„So eine Situation muss man selbst erlebt haben!”

Von: Sarah Sillius
Letzte Aktualisierung:
Ein schleichender Prozess: Men
Ein schleichender Prozess: Menschen mit Demenzerkrankungen verlernen Schritt für Schritt alles, was sie seit frühester Kindheit gelernt haben. Foto: ddp

Stolberg. Eine alte Dame sitzt im Wintergarten, hat die Hände in den Schoß gelegt und schaut auf den verschneiten Garten. Mit ihrem sorgfältig gebügelten Rock, ihrer schicken weißen Bluse, der Strickjacke und ihren ordentlich frisierten weißen Haaren sieht sie aus, als würde sie gleich zum Sonntagskaffee gehen.

Aber Irma Friedrich (Namen geändert) geht nirgendwo mehr hin. Sie ist schwer demenzkrank. Ihr Blick wirkt leer. „Dass draußen Schnee liegt, nimmt sie gar nicht mehr wahr”, sagt ihre Tochter Andrea traurig. Sie ist gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen und wirkt erschöpft. Doch Zeit für sich bleibt ihr nicht. Wie an jedem Nachmittag und an jedem Wochenende widmet sie sich der Pflege ihrer Mutter.

Beruflich sehr eingespannt

Heute ist sie sehr besorgt: „Oma ist ganz schlecht drauf.” Sie streichelt ihrer Mutter über die Hand und setzt sich neben sie an den Esstisch. Tochter Lena, die nicht mehr im Elternhaus wohnt, ist spontan zu Besuch. Sie gießt ihrer Oma Traubensaft ein. Dann kommt auch ihr Vater Peter Hoffmann dazu. Er ist beruflich sehr eingespannt und hat unregelmäßige Arbeitszeiten, so dass es ein Zufall ist, dass heute alle drei zu Hause sind.

Vormittags, während Andrea und Peter Hoffmann arbeiten, sind zwei häusliche Pflegekräfte vor Ort. Wer sich wann um die Oma kümmert, muss für den Rest der Zeit gut organisiert sein. Eigentlich passt Andrea Hoffmann ihrem Profil nach genau in eine der Zielgruppen, die CDU-Familienministerin Kristina Schröder mit dem Vorschlag der Familienpflegezeit ansprechen will. Für Hoffmann aber würde die Familienpflegezeit, sollte sie überhaupt durchgesetzt werden, nicht in Frage kommen: „Es gibt Berufe, bei denen das einfach nicht machbar ist.”

Andrea Hoffmann hat eine Führungsposition inne und kann sich nicht von heute auf morgen dazu entscheiden, nur noch die Hälfte der Zeit zu arbeiten. Genauso geht es ihrem Mann. Davon abgesehen hält sie Schröders Modell insgesamt für wenig durchdacht. „Wer solche Vorschläge macht, muss eine derartige Situation erst einmal selbst erlebt haben. Es sieht doch keiner, welche Sorgen und Einschränkungen mit der familiären Pflege verbunden sind.” Aber Hoffmann weiß auch, dass sie zu ihrer Situation niemand gezwungen hat. Sie hat sich ja eigenständig und bewusst, zusammen mit ihrer Familie, für die häusliche Pflege entschieden. „Das ist eben meine Vorstellung von einer Großfamilie, dass Oma und Opa mit am Tisch sitzen, bis sie die Augen zumachen.”

Schleichender Prozess

Es ist für sie selbstverständlich, als Familie füreinander da zu sein. Das geht natürlich nur, wenn alle, auch die Kinder, mit an einem Strang ziehen. Das Einzige, was sie von Gesellschaft und Politik erwartet, ist mehr Verständnis. Wie schlimm die Demenzerkrankung ist, das werde von der Öffentlichkeit noch immer nicht ausreichend anerkannt.

Auch sie selbst hatte früher keine Ahnung, wie belastend es werden würde, ihre Mutter zu pflegen, die Frau, die früher einmal eine so starke Persönlichkeit und enge Bezugsperson für sie war. Einen Spaziergang machen, essen gehen oder einkaufen, solche Selbstverständlichkeiten gibt es für Andrea Hoffmann heute nicht mehr. Und wenn, dann sind die Unternehmungen nie spontan, sondern von langer Hand geplant. Aber diesen Verzicht nimmt sie in Kauf: „Meine Mutter hat meine Kinder mit groß gezogen, damit ich Karriere machen konnte. Ich habe ihr versprochen, dass sie nie in ein Heim muss. Aus tiefster Dankbarkeit und emotionaler Nähe will ich ihr diesen Wunsch auch erfüllen.”

Tochter Lena passt oft auf ihre Großmutter auf, damit die Eltern zumindest hin und wieder etwas Zeit für sich haben. Lena sieht Schröders Modell ebenso kritisch: „Es soll sozial sein, ist es aber in Wirklichkeit gar nicht.” Mehr helfen würde es, sind sich Lena und ihre Mutter einig, wenn sich die betroffenen Familien nicht mit so vielen bürokratischen Hürden herumschlagen müssten. Anträge stellen, Behördengänge machen und Hilfen mühsam erkämpfen: All das macht die schwierige Situation in ihren Augen noch schlimmer.

Lena packt für ihre Oma eine Schokopraline aus. Die mochte sie früher immer so gern. „Ist mir zu süß”, sagt die Oma jetzt und isst die Praline dann doch. Es war vor etwa drei Jahren, als Andrea Hoffmann erste Anzeichen einer Demenz bemerkte. „Sie blieb plötzlich in der Stadt stehen, starrte ewig auf ein und dasselbe Schaufenster.” Andrea Hoffmann hat die Demenz nicht gleich erkannt. Es war, wie in den meisten Fällen, ein schleichender Prozess. „Früher war die Oma eine ordentliche Frau, hat aufgeräumt, die Blumen gegossen und den Garten bepflanzt”, erinnert sich Peter Hoffmann.

Leider schreitet die Demenz weiter voran. Die Persönlichkeit, die Irma Friedrich einmal war, gibt es nicht mehr. Besonders Andrea Hoffmann kann das schwer akzeptieren. Immer noch versucht sie, ihre Mutter mit Gesellschaftsspielen zu beschäftigen oder sie in alltägliche Abläufe einzubinden. Doch alle Versuche schlagen inzwischen fehl: Dann landet das Blumenwasser auf dem Boden, die Oma weiß nicht mehr, wo sie das Geschirr hinräumen soll. Mittlerweile kann Irma Hoffmann gar nicht mehr unbeaufsichtigt bleiben.

„Am Donnerstag hat die Oma Scherze gemacht und sich gefreut, dass wir gelacht haben. Weißt du noch, Oma?” Irma Friedrich reagiert nicht. Sie blickt immer noch aus dem Fenster, auf den verschneiten Garten. An Vergangenes erinnert sie sich nicht mehr.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert