Beitrag wird an keiner Stelle behauptet oder nahegelegt, dass die Industrie in diesem Fall der Auftraggeber war.“ Behauptet in der Tat nicht, aber von der Nahelegung kann sich jeder in der ZDF-Mediathek überzeugen.

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