So ist Technik an der RWTH Geschichte

Von: Thorsten Karbach
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Haben Leonardo da Vincis Arbeiten zum Maschinenbau erstmals aufbereitet: Die Aachener Historiker Thomas Kreft (von links), Ulrich Alertz und Dietrich Lohrmann. Es fehlt Frank Hasters. Die RWTHler müssen fürchten, dass sie ihre Arbeit nicht fortführen können. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Leonardo da Vinci hatte den Dreh raus. Seine mechanischen Darstellungen sind auf den ersten Blick große Kunst. Und auf den zweiten und dritten noch viel mehr und vor allem ein spannendes Kapitel der Technikgeschichte.

Das haben Historiker der RWTH Aachen um den emeritierten Professor Dietrich Lohrmann in einem Projekt, finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), aufgearbeitet. Sie haben ihre Ergebnisse in einer aufwendigen Edition im Internet publiziert.

Obwohl die RWTH Aachen nicht nur landesweit ihren exzellenten Ruf als technische Hochschule pflegt, ist das Thema Technikgeschichte nur präsent, weil es Historiker wie Dietrich Lohrmann, Thomas Kreft und Ulrich Alertz mit viel Engagement und öffentlichen Fördermitteln betreiben. Der Blick der TH geht in der Regel in die Zukunft, da bleibt viel Vergangenheit auf der Strecke.

Die 1987/88 eingeführte Disziplin Technikgeschichte wurde mit dem Ausscheiden von Professor Walter Kaiser nicht fortgeführt. Sie war von der Elektrotechnik finanziert worden. Als Kaiser in den Ruhestand ging, fand sich keine neue Regelung, das spannende Feld zu erhalten. Seit April 2013 ist das Thema tatsächlich Geschichte, die Bestände der Bibliothek werden verteilt. Es gibt andere Prioritäten an der Philosophischen Fakultät der RWTH. Wenn Technikgeschichte weiter erforscht werden will, braucht es wohl die DFG.

Sie hat es möglich gemacht, dass die Aachener Historiker etwa 1000 Zeichnungen und Skizzen erklärt und da Vincis Schriften transkribiert. Was für eine Arbeit! „Leonardo da Vinci war ein Chaot“, sagt der Aachener Historiker Thomas Kreft lachend.

Ja, das war er wohl. Der „Codex Madrid I“, da Vincis ausführlichste Studie über Maschinenbau, Maschinenelemente und die Grundlagen der Mechanik hat beispielsweise zwei Anfänge. Vorne beginnt der Codex mit Seite 1 und zeigt lauter Abbildungen. Hinten beginnt er ebenso mit Seite 1 und liefert die Erklärungen. Da Vinci schrieb noch dazu in Spiegelschrift. „Wir haben es als Herausforderung gesehen“, sagt Projektverantwortlicher Professer Dietrich Lohrmann. Gut, dass Thomas Kreft gelernter Werkzeugmacher ist. Diese Kenntnisse haben den Zugang zu da Vincis Konstruktionen maßgeblich erleichtert. Und an welche Universität würde diese Auseinandersetzung mit dem Maschinenbau besser passen als an die RWTH Aachen?

Für Dietrich Lohrmann, 77 Jahre alt, ist es das Hauptprojekt der letzten Jahre. Die Edition basiert auf 20.000 HTML-Dateien. Kein gebundenes Buch der Welt könnte da Vincis Maschinenbau derart aufarbeiten. Doch ob das Projekt fortgeführt werden kann, steht in den sprichwörtlichen Sternen. Denn die DFG fördert solche Projekte nur für vier Jahre. Ein erster Folgeantrag betreffend „Energieeffizienz bei den Renaissance-Ingenieuren“ wurde abgelehnt. Ein neuer Antrag ist gestellt. Die Entscheidung ist offen.

Dabei ist die Auseinandersetzung mit dem „Codex Madrid I“ für die Aachener Historiker noch längst nicht abgeschlossen. Die 368 Seiten, die Aufzeichnungen stammen aus den Jahren 1493 bis 1495, galten lange als verschollen, sind erst 1965 wieder aufgetaucht. Und noch immer liefern die Kurbelgetriebe, Kegelräder, Spulen und Schwungräder Stoff für weitere Essays und andere Arbeiten. Doch dafür braucht es eben die notwendigen Mittel, um die Arbeit am Aachener Institut fortzuführen.

Lohrmann ist bei den Aachener Historikern der Experte für die Technikgeschichte des Mittelalters. Der Mediävist hat sich mit den Energieproblemen der vorindustriellen Zeit auseinandergesetzt, entstanden ist eine Reihe von Aufsätzen und Dissertationen. „Es ist eine mühsame, schwierige Arbeit“, sagt Lohrmann. Gerade weil es so mühsam und schwierig und deswegen im Institutsalltag kaum zu beherrschen ist, hat sich Lohrmann schon einmal an die Deutsche Forschungsgemeinschaft gewandt.

Das Ergebnis ist eine 2006 publizierte Edition. Vier Jahre hatte er mit anderthalb Stellen, die mit DFG-Mittel zu finanzieren waren, um eine Handschrift von 1424, ein Ingenieurtraktat der Renaissance, zu analysieren und aufzuarbeiten. Es war eine Handschrift, die in den Tiefen der Vatikanischen Bibliothek ruhte und erst 1997 wieder entdeckt wurde.

590 Jahre alt ist die Schrift und das älteste bekannte Traktat über Mechanik abseits von militärischen Schriften. Der Autor, das hat Technikhistoriker Ulrich Alertz heraufgefunden, kommt aus NRW – genauer: Es ist Konrad Gruter aus Werden. Die Aachener schufen die erste Edition seiner Handschrift mit 72 Abbildungen. Und widmeten sich nach Projektende erneut mit DFG-Mitteln dann eben Leonardo da Vinci.

Die Aachener Historiker wollen den Stand der Technik um das Jahr 1500 so gut es eben geht dokumentieren. Faszinierend berichten sie, wie sie immer wieder auf Bezüge zu modernster Technik gestoßen sind. Schon da Vinci fragte sich, wann Reibung hilft und wann sie stört. Während der Arbeit haben sie viel Interesse und auch Unterstützung aus den RWTH-Ingenieurwissenschaften erfahren. Und Reibung ist immer noch ein Thema in den Laboren der Hochschulen. Was an dieser Stelle bleibt, ist somit auch die Frage: Muss sich jede Technische Hochschule nicht grundsätzlich eine Technikgeschichte leisten?

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